Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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man holt es auf der Asche nach.


84.

Das Weib lernt hassen, in dem Maasse, in dem es zu bezaubern -
verlernt.


85.

Die gleichen Affekte sind bei Mann und Weib doch im Tempo verschieden:
deshalb hören Mann und Weib nicht auf, sich misszuverstehn.


86.

Die Weiber selber haben im Hintergrunde aller persönlichen Eitelkeit
immer noch ihre unpersönliche Verachtung - für das "Weib".


87.

Gebunden Herz, freier Geist. - Wenn man sein Herz hart bindet und
gefangen legt, kann man seinem Geist viele Freiheiten geben: ich sagte
das schon Ein Mal. Aber man glaubt mir's nicht, gesetzt, dass man's
nicht schon weiss.....


88.

Sehr klugen Personen fängt man an zu misstrauen, wenn sie verlegen
werden.


89.

Fürchterliche Erlebnisse geben zu rathen, ob Der, welcher sie erlebt,
nicht etwas Fürchterliches ist.


90.

Schwere, Schwermüthige Menschen werden gerade durch das, was Andre
schwer macht, durch Hass und Liebe, leichter und kommen zeitweilig an
ihre Oberfläche.


91.

So kalt, so eisig, dass man sich an ihm die Finger verbrennt! Jede
Hand erschrickt, die ihn anfasst! - Und gerade darum halten Manche ihn
für glühend.


92.

Wer hat nicht für seinen guten Ruf schon einmal - sich selbst
geopfert? -


93.

In der Leutseligkeit ist Nichts von Menschenhass, aber eben darum
allzuviel von Menschenverachtung.


94.

Reife des Mannes: das heisst den Ernst wiedergefunden haben, den man
als Kind hatte, beim Spiel.


95.

Sich seiner Unmoralität schämen: das ist eine Stufe auf der Treppe, an
deren Ende man sich auch seiner Moralität schämt.


96.

Man soll vom Leben scheiden wie Odysseus von Nausikaa schied, - mehr
segnend als verliebt.


97.

Wie? Ein grosser Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines
eignen Ideals.


98.

Wenn man sein Gewissen dressirt, so küsst es uns zugleich, indem es
beisst.


99.

Der Enttäuschte spricht. - "Ich horchte auf Widerhall, und ich hörte
nur Lob -"


100.

Vor uns selbst stellen wir uns Alle einfältiger als wir sind: wir
ruhen uns so von unsern Mitmenschen aus.


101.
Heute möchte sich ein Erkennender leicht als Thierwerdung Gottes
fühlen.


102.

Gegenliebe entdecken sollte eigentlich den Liebenden über das geliebte
Wesen ernüchtern. "Wie? es ist bescheiden genug, sogar dich zu lieben?
Oder dumm genug? Oder - oder -"


103.

Die Gefahr im Glücke. - "Nun gereicht mir Alles zum Besten, nunmehr
liebe ich jedes Schicksal: - wer hat Lust, mein Schicksal zu sein?"


104.

Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht ihrer Menschenliebe
hindert die Christen von heute, uns - zu verbrennen.


105.

Dem freien Geiste, dem "Frommen der Erkenntniss" - geht die pia fraus
noch mehr wider den Geschmack (wider seine "Frömmigkeit") als die
impia fraus. Daher sein tiefer Unverstand gegen die Kirche, wie er zum
Typus "freier Geist" gehört, - als seine Unfreiheit.


106.

Vermöge der Musik geniessen sich die Leidenschaften selbst.


107.

