Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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gewollt und grossgezüchtet wird, ist billig genug,
auch begreiflich genug; was sich schwerer begreift, ist, dass
ebendamit - das Weib entartet. Dies geschieht heute: täuschen wir uns
nicht darüber! Wo nur der industrielle Geist über den militärischen
und aristokratischen Geist gesiegt hat, strebt jetzt das Weib nach der
wirthschaftlichen und rechtlichen Selbständigkeit eines Commis: "das
Weib als Commis" steht an der Pforte der sich bildenden modernen
Gesellschaft. Indem es sich dergestalt neuer Rechte bemächtigt, "Herr"
zu werden trachtet und den "Fortschritt" des Weibes auf seine Fahnen
und Fähnchen schreibt, vollzieht sich mit schrecklicher Deutlichkeit
das Umgekehrte: das Weib geht zurück. Seit der französischen
Revolution ist in Europa der Einfluss des Weibes in dem Maasse
geringer geworden, als es an Rechten und Ansprüchen zugenommen hat;
und die "Emancipation des Weibes", insofern sie von den Frauen selbst
(und nicht nur von männlichen Flachköpfen) verlangt und gefördert
wird, ergiebt sich dergestalt als ein merkwürdiges Symptom von
der zunehmenden Schwächung und Abstumpfung der allerweiblichsten
Instinkte. Es ist Dummheit in dieser Bewegung, eine beinahe
maskulinische Dummheit, deren sich ein wohlgerathenes Weib - das immer
ein kluges Weib ist - von Grund aus zu schämen hätte. Die Witterung
dafür verlieren, auf welchem Boden man am sichersten zum Siege kommt;
die Übung in seiner eigentlichen Waffenkunst vernachlässigen; sich vor
dem Manne gehen lassen, vielleicht sogar "bis zum Buche", wo man sich
früher in Zucht und feine listige Demuth nahm; dem Glauben des Mannes
an ein im Weibe verhülltes grundverschiedenes Ideal, an irgend
ein Ewig- und Nothwendig-Weibliches mit tugendhafter Dreistigkeit
entgegenarbeiten; dem Manne es nachdrücklich und geschwätzig ausreden,
dass das Weib gleich einem zarteren, wunderlich wilden und oft
angenehmen Hausthiere erhalten, versorgt, geschützt, geschont
werden müsse; das täppische und entrüstete Zusammensuchen all des
Sklavenhaften und Leibeigenen, das die Stellung des Weibes in der
bisherigen Ordnung der Gesellschaft an sich gehabt hat und noch hat
(als ob Sklaverei ein Gegenargument und nicht vielmehr eine Bedingung
jeder höheren Cultur, jeder Erhöhung der Cultur sei): - was bedeutet
dies Alles, wenn nicht eine Anbröckelung der weiblichen Instinkte,
eine Entweiblichung? Freilich, es giebt genug blödsinnige
Frauen-Freunde und Weibs-Verderber unter den gelehrten Eseln
männlichen Geschlechts, die dem Weibe anrathen, sich dergestalt zu
entweiblichen und alle die Dummheiten nachzumachen, an denen der
"Mann" in Europa, die europäische "Mannhaftigkeit" krankt, - welche
das Weib bis zur "allgemeinen Bildung", wohl gar zum Zeitungslesen
und Politisiren herunterbringen möchten. Man will hier und da selbst
Freigeister und Litteraten aus den Frauen machen: als ob ein Weib ohne
Frömmigkeit für einen tiefen und gottlosen Mann nicht etwas vollkommen
Widriges oder Lächerliches wäre -; man verdirbt fast überall ihre
Nerven mit der krankhaftesten und gefährlichsten aller Arten Musik
(unsrer deutschen neuesten Musik) und macht sie täglich

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Text Comparison with The Twilight of the Idols - The Antichrist Complete Works, Volume Sixteen

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" Thus, to repeat it once more, it is not because Christianity availed itself of all kinds of lies that Nietzsche condemns it; for the Book of Manu--which he admires--is just as full of falsehood as the Semitic Book of Laws; but, in the Book of Manu the lies are calculated to preserve and to create a strong and noble type of man, whereas in Christianity the opposite type was the aim,--an aim which has been achieved in a manner far exceeding even the expectations of the faithful.
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The new factor, that which has not been experienced and which is unfamiliar, is excluded from the sphere of causes.
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The one lives upon the other, the one flourishes at the expense of the other.
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Almost everything that coarse popular language characterises as vicious, is merely that physiological inability to refrain from reacting.
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One can recognise the hearts that are capable of noble hospitality, by their wealth of screened windows and closed shutters: they keep their best rooms empty.
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In certain cases it is indecent to go on living.
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Above all, people tried to make me see the "incontestable superiority" of our age in regard to moral sentiment, and the _progress_ we had made in these matters.
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Concerning the problem before us, Dostoiewsky's testimony is of importance--Dostoiewsky who, incidentally, was the only psychologist from whom I had anything to learn: he belongs to the happiest windfalls of my life, happier even than the discovery of Stendhal.
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_Consequently Goethe did not understand the Greeks.
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Christianity has sided with everything weak, low, and botched; it has made an ideal out of _antagonism_ towards all the self-preservative instincts of strong life: it has corrupted even the reason of the strongest intellects, by teaching that the highest values of intellectuality are sinful, misleading and full of temptations.
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Formerly man was given "free will," as his dowry from a higher sphere; nowadays we have robbed him even of will, in view of the fact that no such faculty is any longer known.
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The prerequisite thereto was the admission of the fact that the type of the Saviour has reached us only in a very distorted form.
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" .
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One Jew more or less--what did it matter?.
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"Faith" as an imperative is a _veto_ against science,--_in praxi,_ it means lies at any price.
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At the time when the morbid and corrupted Chandala classes became Christianised in the whole of the _imperium,_ the very _contrary type,_ nobility, was extant in its finest and maturest forms.
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THE DOCTRINE EXPOUNDED AND SUBSTANTIATED.