The Will to Power, Book I and II An Attempted Transvaluation of all Values

By Friedrich Nietzsche

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of the whole structure. The
"martyr," the "fanatic," the value of all _strong_ belief. Christianity
is the _form of decay_ of the old world, after the latter's collapse,
and it is characterised by the fact that it brings all the most sickly
and unhealthy elements and needs to the top.

_Consequently other_ instincts had to step into the foreground, in
order to _constitute_ an entity, a power able to stand alone--in short,
a condition of tense sorrow was necessary, like that out of which the
Jews had derived their _instinct of self-preservation...._

The persecution of Christians was invaluable for this purpose.

Unity in the face of danger; the conversion of the masses becomes the
only means of putting an end to the persecution of the individual. (The
notion "conversion" is therefore made as elastic as possible.)


174.

The _Christian Judaic_ life: here resentment did not prevail. The
great persecutions alone could have driven out the passions to that
extent--as also the _ardour of love_ and _hate._

When the creatures a man most loves are sacrificed before his eyes for
the sake of his faith, that man becomes _aggressive_; the triumph of
Christianity is due to its persecutors.

_Asceticism_ is not specifically Christian: this is what Schopenhauer
misunderstood. It only shoots up in Christianity, wherever it would
have existed without that religion.

Melancholy Christianity, the torture and torment of the conscience,
also only a peculiarity of a particular soil, where Christian values
have taken root: it is not Christianity properly speaking. Christianity
has absorbed all the different kinds of diseases which grow from morbid
soil: one could refute it at one blow by showing that it did not know
how to resist any contagion. But _that_ precisely is the essential
feature of it. Christianity is a type of decadence.


175.

The reality on which Christianity was able to build up its power
consisted of the small dispersed _Jewish families,_ with their warmth,
tenderness, and peculiar readiness to help, which, to the whole of the
Roman Empire, was perhaps the most incomprehensible and least familiar
of their characteristics; they were also united by their pride at
being a "chosen people," concealed beneath a cloak of humility, and by
their secret denial of all that was uppermost and that possessed power
and splendour, although there was no shade of envy in their denial.
_To have recognised this as a power,_ to have regarded this _blessed_
state as communicable, seductive, and infectious even where pagans
were concerned--this constituted Paul's genius: to use up the treasure
of latent energy and cautious happiness for the purposes of "a Jewish
Church of free confession," and to avail himself of all

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Text Comparison with Jenseits von Gut und Böse

