Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und als
berechtigten Herrn aller übrigen Triebe darstellen möchte. Denn
jeder Trieb ist herrschsüchtig: und als solcher versucht er zu
philosophiren. - Freilich: bei den Gelehrten, den eigentlich
wissenschaftlichen Menschen, mag es anders stehn - "besser", wenn man
will -, da mag es wirklich so Etwas wie einen Erkenntnisstrieb geben,
irgend ein kleines unabhängiges Uhrwerk, welches, gut aufgezogen,
tapfer darauf los arbeitet, ohne dass die gesammten übrigen Triebe
des Gelehrten wesentlich dabei betheiligt sind. Die eigentlichen
"Interessen" des Gelehrten liegen deshalb gewöhnlich ganz wo anders,
etwa in der Familie oder im Gelderwerb oder in der Politik; ja es ist
beinahe gleichgültig, ob seine kleine Maschine an diese oder jene
Stelle der Wissenschaft gestellt wird, und ob der "hoffnungsvolle"
junge Arbeiter aus sich einen guten Philologen oder Pilzekenner
oder Chemiker macht: - es bezeichnet ihn nicht, dass er dies oder
jenes wird. Umgekehrt ist an dem Philosophen ganz und gar nichts
Unpersönliches; und insbesondere giebt seine Moral ein entschiedenes
und entscheidendes Zeugniss dafür ab, wer er ist - das heisst, in
welcher Rangordnung die innersten Triebe seiner Natur zu einander
gestellt sind.


7.

Wie boshaft Philosophen sein können! Ich kenne nichts Giftigeres als
den Scherz, den sich Epicur gegen Plato und die Platoniker erlaubte:
er nannte sie Dionysiokolakes. Das bedeutet dem Wortlaute nach und im
Vordergrunde "Schmeichler des Dionysios", also Tyrannen-Zubehör und
Speichellecker; zu alledem will es aber noch sagen "das sind Alles
Schauspieler, daran ist nichts Ächtes" (denn Dionysokolax war eine
populäre Bezeichnung des Schauspielers). Und das Letztere ist
eigentlich die Bosheit, welche Epicur gegen Plato abschoss: ihn
verdross die grossartige Manier, das Sich-in-Scene-Setzen, worauf
sich Plato sammt seinen Schülern verstand, - worauf sich Epicur nicht
verstand! er, der alte Schulmeister von Samos, der in seinem Gärtchen
zu Athen versteckt sass und dreihundert Bücher schrieb, wer weiss?
vielleicht aus Wuth und Ehrgeiz gegen Plato? - Es brauchte hundert
Jahre, bis Griechenland dahinter kam, wer dieser Gartengott Epicur
gewesen war. - Kam es dahinter? -


8.

In jeder Philosophie giebt es einen Punkt, wo die "Überzeugung" des
Philosophen auf die Bühne tritt: oder, um es in der Sprache eines
alten Mysteriums zu sagen:

adventavit asinus
pulcher et fortissimus.


9.

"Gemäss der Natur" wollt ihr leben? Oh ihr edlen Stoiker, welche
Betrügerei der Worte! Denkt euch ein Wesen, wie es die Natur ist,
verschwenderisch ohne Maass, gleichgültig ohne Maass, ohne Absichten
und Rücksichten, ohne Erbarmen und Gerechtigkeit, fruchtbar und öde
und ungewiss zugleich, denkt euch die Indifferenz selbst als Macht
- wie könntet ihr gemäss dieser Indifferenz leben? Leben - ist
das nicht gerade ein Anders-sein-wollen, als diese Natur ist? Ist
Leben nicht Abschätzen, Vorziehn,

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Text Comparison with Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister

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Dann bleibt immer noch jene Möglichkeit übrig; aber mit ihr kann man gar Nichts anfangen, geschweige denn, dass man Glück, Heil und Leben von den Spinnenfäden einer solchen Möglichkeit abhängen lassen dürfte.
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Nun verarbeitet aber der Verstand (mit der Phantasie im Bunde) diese an sich formlosen Farbenspiele sofort zu bestimmten Figuren, Gestalten, Landschaften, belebten Gruppen.
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Vielleicht erkennen wir dann, dass das Ding an sich eines homerischen Gelächters werth ist: dass es so viel, ja Alles schien und eigentlich leer, nämlich bedeutungsleer ist.
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übrigens sich mit einer praktischen Weltbejahung ebensogut wie mit deren Gegentheile vereinigen lässt.
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erspart bleiben.
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Mitleiden erregen wollen.
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Sträflich, nie gestraft.
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Sie erkannten diess und machten auf Grund der erwähnten Eigenschaften aus ihm einen Heros und zuletzt gar einen Märtyrer.
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94.
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Die Grade der Urtheilsfähigkeit entscheiden, wohin Jemand sich durch diess Verlangen hinziehen lässt; fortwährend ist jeder Gesellschaft, jedem Einzelnen eine Rangordnung der Güter gegenwärtig, wonach er seine Handlungen bestimmt und die der Anderen beurtheilt.
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Ursprung des religiösen Cultus'.
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Zuletzt hat er als Compensation für diese Entbehrung mehr Vergnügen beim Schaffen, als die übrigen Menschen bei allen anderen Gattungen der Thätigkeit haben.
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Cultus des Genius' aus Eitelkeit.
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Schlechte Schriftsteller nothwendig.
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- Von vier Gattungen der Dinge sagen die gebundenen Geister, sie seien im Rechte.
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Ziele, Ungunst der Verhältnisse sah man ja die fruchtbarsten, mächtigsten Menschen erwachsen: wie konnte diess doch mit rechten Dingen zugehen? - jetzt wird man, bald auch in diesen Fällen, näher zusehen, sorgsamer prüfen: Wunder wird man dabei niemals entdecken.
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- Der Genius der Cultur verfährt wie Cellini, als dieser den Guss seiner Perseus-Statue machte: die flüssige Masse drohte, nicht auszureichen, aber sie sollte es: so warf er Schüsseln und Teller und was ihm sonst in die Hände kam, hinein.
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Diess Alles pflegt sich jetzt innerhalb der ersten dreissig Jahre eines Mannes zu ereignen.
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Die Souveränität des Volkes, in der Nähe gesehen, dient dazu, auch den letzten Zauber und Aberglauben auf dem Gebiete dieser Empfindungen zu verscheuchen; die moderne Demokratie ist die historische Form vom Verfall des Staates.
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Ganze Jahrtausende aber haben in jenen kindlichen Voraussetzungen gelebt und aus ihnen sind die mächtigsten Kraftquellen der Menschheit herausgeströmt.