Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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droht. Ich meine, man muss von seiner
Erfahrung aus - Erfahrung bedeutet, wie mich dünkt, immer schlimme
Erfahrung? - ein Recht haben, über eine solche höhere Frage des Rangs
mitzureden: um nicht wie die Blinden von der Farbe oder wie Frauen
und Künstler gegen die Wissenschaft zu reden ("ach, diese schlimme
Wissenschaft! seufzt deren Instinkt und Scham, sie kommt immer
dahinter!" -). Die Unabhängigkeits-Erklärung des wissenschaftlichen
Menschen, seine Emancipation von der Philosophie, ist eine der
feineren Nachwirkungen des demokratischen Wesens und Unwesens: die
Selbstverherrlichung und Selbstüberhebung des Gelehrten steht heute
überall in voller Blüthe und in ihrem besten Frühlinge, - womit noch
nicht gesagt sein soll, dass in diesem Falle Eigenlob lieblich röche.
"Los von allen Herren!" - so will es auch hier der pöbelmännische
Instinkt; und nachdem sich die Wissenschaft mit glücklichstem Erfolge
der Theologie erwehrt hat, deren "Magd" sie zu lange war, ist sie nun
in vollem Übermuthe und Unverstande darauf hin aus, der Philosophie
Gesetze zu machen und ihrerseits einmal den "Herrn" - was sage ich!
den Philosophen zu spielen. Mein Gedächtniss - das Gedächtniss eines
wissenschaftlichen Menschen, mit Verlaub! - strotzt von Naivetäten des
Hochmuths, die ich seitens junger Naturforscher und alter Ärzte über
Philosophie und Philosophen gehört habe (nicht zu reden von den
gebildetsten und eingebildetsten aller Gelehrten, den Philologen und
Schulmännern, welche Beides von Berufs wegen sind -). Bald war es der
Spezialist und Eckensteher, der sich instinktiv überhaupt gegen alle
synthetischen Aufgaben und Fähigkeiten zur Wehre setzte; bald der
fleissige Arbeiter, der einen Geruch von otium und der vornehmen
Üppigkeit im Seelen-Haushalte des Philosophen bekommen hatte und
sich dabei beeinträchtigt und verkleinert fühlte. Bald war es jene
Farben-Blindheit des Nützlichkeits-Menschen, der in der Philosophie
Nichts sieht, als eine Reihe widerlegter Systeme und einen
verschwenderischen Aufwand, der Niemandem "zu Gute kommt". Bald sprang
die Furcht vor verkappter Mystik und Grenzberichtigung des Erkennens
hervor; bald die Missachtung einzelner Philosophen, welche sich
unwillkürlich zur Missachtung der Philosophie verallgemeinert hatte.
Am häufigsten endlich fand ich bei jungen Gelehrten hinter der
hochmüthigen Geringschätzung der Philosophie die schlimme Nachwirkung
eines Philosophen selbst, dem man zwar im Ganzen den Gehorsam
gekündigt hatte, ohne doch aus dem Banne seiner wegwerfenden
Werthschätzungen anderer Philosophen herausgetreten zu sein: - mit
dem Ergebniss einer Gesammt-Verstimmung gegen alle Philosophie.
(Dergestalt scheint mir zum Beispiel die Nachwirkung Schopenhauer's
auf das neueste Deutschland zu sein: - er hat es mit seiner
unintelligenten Wuth auf Hegel dahin gebracht, die ganze letzte
Generation von Deutschen aus dem Zusammenhang mit der deutschen Cultur
herauszubrechen, welche Cultur, Alles wohl erwogen, eine Höhe und
divinatorische Feinheit des historischen Sinns gewesen ist: aber
Schopenhauer selbst war gerade an dieser Stelle bis zur Genialität
arm, unempfänglich, undeutsch.) Überhaupt in's Grosse gerechnet,

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Text Comparison with Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister

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In solchen unzähligen, aber sehr kleinen Dosen, in welchen die Bosheit sich geltend macht, ist sie ein mächtiges Reizmittel des Lebens: ebenso wie das Wohlwollen, in gleicher Form durch die Menschenwelt hin verbreitet, das allezeit bereite Heilmittel ist.
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Er wird gut genannt, weil er "wozu" gut ist; da aber Wohlwollen, Mitleiden und dergleichen in dem Wechsel der Sitten immer als "gut wozu", als nützlich empfunden wurde, so nennt man jetzt vornehmlich den Wohlwollenden, Hülfreichen "gut".