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3.
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Man soll darin, wie mich dünkt, diesen skeptischen Anti-Wirklichen und Erkenntniss-Mikroskopikern von heute Recht geben: ihr Instinkt, welcher sie aus der modernen Wirklichkeit hinwegtreibt, ist unwiderlegt, - was gehen uns ihre rückläufigen Schleichwege an! Das Wesentliche an ihnen ist nicht, dass sie "zurück" wollen: sondern, dass sie - weg wollen.
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jedem kleinen Fragezeichen liegen dürfte, welches ihr hinter eure Leibworte und Lieblingslehren (und gelegentlich hinter euch selbst) setzt, als in allen feierlichen Gebärden und Trümpfen vor Anklägern und Gerichtshöfen! Geht lieber bei Seite! Flieht in's Verborgene! Und habt eure Maske und Feinheit, dass man euch verwechsele! Oder ein Wenig fürchte! Und vergesst mir den Garten nicht, den Garten mit goldenem Gitterwerk! Und habt Menschen um euch, die wie ein Garten sind, - oder wie Musik über Wassern, zur Zeit des Abends, wo der Tag schon zur Erinnerung wird: - wählt die gute Einsamkeit, die freie muthwillige leichte Einsamkeit, welche euch auch ein Recht giebt, selbst in irgend einem Sinne noch gut zu bleiben! Wie giftig, wie listig, wie schlecht macht jeder lange Krieg, der sich nicht mit offener Gewalt führen lässt! Wie persönlich macht eine lange Furcht, ein langes Augenmerk auf Feinde, auf mögliche Feinde! Diese Ausgestossenen der Gesellschaft, diese Lang-Verfolgten, Schlimm-Gehetzten, - auch die Zwangs-Einsiedler, die Spinoza's oder Giordano Bruno's - werden zuletzt immer, und sei es unter der geistigsten Maskerade, und vielleicht ohne dass sie selbst es wissen, zu raffinirten Rachsüchtigen und Giftmischern (man grabe doch einmal den Grund der Ethik und Theologie Spinoza's auf!) - gar nicht zu reden von der Tölpelei der moralischen Entrüstung, welche an einem Philosophen das unfehlbare Zeichen dafür ist, dass ihm der philosophische Humor davon lief.
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ist er der gewöhnlichere, gleichgültigere, unbelehrendere Fall.
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vielmehr: ist dies nicht bereits geschehen? waren wir nicht selbst - diese "edle Nachwelt"? Und ist es nicht gerade jetzt, insofern wir dies begreifen, - damit vorbei? 39.
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Nicht an unsern eignen Tugenden hängen bleiben und als Ganzes das Opfer irgend einer Einzelheit an uns werden, zum Beispiel unsrer "Gastfreundschaft": wie es die Gefahr der.
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In vielen Ländern des Geistes zu Hause, mindestens zu Gaste gewesen; den dumpfen angenehmen Winkeln immer wieder entschlüpft, in die uns Vorliebe und Vorhass, Jugend, Abkunft, der Zufall von Menschen und Büchern, oder selbst die Ermüdungen der Wanderschaft zu bannen schienen; voller Bosheit gegen die Lockmittel der Abhängigkeit, welche in Ehren, oder Geld, oder Ämtern, oder Begeisterungen der Sinne versteckt liegen; dankbar sogar gegen Noth und.
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Die Dichter sind gegen ihre Erlebnisse schamlos: sie beuten sie aus.
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Ja! und Nein! - das geht ihm wider die Moral; umgekehrt liebt er es, seiner Tugend mit der edlen Enthaltung ein Fest zu machen, etwa indem er mit Montaigne spricht: "was weiss ich?" Oder mit Sokrates: "ich weiss, dass ich Nichts weiss".
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Kritische Zucht und jede Gewöhnung, welche zur Reinlichkeit und Strenge in Dingen des Geistes führt, werden diese Philosophen der Zukunft nicht nur von sich verlangen: sie dürften sie wie ihre Art Schmuck selbst zur Schau tragen, - trotzdem wollen sie deshalb noch nicht Kritiker heissen.
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Zur Zeit des Sokrates, unter lauter Menschen des ermüdeten Instinktes, unter conservativen Altathenern, welche sich gehen liessen - "zum Glück", wie sie sagten, zum Vergnügen, wie sie thaten - und die dabei immer noch die alten prunkvollen Worte in den Mund nahmen, auf die ihnen ihr Leben längst kein Recht mehr gab, war vielleicht Ironie zur Grösse der Seele nöthig, jene sokratische boshafte Sicherheit des alten Arztes und Pöbelmanns, welcher schonungslos in's eigne Fleisch schnitt, wie in's Fleisch und Herz des "Vornehmen", mit einem Blick, welcher verständlich genug sprach: "verstellt euch vor mir nicht! Hier - sind wir gleich!" Heute