Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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Theil des Erlebnisses und sind
kaum dazu zu zwingen, nicht als "Erfinder" irgend einem Vorgange
zuzuschauen. Dies Alles will sagen: wir sind von Grund aus, von Alters
her - an's Lügen gewöhnt. Oder, um es tugendhafter und heuchlerischer,
kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr Künstler als man
weiss. - In einem lebhaften Gespräch sehe ich oftmals das Gesicht der
Person, mit der ich rede, je nach dem Gedanken, den sie äussert, oder
den ich bei ihr hervorgerufen glaube, so deutlich und feinbestimmt
vor mir, dass dieser Grad von Deutlichkeit weit über die Kraft meines
Sehvermögens hinausgeht: - die Feinheit des Muskelspiels und des
Augen-Ausdrucks muss also von mir hinzugedichtet sein. Wahrscheinlich
machte die Person ein ganz anderes Gesicht oder gar keins.


193.

Quidquid luce fuit, tenebris agit: aber auch umgekehrt. Was wir im
Traume erleben, vorausgesetzt, dass wir es oftmals erleben, gehört
zuletzt so gut zum Gesammt-Haushalt unsrer Seele, wie irgend etwas
"wirklich" Erlebtes: wir sind vermöge desselben reicher oder ärmer,
haben ein Bedürfniss mehr oder weniger und werden schliesslich am
hellen lichten Tage, und selbst in den heitersten Augenblicken unsres
wachen Geistes, ein Wenig von den Gewöhnungen unsrer Träume gegängelt.
Gesetzt, dass Einer in seinen Träumen oftmals geflogen ist und
endlich, sobald er träumt, sich einer Kraft und Kunst des Fliegens
wie seines Vorrechtes bewusst wird, auch wie seines eigensten
beneidenswerthen Glücks: ein Solcher, der jede Art von Bogen und
Winkeln mit dem leisesten Impulse verwirklichen zu können glaubt,
der das Gefühl einer gewissen göttlichen Leichtfertigkeit kennt,
ein "nach, Oben" ohne Spannung und Zwang, ein "nach Unten" ohne
Herablassung und Erniedrigung - ohne Schwere! - wie sollte der Mensch
solcher Traum-Erfahrungen und Traum-Gewohnheiten nicht endlich auch
für seinen wachen Tag das Wort "Glück" anders gefärbt und bestimmt
finden! wie sollte er nicht anders nach Glück - verlangen
"Aufschwung", so wie dies von Dichtern beschrieben wird, muss ihm,
gegen jenes "Fliegen" gehalten, schon zu erdenhaft, muskelhaft,
gewaltsam, schon zu "schwer" sein.


194.

Die Verschiedenheit der Menschen zeigt sich nicht nur in der
Verschiedenheit ihrer Gütertafeln, also darin, dass sie verschiedene
Güter für erstrebenswerth halten und auch über das Mehr und Weniger
des Werthes, über die Rangordnung der gemeinsam anerkannten Güter mit
einander uneins sind: - sie zeigt sich noch mehr in dem, was ihnen
als wirkliches Haben und Besitzen eines Gutes gilt. In Betreff eines
Weibes zum Beispiel gilt dem Bescheideneren schon die Verfügung über
den Leib und der Geschlechtsgenuss als ausreichendes und genugthuendes
Anzeichen des Habens, des Besitzens; ein Anderer, mit seinem
argwöhnischeren und anspruchsvolleren Durste nach Besitz, sieht das
"Fragezeichen", das nur Scheinbare eines solchen Habens, und will
feinere Proben, vor Allem, um zu wissen, ob das Weib nicht nur ihm
sich giebt, sondern

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Text Comparison with Human, All-Too-Human: A Book for Free Spirits, Part 1 Complete Works, Volume Six

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Idealism is foreign to me: the title says, 'Where _you_ see ideal things,.
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FIRST DIVISION.
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THE KILL-JOY IN SCIENCE.
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(Thus, according to travellers' tales, savages still do to this very day.
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In the same way a selection amongst the forms and customs of the higher moralities is taking place, of which the aim can be nothing else than the downfall of the lower moralities.
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They are backward people whose brains, through all manner of accidents in the course of inheritance, have not been developed in so delicate and manifold a way.
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means of healing.
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The fundamental antithesis which has taught man the distinction between moral and immoral, between good and evil, is not the "egoistic" and "un-egoistic," but the being bound to the tradition, law, and solution thereof.
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to preserve or defend themselves, to prevent personal injury; they lie where cunning and dissimulation are the right means of self-preservation.
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166.
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all ages have exalted and divinely transfigured precisely those ideas which we now recognise as false; they are the glorifiers of humanity's religious and philosophical errors, and they could not have been this without belief in the absolute truth of these errors.
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Were this State reached, mankind would have grown too weary to be still capable of producing genius.
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If this necessity of the higher culture is not satisfied, the further course of human development can almost certainly be foretold: the interest in what is true ceases as it guarantees less pleasure; illusion, error, and imagination reconquer step by step the ancient territory, because they are united to pleasure; the ruin of science: the relapse into barbarism is the next result; mankind must begin to weave its web afresh after having, like Penelope, destroyed it during the night.
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--When we contradict another's opinion and at the same time develop our own, the constant consideration of the other opinion usually disturbs the.
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Furthermore, the faculty for having good friends is greater in many people than the faculty for being a good friend.
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--Mothers are readily jealous of the friends of sons who are particularly successful.
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The aims referred to: the production of descendants, will be accidental, and their successful education highly improbable.
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To disapprove of women's methods and generously to honour the motives that prompt them--that is man's nature and often enough his despair.
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religion was made a private affair.
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--There is true modesty (that is the knowledge that we are not the works we create); and it is especially becoming in a great mind, because such a mind can well grasp the thought of absolute irresponsibility (even for the good it creates).