Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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mag
es vor Allem das Menschliche, Allzumenschliche, kurz die Armseligkeit
der neueren Philosophen selbst gewesen sein, was am gründlichsten der
Ehrfurcht vor der Philosophie Abbruch gethan und dem pöbelmännischen
Instinkte die Thore aufgemacht hat. Man gestehe es sich doch ein, bis
zu welchem Grade unsrer modernen Welt die ganze Art der Heraklite,
Plato's, Empedokles', und wie alle diese königlichen und prachtvollen
Einsiedler des Geistes geheissen haben, abgeht; und mit wie gutem
Rechte Angesichts solcher Vertreter der Philosophie, die heute Dank
der Mode ebenso oben-auf als unten-durch sind - in Deutschland zum
Beispiel die beiden Löwen von Berlin, der Anarchist Eugen Dühring
und der Amalgamist Eduard von Hartmann - ein braver Mensch der
Wissenschaft sich besserer Art und Abkunft fühlen darf. Es ist
in Sonderheit der Anblick jener Mischmasch-Philosophen, die sich
"Wirklichkeits-Philosophen" oder "Positivisten" nennen, welcher
ein gefährliches Misstrauen in die Seele eines jungen, ehrgeizigen
Gelehrten zu werfen im Stande ist: das sind ja besten Falls selbst
Gelehrte und Spezialisten, man greift es mit Händen! - das sind ja
allesammt überwundene und unter die Botmässigkeit der Wissenschaft
Zurückgebrachte, welche irgendwann einmal mehr von sich gewollt haben,
ohne ein Recht zu diesem "mehr" und seiner Verantwortlichkeit zu haben
- und die jetzt, ehrsam, ingrimmig, rachsüchtig, den Unglauben an die
Herren-Aufgabe und Herrschaftlichkeit der Philosophie mit Wort und
That repräsentiren. Zuletzt: wie könnte es auch anders sein! Die
Wissenschaft blüht heute und hat das gute Gewissen reichlich im
Gesichte, während Das, wozu die ganze neuere Philosophie allmählich
gesunken ist, dieser Rest Philosophie von heute, Misstrauen und
Missmuth, wenn nicht Spott und Mitleiden gegen sich rege macht.
Philosophie auf "Erkenntnisstheorie" reduzirt, thatsächlich nicht
mehr als eine schüchterne Epochistik und Enthaltsamkeitslehre: eine
Philosophie, die gar nicht über die Schwelle hinweg kommt und sich
peinlich das Recht zum Eintritt verweigert - das ist Philosophie in
den letzten Zügen, ein Ende, eine Agonie, Etwas das Mitleiden macht.
Wie könnte eine solche Philosophie - herrschen!


205.

Die Gefahren für die Entwicklung des Philosophen sind heute in
Wahrheit so vielfach, dass man zweifeln möchte, ob diese Frucht
überhaupt noch reif werden kann. Der Umfang und der Thurmbau der
Wissenschaften ist in's Ungeheure gewachsen, und damit auch die
Wahrscheinlichkeit, dass der Philosoph schon als Lernender müde wird
oder sich irgendwo festhalten und "spezialisiren" lässt: so dass
er gar nicht mehr auf seine Höhe, nämlich zum Überblick, Umblick,
Niederblick kommt. Oder er gelangt zu spät hinauf, dann, wenn seine
beste Zeit und Kraft schon vorüber ist; oder beschädigt, vergröbert,
entartet, so dass sein Blick, sein Gesammt-Werthurtheil wenig mehr
bedeutet. Gerade die Feinheit seines intellektuellen Gewissens lässt
ihn vielleicht unterwegs zögern und sich verzögern; er fürchtet die
Verführung zum Dilettanten, zum Tausendfuss und Tausend-Fühlhorn,
er weiss es zu gut, dass

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Text Comparison with Human, All-Too-Human: A Book for Free Spirits, Part 2

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His previous works comprise only the philological treatises, _The Birth of Tragedy_, and the essays on Strauss, Schopenhauer, and Wagner in _Thoughts out of Season_.
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In so far he is an impostor.
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They take the part of magic--that is, they let God work himself (_oremus nos, Deus laboret_).
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HOW FAR EVEN IN THE GOOD THE HALF MAY BE MORE THAN THE WHOLE.
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is to avoid provoking Socialism--in other words, to live in moderation and contentment, to prevent as far as possible all lavish display, and to aid the State as far as possible in its taxing of all superfluities and luxuries.
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For "the nation," as a nation of soldiers, need never be supplied with a good conscience in war--it has one already.
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PRAYER TO MANKIND.
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The belief in free will--that is to say, in similar facts and isolated facts--finds in language its continual apostle and advocate.
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One might imagine the clucking of a hen even before she lays.
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Hence it looks as if morals had not sprung from utility, whereas in fact morals are originally the public utility, which had great difficulty in prevailing over the interests of the unit and securing a loftier reputation.
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A KIND OF REST AND CONTEMPLATION.
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--Christianity first painted the devil on the wall of the world.
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84.
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--Some one who had long reflected on these vistas finally cried in great horror, "But, Heaven help us, perhaps we already have that original culture--only we don't like to talk about it!" 92.
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Hence literary style.
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--Add to this cure of intellects that humanity, on considerations of bodily health, must strive to discover by means of a medical geography what kinds of degeneration and disease are caused by each region of the earth, and conversely, what ingredients of health the earth affords: and then, gradually, nations, families, and individuals must be transplanted long and permanently enough for them to become masters of their inherited physical infirmities.
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This shame is no disgrace.
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THE EYE'S DOUBLE SENSE.
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Formerly, all buying from handicraftsmen meant a mark of distinction for their personalities, with whose productions people surrounded themselves.
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What at present goes by that name is distinguished from older forms of government only by the fact that it drives with new horses; the roads and the wheels are the same as of yore.