Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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bis endlich eine verkleinerte,
fast lächerliche Art, ein Heerdenthier, etwas Gutwilliges, Kränkliches
und Mittelmässiges, herangezüchtet ist, der heutige Europäer....




Viertes Hauptstück:

Sprüche und Zwischenspiele.

63.

Wer von Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine
Schüler ernst, - sogar sich selbst.


64.

"Die Erkenntniss um ihrer selbst willen" - das ist der letzte
Fallstrick, den die Moral legt: damit verwickelt man sich noch einmal
völlig in sie.


65.

Der Reiz der Erkenntniss wäre gering, wenn nicht auf dem Wege zu ihr
so viel Scham zu überwinden wäre.


65 a.

Man ist am unehrlichsten gegen seinen Gott: er darf nicht sündigen!


66.

Die Neigung, sich herabzusetzen, sich bestehlen, belügen und ausbeuten
zu lassen, könnte die Scham eines Gottes unter Menschen sein.


67.

Die Liebe zu Einem ist eine Barbarei: denn sie wird auf Unkosten aller
Übrigen ausgeübt. Auch die Liebe zu Gott.


68.

"Das habe ich gethan" sagt mein Gedächtniss. Das kann ich nicht gethan
haben - sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - giebt das
Gedächtniss nach.


69.

Man hat schlecht dem Leben zugeschaut, wenn man nicht auch die Hand
gesehn hat, die auf eine schonende Weise - tödtet.


70.

Hat man Charakter, so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer
wiederkommt.


71.

Der Weise als Astronom. - So lange du noch die Sterne fühlst als ein
"Über-dir", fehlt dir noch der Blick des Erkennenden.


72.

Nicht die Stärke, sondern die Dauer der hohen Empfindung macht die
hohen Menschen.


73.

Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe hinaus.


73 a.

Mancher Pfau verdeckt vor Aller Augen seinen Pfauenschweif - und
heisst es seinen Stolz.


74.

Ein Mensch mit Genie ist unausstehlich, wenn er nicht mindestens noch
zweierlei dazu besitzt: Dankbarkeit und Reinlichkeit.


75.

Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in den
letzten Gipfel seines Geistes hinauf.


76.

Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich
selber her.


77.

Mit seinen Grundsätzen will man seine Gewohnheiten tyrannisiren oder
rechtfertigen oder ehren oder beschimpfen oder verbergen: - zwei
Menschen mit gleichen Grundsätzen wollen damit wahrscheinlich noch
etwas Grund-Verschiedenes.


78.

Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als
Verächter.


79.

Eine Seele, die sich geliebt weiss, aber selbst nicht liebt, verräth
ihren Bodensatz: - ihr Unterstes kommt herauf.


80.

Eine Sache, die sich aufklärt, hört auf, uns etwas anzugehn. - Was
meinte jener Gott, welcher anrieth: "erkenne dich selbst"! Hiess es
vielleicht: "höre auf, dich etwas anzugehn! werde objektiv!" - Und
Sokrates? - Und der "wissenschaftliche Mensch"? -


81.

Es ist furchtbar, im Meere vor Durst zu sterben. Müsst ihr denn gleich
eure Wahrheit so salzen, dass sie nicht einmal mehr - den Durst
löscht?


82.

"Mitleiden mit Allen" - wäre Härte und Tyrannei mit dir, mein Herr
Nachbar! -


83.

Der Instinkt. - Wenn das Haus brennt, vergisst man sogar das
Mittagsessen. - Ja: aber

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Text Comparison with Ecce homo, Wie man wird, was man ist

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Ein Nordwind bin ich reifen Feigen.
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Ein paar Schritte weiter in dieser Logik, und man hat den Fakir, der wochenlang in einem Grabe schläft.
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) Aber die deutsche Küche überhaupt - was hat sie nicht Alles auf dem Gewissen! Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in Venetianischen Kochbüchern des 16.
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Die Krankheit brachte mich erst zur Vernunft.
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sich selbst mit dieser Aufgabe zu Gesicht zu bekommen.
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Ich will nicht verwechselt werden, - dazu gehört, dass ich mich selber nicht verwechsele.
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- Zuletzt kann Niemand aus den Dingen, die Bücher eingerechnet, mehr heraushören, als er bereits weiss.
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Zweifel blieb mir zurück bei Heraklit, in dessen Nähe überhaupt mir wärmer, mir wohler zu Muthe wird als irgendwo sonst.
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3.
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- In die Zwischenzeit gehört die "gaya scienza", die hundert Anzeichen der Nähe von etwas Unvergleichlichem hat; zuletzt giebt sie den Anfang des Zarathustra selbst noch, sie giebt im vorletzten Stück des vierten Buchs den Grundgedanken des Zarathustra.
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Es scheint wirklich, um an ein Wort Zarathustra's zu erinnern, als ob die Dinge selber herankämen und sich zum Gleichnisse anböten (- "hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem Rücken reiten.
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- die Seele, welche die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann, die umfänglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen kann, die nothwendigste, welche sich mit Lust in den Zufall stürzt, die seiende Seele, welche ins Werden, die habende, welche ins Wollen und Verlangen will - die sich selber fliehende, welche sich selber in weitesten Kreisen einholt, die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten zuredet, die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben - - Aber das ist der Begriff des Dionysos selbst.
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- Zarathustra bestimmt einmal, mit Strenge, seine Aufgabe - es ist auch die meine -, dass man sich über den Sinn nicht vergreifen kann: er ist ja sagend bis zur Rechtfertigung, bis zur Erlösung auch alles Vergangenen.
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Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten.
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Sie reden über Alles mit, sie halten sich selbst für entscheidend, ich fürchte, sie haben selbst über mich entschieden.
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Ich lege Werth auf diese Definition.
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