Wenn der Entschluss einmal gefasst ist, das Ohr auch für den besten
Gegengrund zu schliessen: Zeichen

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Text Comparison with Ecce homo, Wie man wird, was man ist

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Drittens: ich greife nie Personen an, - ich bediene mich der Person nur wie eines starken Vergrösserungsglases, mit dem man einen allgemeinen, aber schleichenden, aber wenig greifbaren Nothstand sichtbar machen kann.
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Sich zum Zweck unzureichender Ernährung auch noch den Magen verderben - dies Problem schien mir die genannte Küche zum Verwundern glücklich zu lösen.
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Und ich selber hätte zuletzt dieser Fall werden können, gesetzt, dass mich nicht die Krankheit zur Vernunft, zum Nachdenken über die Vernunft in der Realität gezwungen hätte.
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Ich nehme es als Glück ersten Rangs, zur rechten Zeit gelebt und gerade unter Deutschen gelebt zu haben, um reif für dies Werk zu sein: so weit geht bei mir die Neugierde des Psychologen.
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Aus diesem Gesichtspunkte haben selbst die Fehlgriffe des Lebens ihren eignen Sinn und Werth, die zeitweiligen Nebenwege und Abwege, die Verzögerungen, die "Bescheidenheiten", der Ernst, auf Aufgaben verschwendet, die jenseits der Aufgabe liegen.
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Denken wir uns nun einen äussersten Fall, dass ein Buch von lauter Erlebnissen redet, die gänzlich ausserhalb der Möglichkeit einer häufigen oder auch nur seltneren Erfahrung liegen, - dass es die erste Sprache für eine neue Reihe von Erfahrungen ist.
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Liebe - in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhass der Geschlechter.
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Es steht ihnen nicht frei, zu erkennen: die décadents haben die Lüge nöthig, sie ist eine ihrer Erhaltungs-Bedingungen.
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Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block unweit Surlei machte ich Halt.
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Im Grunde verdross mich dieser für den Dichter des Zarathustra unanständigste Ort der Erde, den ich nicht freiwillig gewählt hatte, über die Maassen; ich versuchte loszukommen, - ich wollte nach Aquila, dem Gegenbegriff von Rom, aus Feindschaft gegen Rom gegründet, wie ich einen Ort dereinst gründen werde, die Erinnerung an einen Atheisten und Kirchenfeind comme il faut, an einen meiner Nächstverwandten, den grossen Hohenstaufen-Kaiser Friedrich den Zweiten.
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Die kleinen Defensiv-Vermögen sind damit gleichsam ausgehängt; es fliesst ihnen keine Kraft mehr zu.
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"In alle Abgründe trage ich noch mein segnendes Jasagen".
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Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen - also wandelt jede Sonne.
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Meine natürlichen Leser und Hörer sind jetzt schon Russen, Skandinavier und Franzosen, - werden sie es immer mehr sein? - Die Deutschen sind in die Geschichte der Erkenntniss mit lauter zweideutigen Namen eingeschrieben, sie haben immer nur "unbewusste" Falschmünzer hervorgebracht (- Fichte, Schelling, Schopenhauer, Hegel, Schleiermacher gebührt dies Wort so gut wie Kant und Leibniz, es sind Alles blosse Schleiermacher -): sie sollen nie die Ehre haben, dass der erste rechtschaffne Geist in der Geschichte des Geistes, der Geist, in dem die Wahrheit zu Gericht kommt über die Falschmünzerei von vier Jahrtausenden, mit dem deutschen Geiste in Eins gerechnet wird.
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Das Erste, worauf hin ich mir einen Menschen "nierenprüfe", ist, ob er ein Gefühl für Distanz im Leibe hat, ob er überall Rang, Grad, Ordnung zwischen Mensch und Mensch sieht, ob er distinguirt damit ist man gentilhomme; in jedem andren Fall gehört man rettungslos unter den weitherzigen, ach! so gutmüthigen Begriff der canaille.
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Seine Lehre und sie allein hat die Wahrhaftigkeit als oberste Tugend - das heisst den Gegensatz zur Feigheit des "Idealisten", der vor der Realität die Flucht ergreift, Zarathustra hat mehr Tapferkeit im Leibe als alle Denker zusammengenommen.
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- Hier der Erste zu sein kann ein Fluch sein, es ist jedenfalls ein Schicksal: denn man verachtet auch als der Erste.
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- Die Entdeckung der christlichen Moral ist ein Ereigniss, das nicht seines Gleichen hat, eine wirkliche Katastrophe.