Thoughts Out of Season, Part II

By Friedrich Nietzsche

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reflection on moral questions that has occupied every great
developed society at all epochs?" There is no fame for that now, and
there are none to reflect: we are really drawing on the inherited
moral capital which our predecessors accumulated for us, and which we
do not know how to increase, but only to squander. Such things are
either not mentioned in our society, or, if at all, with a naïve want
of personal experience that makes one disgusted. It comes to this,
that our schools and professors simply turn aside from any moral
instruction or content themselves with formulæ; virtue is a word and
nothing more, on both sides, an old-fashioned word that they laugh
at--and it is worse when they do not laugh, for then they are
hypocrites.

An explanation of this faint-heartedness and ebbing of all moral
strength would be difficult and complex: but whoever is considering
the influence of Christianity in its hour of victory on the morality
of the mediæval world, must not forget that it reacts also in its
defeat, which is apparently its position to-day. By its lofty ideal,
Christianity has outbidden the ancient Systems of Ethics and their
invariable naturalism, with which men came to feel a dull disgust:
and afterwards when they did reach the knowledge of what was better
and higher, they found they had no longer the power, for all their
desire, to return to its embodiment in the antique virtues. And so
the life of the modern man is passed in see-sawing between
Christianity and Paganism, between a furtive or hypocritical approach
to Christian morality, and an equally shy and spiritless dallying
with the antique: and he does not thrive under it. His inherited fear
of naturalism, and its more recent attraction for him, his desire to
come to rest somewhere, while in the impotence of his intellect he
swings backwards and forwards between the "good" and the "better"
course--all this argues an instability in the modern mind that
condemns it to be without joy or fruit. Never were moral teachers
more necessary and never were they more unlikely to be found:
physicians are most in danger themselves in times when they are most
needed and many men are sick. For where are our modern physicians who
are strong and sure-footed enough to hold up another or lead him by
the hand? There lies a certain heavy gloom on the best men of our
time, an eternal loathing for the battle that is fought in their
hearts between honesty and lies, a wavering of trust in themselves,
which makes them quite incapable of showing to others

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Text Comparison with Jenseits von Gut und Böse

