Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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von den
Instinkten lösen! Man muss ihnen und auch der Vernunft zum Recht
verhelfen, - man muss den Instinkten folgen, aber die Vernunft
überreden, ihnen dabei mit guten Gründen nachzuhelfen. Dies war die
eigentliche Falschheit jenes grossen geheimnissreichen Ironikers; er
brachte sein Gewissen dahin, sich mit einer Art Selbstüberlistung
zufrieden zu geben: im Grunde hatte er das Irrationale im moralischen
Urtheile durchschaut. - Plato, in solchen Dingen unschuldiger und ohne
die Verschmitztheit des Plebejers, wollte mit Aufwand aller Kraft -
der grössten Kraft, die bisher ein Philosoph aufzuwenden hatte! - sich
beweisen, dass Vernunft und Instinkt von selbst auf Ein Ziel zugehen,
auf das Gute, auf "Gott"; und seit Plato sind alle Theologen und
Philosophen auf der gleichen Bahn, - das heisst, in Dingen der Moral
hat bisher der Instinkt, oder wie die Christen es nennen, "der
Glaube", oder wie ich es nenne, "die Heerde" gesiegt. Man müsse
denn Descartes ausnehmen, den Vater des Rationalismus (und folglich
Grossvater der Revolution), welcher der Vernunft allein Autorität
zuerkannte: aber die Vernunft ist nur ein Werkzeug, und Descartes war
oberflächlich.


192.

Wer der Geschichte einer einzelnen Wissenschaft nachgegangen ist,
der findet in ihrer Entwicklung einen Leitfaden zum Verständniss der
ältesten und gemeinsten Vorgänge alles "Wissens und Erkennens": dort
wie hier sind die voreiligen Hypothesen, die Erdichtungen, der gute
dumme Wille zum "Glauben", der Mangel an Misstrauen und Geduld zuerst
entwickelt, - unsre Sinne lernen es spät, und lernen es nie ganz,
feine treue vorsichtige Organe der Erkenntniss zu sein. Unserm Auge
fällt es bequemer, auf einen gegebenen Anlass hin ein schon öfter
erzeugtes Bild wieder zu erzeugen, als das Abweichende und Neue eines
Eindrucks bei sich festzuhalten: letzteres braucht mehr Kraft, mehr
"Moralität". Etwas Neues hören ist dem Ohre peinlich und schwierig;
fremde Musik hören wir schlecht. Unwillkürlich versuchen wir, beim
Hören einer andren Sprache, die gehörten Laute in Worte einzuformen,
welche uns vertrauter und heimischer klingen: so machte sich zum
Beispiel der Deutsche ehemals aus dem gehörten arcubalista das Wort
Armbrust zurecht. Das Neue findet auch unsre Sinne feindlich und
widerwillig; und überhaupt herrschen schon bei den "einfachsten"
Vorgängen der Sinnlichkeit die Affekte, wie Furcht, Liebe, Hass,
eingeschlossen die passiven Affekte der Faulheit. - So wenig ein Leser
heute die einzelnen Worte (oder gar Silben) einer Seite sämmtlich
abliest - er nimmt vielmehr aus zwanzig Worten ungefähr fünf nach
Zufall heraus und "erräth" den zu diesen fünf Worten muthmaasslich
zugehörigen Sinn -, eben so wenig sehen wir einen Baum genau und
vollständig, in Hinsicht auf Blätter, Zweige, Farbe, Gestalt; es fällt
uns so sehr viel leichter, ein Ungefähr von Baum hin zu phantasiren.
Selbst inmitten der seltsamsten Erlebnisse machen wir es noch ebenso:
wir erdichten uns den grössten

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Text Comparison with We Philologists Complete Works of Friedrich Nietzsche, Volume 8

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Although at the first reading, therefore, this book may seem to be rather fragmentary, there are two main lines of thought running through it: an incisive criticism of German professors, and a number of constructive ideas as to what classical culture really should be.
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he may even compose a song of thanksgiving to "Providence.
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what then becomes of the classicism of the Greeks and Romans? The points to be proved are-- (_a_) The disparity between philologists and the ancients.
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How strange! The manner in which they live shows that they think very little of themselves: they merely esteem themselves in so far as they waste their energy on trifles (whether these be mean or frivolous desires, or the trashy concerns of their everyday calling).
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We take up our positions again in the ranks, work in our own little corner, and hope that what we do may be of some small profit to our successors.
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Philology now derives its power only from the union between the philologists who will not, or cannot, understand antiquity and public opinion, which is misled by prejudices in regard to it.
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In the first place there is the prejudice expressed in the synonymous concept, "The study of the humanities": antiquity is classic because it is the school of the humane.
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These people have borrowed their power from the strong prejudices in favour of antiquity,--this must be made clear.
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33 If the gymnasium is to train young men for science, people now say there can be no more preliminary preparation for any particular science, so comprehensive have all the sciences become.
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When a great work of art is exhibited there is always some one who not.
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Bentley remained silent for some time as if he were turning the matter over in his mind.
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" In order that this "freedom" may be rightly estimated, just look at the philologists! 66 Classical education! Yea, if there were only as much paganism as Goethe found and glorified in Winckelmann, even that would not be much.
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" The want of "rationalism" in the Greeks.
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118 The happy and comfortable constitution of the politico-social position must not be sought among the Greeks .
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This amazing ability to raise one's self again, however, is Greek.
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_, Proclus.
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On this account an imitation of antiquity is a false tendency .
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Oppression by the church has been stopped.
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178 The whole feature of study lies in this: that we should study only what we feel we should like to imitate; what we gladly take up and have the desire to multiply.
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And perhaps he would not bear the slightest resemblance to the ascetic saint, but would be much more like a man of the world.