Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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irgend einer
Handlung zusammengehalten wird, welche der Förderung des Ganzen, der
res publica, dient. Zuletzt ist die "Liebe zum Nächsten" immer etwas
Nebensächliches, zum Theil Conventionelles und Willkürlich-Scheinbares
im Verhältniss zur Furcht vor dem Nächsten. Nachdem das Gefüge der
Gesellschaft im Ganzen festgestellt und gegen äussere Gefahren
gesichert erscheint, ist es diese Furcht vor dem Nächsten, welche
wieder neue Perspektiven der moralischen Werthschätzung schafft.
Gewisse starke und gefährliche Triebe, wie Unternehmungslust,
Tollkühnheit, Rachsucht, Verschlagenheit, Raubgier, Herrschsucht, die
bisher in einem gemeinnützigen Sinne nicht nur geehrt unter anderen
Namen, wie billig, als den eben gewählten sondern gross-gezogen und
-gezüchtet werden mussten (weil man ihrer in der Gefahr des Ganzen
gegen die Feinde des Ganzen beständig bedurfte), werden nunmehr
in ihrer Gefährlichkeit doppelt stark empfunden - jetzt, wo die
Abzugskanäle für sie fehlen - und schrittweise, als unmoralisch,
gebrandmarkt und der Verleumdung preisgegeben. Jetzt kommen die
gegensätzlichen Triebe und Neigungen zu moralischen Ehren; der
Heerden-Instinkt zieht, Schritt für Schritt, seine Folgerung. Wie viel
oder wie wenig Gemein-Gefährliches, der Gleichheit Gefährliches in
einer Meinung, in einem Zustand und Affekte, in einem Willen, in einer
Begabung liegt, das ist jetzt die moralische Perspektive: die Furcht
ist auch hier wieder die Mutter der Moral. An den höchsten und
stärksten Trieben, wenn sie, leidenschaftlich ausbrechend, den
Einzelnen weit über den Durchschnitt und die Niederung des
Heerdengewissens hinaus und hinauf treiben, geht das Selbstgefühl
der Gemeinde zu Grunde, ihr Glaube an sich, ihr Rückgrat gleichsam,
zerbricht: folglich wird man gerade diese Triebe am besten brandmarken
und verleumden. Die hohe unabhängige Geistigkeit, der Wille zum
Alleinstehn, die grosse Vernunft schon werden als Gefahr empfunden;
Alles, was den Einzelnen über die Heerde hinaushebt und dem Nächsten
Furcht macht, heisst von nun an böse; die billige, bescheidene,
sich einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das Mittelmaass der
Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren. Endlich, unter sehr
friedfertigen Zuständen, fehlt die Gelegenheit und Nöthigung immer
mehr, sein Gefühl zur Strenge und Härte zu erziehn; und jetzt beginnt
jede Strenge, selbst in der Gerechtigkeit, die Gewissen zu stören;
eine hohe und harte Vornehmheit und Selbst-Verantwortlichkeit
beleidigt beinahe und erweckt Misstrauen, "das Lamm", noch mehr "das
Schlaf" gewinnt an Achtung. Es giebt einen Punkt von krankhafter
Vermürbung und Verzärtlichung in der Geschichte der Gesellschaft, wo
sie selbst für ihren Schädiger, den Verbrecher Partei nimmt, und zwar
ernsthaft und ehrlich. Strafen: das scheint ihr irgendworin unbillig,
- gewiss ist, dass die Vorstellung "Strafe" und "Strafen-Sollen"
ihr wehe thut, ihr Furcht macht. "Genügt es nicht, ihn ungefährlich
machen? Wozu noch strafen? Strafen selbst ist fürchterlich!" - mit
dieser Frage zieht die Heerden-Moral, die Moral der Furchtsamkeit ihre
letzte Consequenz. Gesetzt, man könnte überhaupt die Gefahr, den Grund
zum Fürchten abschaffen, so hätte man diese Moral

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Text Comparison with The Will to Power, Book III and IV An Attempted Transvaluation of all Values

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"the unconceivableness of its negation is the ultimate test of the truth of a proposition.
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Here, while discussing questions such as "The Order of Rank," he is so thoroughly in his exclusive sphere, that practically every line, even if it were isolated and taken bodily from the context, would bear the unmistakable character of its author.
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The intellect cannot criticise itself, simply because it can be compared with no other kind of intellect, and also because its ability to know would only reveal itself in the presence of "actual reality"; that is to say, because, in order to criticise the intellect, we should have to be higher creatures with "absolute knowledge.
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The fiction of a world which corresponds to our desires; psychological artifices and interpretations calculated to associate all that we honour and regard as pleasant, with this _real world.
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Against the desire for reconciliation and peaceableness.
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It is a matter of making _an inventory of human experiences:_ granting that man, or rather the _human eye and the ability to form concepts,_ have been the eternal witnesses of all things.
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Even among jurists who consider themselves liberal, the oldest and most valuable significance of punishment is still misunderstood--it is not even known.
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754.
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means and nothing _more_! But nowadays people are trying to understand _the herd_ as they would an individual, and to confer higher rights upon it than upon isolated personalities.
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, Act I.
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If one is clear as to the "wherefore" of one's life, then the "how" of it can take care of itself.
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.
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_--People have scarcely got the courage yet to bring to light the natural utility and necessity of asceticism for the purpose of the _education of the will.
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_Artificial_ accentuation: whether by means of exciting chemicals or exciting errors ("hallucinations.
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It does not covet _other_ people's virtues.
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What will become of a man who no longer has any reasons for either defence or attack? What will remain of his _passions_ when he has lost those which form his defence and his weapons? 925.
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--We have a loathing of demagogism, of enlightenment, of amiability, and plebeian familiarity.
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hearty, nor modest, except _inter pares_; that one is _always playing a part.
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Now, the history of every culture shows a diminution of this _fear of the accidental, of the uncertain, and of the unexpected.