Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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in welcher
Shakespeare's Kunst und Geschmack lebt, so wenig stören, als etwa
auf der Chiaja Neapels: wo wir mit allen unsren Sinnen, bezaubert
und willig, unsres Wegs gehn, wie sehr auch die Cloaken der
Pöbel-Quartiere in der Luft sind. Wir Menschen des "historischen
Sinns": wir haben als solche unsre Tugenden, es ist nicht zu
bestreiten, - wir sind anspruchslos, selbstlos, bescheiden, tapfer,
voller Selbstüberwindung, voller Hingebung, sehr dankbar, sehr
geduldig, sehr entgegenkommend: - wir sind mit Alledem vielleicht
nicht sehr "geschmackvoll". Gestehen wir es uns schliesslich zu:
was uns Menschen des "historischen Sinns" am schwersten zu fassen,
zu fühlen, nachzuschmecken, nachzulieben ist, was uns im Grunde
voreingenommen und fast feindlich findet, das ist gerade das
Vollkommene und Letzthin - Reife in jeder Cultur und Kunst, das
eigentlich Vornehme an Werken und Menschen, ihr Augenblick glatten
Meers und halkyonischer Selbstgenugsamkeit, das Goldene und Kalte,
welches alle Dinge zeigen, die sich vollendet haben. Vielleicht steht
unsre grosse Tugend des historischen Sinns in einem nothwendigen
Gegensatz zum guten Geschmacke, mindestens zum allerbesten Geschmacke,
und wir vermögen gerade die kleinen kurzen und höchsten Glücksfälle
und Verklärungen des menschlichen Lebens, wie sie hier und da
einmal aufglänzen, nur schlecht, nur zögernd, nur mit Zwang in uns
nachzubilden: jene Augenblicke und Wunder, wo eine grosse Kraft
freiwillig vor dem Maasslosen und Unbegrenzten stehen blieb -, wo
ein Überfluss von feiner Lust in der plötzlichen Bändigung und
Versteinerung, im Feststehen und Sich-Fest-Stellen auf einem noch
zitternden Boden genossen wurde. Das Maass ist uns fremd, gestehen
wir es uns; unser Kitzel ist gerade der Kitzel des Unendlichen,
Ungemessenen. Gleich dem Reiter auf vorwärts schnaubendem Rosse lassen
wir vor dem Unendlichen die Zügel fallen, wir modernen Menschen, wir
Halbbarbaren - und sind erst dort in unsrer Seligkeit, wo wir auch am
meisten - in Gefahr sind.


225.

Ob Hedonismus, ob Pessimismus, ob Utilitarismus, ob Eudämonismus:
alle diese Denkweisen, welche nach Lust und Leid, das heisst nach
Begleitzuständen und Nebensachen den Werth der Dinge messen, sind
Vordergrunds-Denkweisen und Naivetäten, auf welche ein Jeder, der sich
gestaltender Kräfte und eines Künstler-Gewissens bewusst ist, nicht
ohne Spott, auch nicht ohne Mitleid herabblicken wird. Mitleiden mit
euch! das ist freilich nicht das Mitleiden, wie ihr es meint: das ist
nicht Mitleiden mit der socialen "Noth", mit der "Gesellschaft" und
ihren Kranken und Verunglückten, mit Lasterhaften und Zerbrochnen von
Anbeginn, wie sie rings um uns zu Boden liegen; das ist noch weniger
Mitleiden mit murrenden gedrückten aufrührerischen Sklaven-Schichten,
welche nach Herrschaft - sie nennen's "Freiheit" - trachten. Unser
Mitleiden ist ein höheres fernsichtigeres Mitleiden: - wir sehen, wie
der Mensch sich verkleinert, wie ihr ihn verkleinert! - und es giebt
Augenblicke, wo wir gerade eurem Mitleiden mit einer unbeschreiblichen
Beängstigung zusehn, wo

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Text Comparison with Ecce Homo Complete Works, Volume Seventeen

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NIETZSCHE_) The Complete Works of Friedrich Nietzsche The First Complete and Authorised English Translation Edited by Dr Oscar Levy Volume Seventeen T.
Page 6
The "true world" and the "apparent world"--in plain English, the fictitious world and reality.
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Thirdly, I never make personal attacks--I use a personality merely as a magnifying-glass, by means of which I render a general, but elusive and scarcely noticeable evil, more apparent.
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It was the war which first saved the spirit of France.
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The scholar is a decadent.
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.
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" .
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After all, I have absolutely no reason to renounce the hope for a Dionysian future of music.
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As a matter of fact it contradicts five or six of my friend's utterances: only read the introduction to _The Genealogy of Morals_ on this question.
Page 59
This book closes with the word "or?"--it is the only book which closes with an "or?".
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It actually seems, to use one of Zarathustra's own phrases, as if all things came to one, and offered themselves as similes.
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"My joy in giving died with the deed.
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Who doubts that I, old artillery-man that I am, would be able if I liked to point my _heavy_ guns at Wagner?--Everything decisive in this question I kept to myself--I have loved Wagner.
Page 82
Thus, I am necessarily a man of Fate.
Page 83
Zarathustra was the first to see in the struggle between good and evil the essential wheel in the working of things.
Page 98
Strangeness is to me too dear-- Genoa has sunk and passed-- Heart, be cool! Hand, firmly steer! Sea before me: land--at last? Firmly let us plant our feet, Ne'er can we give up this game-- From the distance what doth greet? One death, one happiness, one fame.
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"] [Footnote 6: Published by Nietzsche himself.
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--Silence! My truth is speaking!-- "Woe to thee, Zarathustra! Thou lookest like one That hath swallowed gold: They will slit up thy belly yet! Thou art too rich, Thou corrupter of many! Thou makest too many jealous, Too many poor.
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Solitude withers And lastly destroys.
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