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Gute Handlungen sind sublimirte böse; böse Handlungen sind vergröberte, verdummte gute.
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Auf diesen krankhaften Excess des Gefühls, auf die dazu nöthige tiefe Kopf- und Herz-Corruption wirken alle psychologischen Erfindungen des Christenthums hin: es will vernichten, zerbrechen, betäuben, berauschen, es will nur Eins.
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Wenn er früher in allen Begebnissen Warnungen, Drohungen, Strafen und jede Art von Anzeichen des göttlichen Zornes zu erblicken glaubte, so deutet er jetzt in seine Erfahrungen die göttliche Güte hinein: diess Ereigniss kommt ihm liebevoll, jenes wie ein hülfreicher Fingerzeig, ein drittes und namentlich seine ganze freudige Stimmung als Beweis vor, dass Gott gnädig sei.
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- Der Denker und ebenso der Künstler, welcher sein besseres Selbst in Werke geflüchtet hat, empfindet eine fast boshafte Freude, wenn er sieht, wie sein Leib und Geist langsam von der Zeit angebrochen und zerstört werden, als ob er aus einem Winkel einen Dieb an seinem Geldschranke arbeiten sähe, während er weiss, dass dieser leer ist und alle Schätze gerettet sind.
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Der Stein ist mehr Stein als früher.
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Die erziehende Umgebung will jeden Menschen unfrei machen, indem sie ihm immer die geringste Zahl von Möglichkeiten vor Augen stellt.
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Es lag in dem Zufall einer ausserordentlichen Constellation der Politik, dass damals Luther erhalten blieb und jener Protest Kraft gewann: denn der Kaiser schützte ihn, um seine Neuerung gegen den Papst als Werkzeug des Druckes zu verwenden, und ebenfalls begünstigte ihn im Stillen der Papst, um die protestantischen Reichsfürsten als Gegengewicht gegen den Kaiser zu benutzen.
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Er denkt mit Trauer an seinen Ursprung und ist oft beschämt, oft reizbar.
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Bei den Griechen geht es schnell vorwärts, aber eben so schnell abwärts; die Bewegung der ganzen Maschine ist so gesteigert, dass ein einziger Stein, in ihre Räder geworfen, sie zerspringen macht.
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Die hohe Cultur wird einem kühnen Tanze ähnlich sehen: wesshalb, wie gesagt, viel Kraft und Geschmeidigkeit noth thut.
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- Kurz, man soll der hochmüthigen Vereinsamung nicht so leicht das Wort reden.
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Ohne dass sie es merken, handeln die Frauen so, als wenn man dem wandernden Mineralogen die Steine vom Wege nimmt, damit sein Fuss nicht daran stosse, - während er gerade ausgezogen ist, um daran zu stossen.
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- Für Menschen, welche bei jeder Sache den höheren Nutzen in's Auge fassen, giebt es bei.
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Ohne Beihülfe der Priester kann auch jetzt noch keine Macht "legitim" werden: wie Napoleon begriff.
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An der Verbreitung und Verwirklichung dieser Vorstellung zu arbeiten, ist freilich ein ander Ding: man muss sehr anmaassend von seiner Vernunft denken und die Geschichte kaum halb verstehen, um schon jetzt die Hand an den Pflug zu legen, - während noch Niemand die Samenkörner aufzeigen kann, welche auf das zerrissene Erdreich nachher gestreut werden sollen.
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Sie haben eben die Tiefe an's Licht gebracht: da giebt es immer viel Schlimmes zu sehen.
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- Das leichte Befassen mit freien Meinungen giebt einen Reiz, wie eine Art jucken; giebt man ihm mehr nach, so fängt man an, die Stellen zu reiben; bis zuletzt eine offene schmerzende Wunde entsteht, das heisst: bis die freie Meinung uns in unserer Lebensstellung, unsern menschlichen Beziehungen zu stören, zu quälen beginnt.
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Ihre Art ist es, mit herzlichem Unwillen Allem aus dem Wege zu gehen, was das Urtheil über die Dinge blendet und verwirrt; sie ist folglich eine Gegnerin der Ueberzeugungen, denn sie will Jedem, sei es ein Belebtes oder Todtes, Wirkliches oder Gedachtes, das Seine geben - und dazu muss sie es rein erkennen; sie stellt daher jedes Ding in das beste Licht und geht um dasselbe mit sorgsamem Auge herum.