Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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Herr geworden zu sein
eben den Stolz jener menschlicheren Zeitalter ausmacht, dass selbst
handgreifliche Wahrheiten wie auf Verabredung Jahrhunderte lang
unausgesprochen bleiben, weil sie den Anschein haben, jenem wilden,
endlich abgetödteten Thiere wieder zum Leben zu verhelfen. Ich wage
vielleicht etwas, wenn ich eine solche Wahrheit mir entschlüpfen
lasse: mögen Andre sie wieder einfangen und ihr so viel "Milch der
frommen Denkungsart" zu trinken geben, bis sie still und vergessen in
ihrer alten Ecke liegt. - Man soll über die Grausamkeit umlernen und
die Augen aufmachen; man soll endlich Ungeduld lernen, damit nicht
länger solche unbescheidne dicke Irrthümer tugendhaft und dreist
herumwandeln, wie sie zum Beispiel in Betreff der Tragödie von alten
und neuen Philosophen aufgefüttert worden sind. Fast Alles, was wir
"höhere Cultur" nennen, beruht auf der Vergeistigung und Vertiefung
der Grausamkeit - dies ist mein Satz; jenes "wilde Thier" ist gar
nicht abgetödtet worden, es lebt, es blüht, es hat sich nur -
vergöttlicht. Was die schmerzliche Wollust der Tragödie ausmacht, ist
Grausamkeit; was im sogenannten tragischen Mitleiden, im Grunde sogar
in allem Erhabenen bis hinauf zu den höchsten und zartesten Schaudern
der Metaphysik, angenehm wirkt, bekommt seine Süssigkeit allein von
der eingemischten Ingredienz der Grausamkeit. Was der Römer in der
Arena, der Christ in den Entzückungen des Kreuzes, der Spanier
Angesichts von Scheiterhaufen oder Stierkämpfen, der Japanese von
heute, der sich zur Tragödie drängt, der Pariser Vorstadt-Arbeiter,
der ein Heimweh nach blutigen Revolutionen hat, die Wagnerianerin,
welche mit ausgehängtem Willen Tristan und Isolde über sich "ergehen
lässt", - was diese Alle geniessen und mit geheimnissvoller Brunst in
sich hineinzutrinken trachten, das sind die Würztränke der grossen
Circe "Grausamkeit". Dabei muss man freilich die tölpelhafte
Psychologie von Ehedem davon jagen, welche von der Grausamkeit nur
zu lehren wusste, dass sie beim Anblicke fremden Leides entstünde:
es giebt einen reichlichen, überreichlichen Genuss auch am eignen
Leiden, am eignen Sich-leiden-machen, - und wo nur der Mensch zur
Selbst-Verleugnung im religiösen Sinne oder zur Selbstverstümmelung,
wie bei Phöniziern und Asketen, oder überhaupt zur Entsinnlichung,
Entfleischung, Zerknirschung, zum puritanischen Busskrampfe, zur
Gewissens-Vivisektion und zum Pascalischen sacrifizio dell'intelletto
sich überreden lässt, da wird er heimlich durch seine Grausamkeit
gelockt und vorwärts gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der
gegen sich selbst gewendeten Grausamkeit. Zuletzt erwäge man, dass
selbst der Erkennende, indem er seinen Geist zwingt, wider den Hang
des Geistes und oft genug auch wider die Wünsche seines Herzens zu
erkennen - nämlich Nein zu sagen, wo er bejahen, lieben, anbeten
möchte -, als Künstler und Verklärer der Grausamkeit waltet; schon
jedes Tief- und Gründlich-Nehmen ist eine Vergewaltigung, ein
Wehe-thun-wollen am Grundwillen des Geistes, welcher unablässig
zum Scheine und zu den Oberflächen hin will, - schon in jedem
Erkennen-Wollen ist ein

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Text Comparison with Ecce homo, Wie man wird, was man ist

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Die Behandlung, die ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen Augenblick, flösst mir ein unsägliches Grauen ein: hier arbeitet eine vollkommene Höllenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit über den Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann - in meinen höchsten Augenblicken,.
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Ganz anders interessirt mich eine Frage, an der mehr das "Heil der Menschheit" hängt, als an irgend einer Theologen-Curiosität: die Frage der Ernährung.
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Alle Vorurtheile kommen aus den Eingeweiden.
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Wir fürchten uns Alle vor.
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Das Pathos der Attitüde gehört nicht zur Grösse; wer Attitüden überhaupt nöthig hat, ist falsch.
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Ich will nicht verwechselt werden, - dazu gehört, dass ich mich selber nicht verwechsele.
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Noch heute erinnert man mich daran, unter Umständen mitten aus dem Parsifal heraus: wie ich es eigentlich auf dem Gewissen habe, dass eine so hohe Meinung über den Cultur-Werth dieser Bewegung obenauf gekommen sei.
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Auf Seite 71 wird der Stil des Zarathustra mit einschneidender Sicherheit beschrieben und vorweggenommen; und niemals wird man einen grossartigeren Ausdruck für das Ereigniss Zarathustra, den Akt einer ungeheuren Reinigung und Weihung der Menschheit, finden, als er in den Seiten 43-46 gefunden ist.
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Nicht dass es den geringsten Pulvergeruch an sich hätte: - man wird ganz andre und viel lieblichere Gerüche an ihm wahrnehmen, gesetzt, dass man einige Feinheit in den Nüstern hat.
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Ich erzähle nunmehr die Geschichte des Zarathustra.
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Mit dem geringsten Rest von Aberglauben in sich würde man in der That die Vorstellung, bloss Incarnation, bloss Mundstück, bloss medium übermächtiger Gewalten zu sein, kaum abzuweisen wissen.
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" Man rechne den Geist und die Güte aller grossen Seelen in Eins: alle zusammen wären nicht im Stande, Eine Rede Zarathustras hervorzubringen.
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Für eine dionysische Aufgabe.
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- Warum ich ein Schicksal bin.
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Die Welt ist zum Glück nicht auf Instinkte hin gebaut, dass gerade bloss gutmüthiges Heerdengethier darin sein enges Glück fände; zu fordern, dass Alles "guter Mensch", Heerdenthier, blauäugig, wohlwollend, "schöne Seele" - oder, wie Herr Herbert Spencer es wünscht, altruistisch werden solle, hiesse dem Dasein seinen grossen Charakter nehmen, hiesse die Menschheit castriren und auf eine armselige Chineserei herunterbringen.
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- Hat man mich verstanden? - Dionysos gegen den Gekreuzigten.