Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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es laut sagen, ihr freien
Geister? Die Umstände, welche man zu ihrer Entstehung theils schaffen,
theils ausnützen müsste; die muthmaasslichen Wege und Proben, vermöge
deren eine Seele zu einer solchen Höhe und Gewalt aufwüchse, um den
Zwang zu diesen Aufgaben zu empfinden; eine Umwerthung der Werthe,
unter deren neuem Druck und Hammer ein Gewissen gestählt, ein
Herz in Erz verwandelt würde, dass es das Gewicht einer solchen
Verantwortlichkeit ertrüge; andererseits die Nothwendigkeit solcher
Führer, die erschreckliche Gefahr, dass sie ausbleiben oder missrathen
und entarten könnten - das sind unsre eigentlichen Sorgen und
Verdüsterungen, ihr wisst es, ihr freien Geister? das sind die
schweren fernen Gedanken und Gewitter, welche über den Himmel unseres
Lebens hingehn. Es giebt wenig so empfindliche Schmerzen, als einmal
gesehn, errathen, mitgefühlt zu haben, wie ein ausserordentlicher
Mensch aus seiner Bahn gerieth und entartete: wer aber das seltene
Auge für die Gesammt-Gefahr hat, dass "der Mensch" selbst entartet,
wer, gleich uns, die ungeheuerliche Zufälligkeit erkannt hat, welche
bisher in Hinsicht auf die Zukunft des Menschen ihr Spiel spielte -
ein Spiel, an dem keine Hand und nicht einmal ein "Finger Gottes"
mitspielte! - wer das Verhängniss, erräth, das in der blödsinnigen
Arglosigkeit und Vertrauensseligkeit der "modernen Ideen", noch mehr
in der ganzen christlich-europäischen Moral verborgen liegt: der
leidet an einer Beängstigung, mit der sich keine andere vergleichen
lässt, - er fasst es ja mit Einem Blicke, was Alles noch, bei einer
günstigen Ansammlung und Steigerung von Kräften und Aufgaben, aus
dem Menschen zu züchten wäre, er weiss es mit allem Wissen seines
Gewissens, wie der Mensch noch unausgeschöpft für die grössten
Möglichkeiten ist, und wie oft schon der Typus Mensch an
geheimnissvollen Entscheidungen und neuen Wegen gestanden hat: -
er weiss es noch besser, aus seiner schmerzlichsten Erinnerung, an
was für erbärmlichen Dingen ein Werdendes höchsten Ranges bisher
gewöhnlich zerbrach, abbrach, absank, erbärmlich ward. Die
Gesammt-Entartung des Menschen, hinab bis zu dem, was heute den
socialistischen Tölpeln und Flachköpfen als ihr "Mensch der Zukunft"
erscheint, - als ihr Ideal! - diese Entartung und Verkleinerung des
Menschen zum vollkommenen Heerdenthiere (oder, wie sie sagen, zum
Menschen der "freien Gesellschaft"), diese Verthierung des Menschen
zum Zwergthiere der gleichen Rechte und Ansprüche ist möglich, es ist
kein Zweifel! Wer diese Möglichkeit einmal bis zu Ende gedacht hat,
kennt einen Ekel mehr, als die übrigen Menschen, - und vielleicht auch
eine neue Aufgabe!....




Sechstes Hauptstück:

Wir Gelehrten.

204.

Auf die Gefahr hin, dass Moralisiren sich auch hier als Das
herausstellt, was es immer war - nämlich als ein unverzagtes montrer
ses plaies, nach Balzac -, möchte ich wagen, einer ungebührlichen und
schädlichen Rangverschiebung entgegenzutreten, welche sich heute, ganz
unvermerkt und wie mit dem besten Gewissen, zwischen Wissenschaft
und Philosophie herzustellen

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Text Comparison with The Antichrist

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It seemed to be generally felt, in fact, that they simply _must_ be saved from the wreck--that the world would vanish into chaos if they went the way of the revelations supporting them.
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His shade, wherever it suffers, is favoured in these days by many such consolations, some of them of much greater horsepower.
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Perhaps it would tremble less if it could combat the monster with a clearer conscience and less burden of compromising theory--if it could launch its forces frankly at the fundamental doctrine, and not merely employ them to police the transient orgy.
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This is going on; this is being done.
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We no longer derive man from the "spirit," from the "godhead"; we have dropped him back among the beasts.
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When Christianity departed from its native soil, that of the lowest orders, the _underworld_ of the ancient world, and began seeking power among barbarian peoples, it no longer had to deal with _exhausted_ men, but with men still inwardly savage and capable of self-torture--in brief, strong men, but bungled men.
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legends in spite of his legends.
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The man of today--I am suffocated by his foul breath!.
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".
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--But let us admit, for the sake of politeness, that blessedness by faith may be demonstrated (--_not_ merely hoped for, and _not_ merely promised by the suspicious lips of a priest): even so, _could_ blessedness--in a technical term, _pleasure_--ever be a proof of truth? So little is this true that it is almost.
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--On the contrary, the need of faith, of something unconditioned by yea or nay, of Carlylism, if I may be allowed the word, is a need of _weakness_.
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