umgekehrt, wo in Europa das Heerdenthier allein zu Ehren kommt und Ehren vertheilt, wo die "Gleichheit der Rechte" allzuleicht sich in die Gleichheit im Unrechte umwandeln könnte: ich will sagen in gemeinsame Bekriegung alles Seltenen, Fremden, Bevorrechtigten, des höheren Menschen, der höheren Seele, der höheren Pflicht, der höheren Verantwortlichkeit, der schöpferischen Machtfülle und Herrschaftlichkeit - heute gehört das Vornehm-sein, das Für-sich-sein-wollen, das Anders-sein-können, das Allein-stehn und auf-eigne-Faust-leben-müssen zum Begriff "Grösse"; und der Philosoph wird Etwas von seinem eignen Ideal verrathen, wenn er aufstellt: "der soll der Grösste sein, der der Einsamste sein kann, der Verborgenste, der Abweichendste, der Mensch jenseits von Gut und Böse, er Herr seiner Tugenden, der überreiche des Willens; dies eben soll Grösse heissen: ebenso vielfach als ganz, ebenso weit als voll sein können.
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Wie es im Reich der Sterne mitunter zwei Sonnen sind, welche die Bahn Eines Planeten bestimmen, wie in gewissen Fällen Sonnen verschiedener Farbe um einen einzigen Planeten leuchten, bald mit rothem Lichte, bald mit grünen Lichte, und dann wieder gleichzeitig ihn treffend und bunt überfluthend: so sind wir modernen Menschen, Dank der complicirten Mechanik unsres "Sternenhimmels" - durch verschiedene Moralen bestimmt; unsre Handlungen leuchten abwechselnd in verschiedenen Farben, sie sind selten eindeutig, - und es giebt genug Fälle, wo wir bunte Handlungen thun.
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in welcher Shakespeare's Kunst und Geschmack lebt, so wenig stören, als etwa auf der Chiaja Neapels: wo wir mit allen unsren Sinnen, bezaubert und willig, unsres Wegs gehn, wie sehr auch die Cloaken der Pöbel-Quartiere in der Luft sind.
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Dabei muss man freilich die tölpelhafte Psychologie von Ehedem davon jagen, welche von der Grausamkeit nur zu lehren wusste, dass sie beim Anblicke fremden Leides entstünde: es giebt einen reichlichen, überreichlichen Genuss auch am eignen Leiden, am eignen Sich-leiden-machen, - und wo nur der Mensch zur Selbst-Verleugnung im religiösen Sinne oder zur Selbstverstümmelung, wie bei Phöniziern und Asketen, oder überhaupt zur Entsinnlichung, Entfleischung, Zerknirschung, zum puritanischen Busskrampfe, zur Gewissens-Vivisektion und zum Pascalischen sacrifizio dell'intelletto sich überreden lässt, da wird er heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und vorwärts gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der gegen sich selbst gewendeten Grausamkeit.
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Wie? Und damit soll es nun zu Ende sein? Und die Entzauberung des Weibes ist im Werke? Die Verlangweiligung des Weibes kommt langsam herauf? Oh Europa! Europa! Man kennt das Thier mit Hörnern, welches für dich immer am anziehendsten war, von dem dir immer wieder Gefahr droht! Deine alte Fabel könnte noch einmal zur "Geschichte" werden, - noch einmal- könnte eine ungeheure Dummheit über dich Herr werden und dich davon tragen! Und unter ihr kein Gott versteckt, nein! nur eine "Idee", eine "moderne Idee"!.
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Machen wir also den Versuch, über die deutsche Tiefe umzulernen: man hat Nichts dazu nöthig, als ein wenig Vivisektion der deutschen Seele.
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- Wanderer, wer bist du? Ich sehe dich deines Weges gehn, ohne Hohn, ohne Liebe, mit unerrathbaren Augen; feucht und traurig wie ein Senkblei, das ungesättigt aus jeder Tiefe wieder an's Licht gekommen - was suchte es da unten? -, mit einer Brust, die nicht seufzt, mit einer Lippe, die ihren Ekel verbirgt, mit einer Hand, die nur noch langsam greift: wer bist du? was thatest du? Ruhe dich hier aus: diese Stelle ist gastfreundlich für Jedermann, - erhole dich! Und wer du auch sein magst: was gefällt dir jetzt? Was dient dir zur Erholung? Nenne es nur: was ich.
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Seine Affekte, sein Für und Wider willkürlich haben und nicht haben, sich auf sie herablassen, für Stunden; sich auf sie setzen, wie auf Pferde, oft wie auf Esel: - man muss nämlich ihre Dummheit so gut wie ihr Feuer zu nützen wissen.
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Die Unmännlichkeit dessen, was in solchen Schwärmerkreisen "Mitleid" getauft wird, springt, wie ich meine, immer zuerst in die Augen.