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"Wo der Mensch nichts mehr zu sehen und zu greifen hat, da hat er auch nichts mehr zu suchen" - das ist freilich ein anderer Imperativ als der Platonische, welcher aber doch für ein derbes arbeitsames Geschlecht von Maschinisten und Brückenbauern der Zukunft, die lauter grobe Arbeit abzuthun haben, gerade der rechte Imperativ sein mag.
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Seht euch vor, ihr Philosophen und Freunde der Erkenntniss, und hütet euch vor dem Martyrium! Vor dem Leiden "um der Wahrheit willen"! Selbst vor der eigenen Vertheidigung! Es verdirbt eurem Gewissen alle Unschuld und feine Neutralität, es macht euch halsstarrig gegen Einwände und rothe Tücher, es verdummt, verthiert und verstiert, wenn ihr im Kampfe mit Gefahr, Verlästerung, Verdächtigung, Ausstossung und noch gröberen Folgen der Feindschaft, zuletzt euch gar als Vertheidiger der Wahrheit auf Erden ausspielen müsst: - als ob "die Wahrheit" eine so harmlose und täppische Person wäre, dass sie Vertheidiger nöthig hätte! und gerade euch, ihr Ritter von der traurigsten Gestalt, meine Herren Eckensteher und Spinneweber des Geistes! Zuletzt wisst ihr gut genug, dass nichts daran liegen darf, ob gerade ihr Recht behaltet, ebenfalls dass bisher noch kein Philosoph Recht behalten hat, und dass eine preiswürdigere Wahrhaftigkeit in.
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Das Martyrium des Philosophen, seine "Aufopferung für die Wahrheit" zwingt an's Licht heraus, was vom Agitator und vom Schauspieler in ihm steckte; und gesetzt, dass man ihm nur mit einer artistischen Neugierde bisher zugeschaut hat, so kann in Bezug auf manchen Philosophen der gefährliche Wunsch freilich begreiflich sein, ihn auch einmal in seiner Entartung zu sehn (entartet zum "Märtyrer", zum Bühnen- und Tribünen-Schreihals).
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Wer aber unser Denken selbst, also "den Geist" für die Falschheit der Welt verantwortlich macht - ein ehrenhafter Ausweg, den jeder bewusste oder unbewusste advocatus dei geht -: wer diese Welt, sammt Raum, Zeit, Gestalt, Bewegung, als falsch erschlossen nimmt: ein Solcher hätte mindestens guten Anlass, gegen alles Denken selbst endlich Misstrauen zu lernen: hätte es uns nicht bisher den allergrössten Schabernack gespielt? und welche Bürgschaft dafür gäbe es, dass es nicht fortführe, zu thun, was es immer gethan hat? In allem Ernste: die Unschuld der Denker hat etwas Rührendes und Ehrfurcht Einflössendes, welche ihnen erlaubt, sich auch heute noch vor das Bewusstsein hinzustellen, mit der Bitte, dass es ihnen ehrliche Antworten gebe: zum Beispiel ob es "real" sei, und warum es eigentlich die äussere Welt sich so entschlossen vom Halse halte, und was dergleichen Fragen mehr sind.
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Man gestehe sich doch so viel ein: es bestünde gar kein Leben, wenn nicht auf dem Grunde perspektivischer Schätzungen und Scheinbarkeiten; und wollte man, mit der tugendhaften Begeisterung und Tölpelei mancher Philosophen, die "scheinbare Welt" ganz abschlaffen, nun, gesetzt, ihr könntet das, - so bliebe mindestens dabei auch von eurer "Wahrheit" nichts mehr übrig! Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme, dass es einen wesenhaften Gegensatz von "wahr" und "falsch" giebt? Genügt es nicht, Stufen der Scheinbarkeit anzunehmen und gleichsam hellere und dunklere Schatten und Gesammttöne des Scheins, - verschiedene valeurs, um die Sprache der Maler zu reden? Warum dürfte die Welt, die uns etwas angeht -, nicht eine Fiktion sein? Und wer da fragt: "aber zur Fiktion gehört ein Urheber?" - dürfte dem nicht rund geantwortet werden: Warum? Gehört dieses "Gehört" nicht vielleicht mit zur Fiktion? Ist es denn nicht erlaubt, gegen Subjekt, wie gegen Prädikat und Objekt, nachgerade ein Wenig ironisch zu sein? Dürfte sich der Philosoph nicht über die Gläubigkeit an die Grammatik erheben? Alle Achtung vor den Gouvernanten: aber wäre es nicht an der Zeit, dass die Philosophie dem Gouvernanten-Glauben absagte? - 35.
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- Noch im Hintergrunde der letztgekommenen Philosophie, der Schopenhauerischen, steht, beinahe als das Problem an sich, dieses schauerliche Fragezeichen der religiösen Krisis und Erweckung.
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Dies Alles will sagen: wir sind von Grund aus, von Alters her - an's Lügen gewöhnt.
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"Hat man denn nicht alle Ohren schon voll von schlimmen Geräuschen? sagt der Skeptiker, als ein Freund der Ruhe und beinahe als eine Art von Sicherheits-Polizei: dies unterirdische Nein ist fürchterlich! Stille endlich, ihr pessimistischen Maulwürfe!" Der Skeptiker nämlich, dieses zärtliche Geschöpf, erschrickt allzuleicht; sein Gewissen ist darauf eingeschult, bei jedem Nein, ja schon bei einem entschlossenen harten Ja zu zucken und etwas wie einen Biss zu spüren.
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Die Künstler mögen hier schon eine feinere Witterung haben.
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Es verräth Corruption der Instinkte - noch abgesehn davon, dass es schlechten Geschmack verräth -.
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Man will hier und da selbst Freigeister und Litteraten aus den Frauen machen: als ob ein Weib ohne Frömmigkeit für einen tiefen und gottlosen Mann nicht etwas vollkommen Widriges oder Lächerliches wäre -; man verdirbt fast überall ihre Nerven mit der krankhaftesten und gefährlichsten aller Arten Musik (unsrer deutschen neuesten Musik) und macht sie täglich.
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Diese ganze Musik der Romantik war überdies nicht vornehm genug, nicht Musik genug, um auch anderswo Recht zu behalten, als im Theater und vor der Menge; sie war von vornherein Musik zweiten Ranges, die unter wirklichen Musikern wenig in Betracht kam.
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sein darf, dass man die Brechung der allzustrengen Symmetrie als gewollt und als Reiz fühlt, dass man jedem staccato, jedem rubato ein feines geduldiges Ohr hinhält, dass man den Sinn in der Folge der Vocale und Diphthongen räth, und wie zart und reich sie in ihrem Hintereinander sich färben und umfärben können: wer unter bücherlesenden Deutschen ist gutwillig genug, solchergestalt Pflichten und Forderungen anzuerkennen und auf so viel Kunst und Absicht in der Sprache hinzuhorchen? Man hat zuletzt eben "das Ohr nicht dafür": und so werden die stärksten Gegensätze des Stils nicht gehört, und die feinste Künstlerschaft ist wie vor Tauben verschwendet.
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Jedes Volk hat seine eigne Tartüfferie, und heisst sie seine Tugenden.
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Es ist eine feine und zugleich vornehme Selbstbeherrschung, gesetzt, dass man überhaupt loben.