Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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in
gemeiner Sprache Nervenschwäche und Kränklichkeit nennt; sie entsteht
jedes Mal, wenn sich in entscheidender und plötzlicher Weise lang
von einander abgetrennte Rassen oder Stände kreuzen. In dem neuen
Geschlechte, das gleichsam verschiedene Maasse und Werthe in's Blut
vererbt bekommt, ist Alles Unruhe, Störung, Zweifel, Versuch; die
besten Kräfte wirken hemmend, die Tugenden selbst lassen einander
nicht wachsen und stark werden, in Leib und Seele fehlt Gleichgewicht,
Schwergewicht, perpendikuläre Sicherheit. Was aber in solchen
Mischlingen am tiefsten krank wird und entartet, das ist der Wille:
sie kennen das Unabhängige im Entschlusse, das tapfere Lustgefühl im
Wollen gar nicht mehr, - sie zweifeln an der "Freiheit des Willens"
auch noch in ihren Träumen. Unser Europa von heute, der Schauplatz
eines unsinnig plötzlichen Versuchs von radikaler Stände- und folglich
Rassenmischung, ist deshalb skeptisch in allen Höhen und Tiefen, bald
mit jener beweglichen Skepsis, welche ungeduldig und lüstern von
einem Ast zum andern springt, bald trübe wie eine mit Fragezeichen
überladene Wolke, - und seines Willens oft bis zum Sterben satt!
Willenslähmung: wo findet man nicht heute diesen Krüppel sitzen! Und
oft noch wie geputzt! Wie verführerisch herausgeputzt! Es giebt die
schönsten Prunk- und Lügenkleider für diese Krankheit; und dass zum
Beispiel das Meiste von dem, was sich heute als "Objektivität",
"Wissenschaftlichkeit", "l'art pour l'art", "reines willensfreies
Erkennen" in die Schauläden stellt, nur aufgeputzte Skepsis und
Willenslähmung ist, - für diese Diagnose der europäischen Krankheit
will ich einstehn. - Die Krankheit des Willens ist ungleichmässig über
Europa verbreitet: sie zeigt sich dort am grössten und vielfältigsten,
wo die Cultur schon am längsten heimisch ist, sie verschwindet
im dem Maasse, als "der Barbar" noch - oder wieder - unter dem
schlotterichten Gewande von westländischer Bildung sein Recht geltend
macht. Im jetzigen Frankreich ist demnach, wie man es ebenso leicht
erschliessen als mit Händen greifen kann, der Wille am schlimmsten
erkrankt; und Frankreich, welches immer eine meisterhafte
Geschicklichkeit gehabt hat, auch die verhängnisvollen Wendungen
seines Geistes in's Reizende und Verführerische umzukehren, zeigt
heute recht eigentlich als Schule und Schaustellung aller Zauber der
Skepsis sein Cultur-Übergewicht über Europa. Die Kraft zu wollen,
und zwar einen Willen lang zu wollen, ist etwas stärker schon in
Deutschland, und im deutschen Norden wiederum stärker als in der
deutschen Mitte; erheblich stärker in England, Spanien und Corsika,
dort an das Phlegma, hier an harte Schädel gebunden, - um nicht von
Italien zu reden, welches zu jung ist, als dass es schon wüsste, was
es wollte, und das erst beweisen muss, ob es wollen kann -, aber am
allerstärksten und erstaunlichsten in jenem ungeheuren Zwischenreiche,
wo Europa gleichsam nach Asien zurückfliesst, in Russland. Da ist die
Kraft zu wollen seit langem zurückgelegt und aufgespeichert, da wartet
der

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Text Comparison with The Antichrist

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CONTENTS PAGE INTRODUCTION BY H.
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The will to power was his answer to Christianity's affectation of humility and self-sacrifice; eternal recurrence was his mocking criticism of Christian optimism and millennialism; the superman was his.
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He was not, in point of fact, involved with the visible enemy, save in remote and transient ways; the German, officially, remained the most ardent of Christians during the war and became a democrat at its close.
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been pretty well convinced.
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There was thunder in our air; nature, as we embodied it, became overcast--_for we had not yet found the way_.
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True enough, it succeeds in isolated and individual cases in various parts of the earth and under the most widely different cultures, and in these cases a _higher_ type certainly manifests itself; something which, compared to mankind in the mass, appears as a sort of superman.
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Aristotle, as every one knows, saw in pity a sickly and dangerous state of mind, the remedy for which was an occasional purgative: he regarded tragedy as that purgative.
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The success of Kant is merely a theological success; he was, like Luther and Leibnitz, but one more impediment to German integrity, already far from steady.
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--So much for the three Christian virtues: faith, hope and charity: I call them the three Christian _ingenuities_.
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But his disciples were very far from _forgiving_ his death--though to have done so would have accorded with the Gospels in the highest degree; and neither were they prepared to _offer_ themselves, with gentle and serene calmness of heart, for a similar death.
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Paul, with that rabbinical impudence which shows itself in all his doings, gave a logical quality to that conception, that _indecent_ conception, in this way: "_If_ Christ did not rise from the dead, then all our faith is in vain!"--And at once there sprang from the Gospels the most contemptible of all unfulfillable promises, the _shameless_ doctrine of personal immortality.
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At the time when the sick and rotten Chandala classes in the whole _imperium_ were Christianized, the _contrary type_, the nobility, reached its finest and ripest development.
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--And, considering the fact that its labour was merely.
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from the _dies nefastus_ when this fatality befell--from the _first_ day of Christianity!--_Why not rather from its last?_--_From today?_--The transvaluation of all values!.