Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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es bei
ihnen nicht redlich genug zugeht: während sie allesammt einen grossen
und tugendhaften Lärm machen, sobald das Problem der Wahrhaftigkeit
auch nur von ferne angerührt wird. Sie stellen sich sämmtlich, als
ob sie ihre eigentlichen Meinungen durch die Selbstentwicklung einer
kalten, reinen, göttlich unbekümmerten Dialektik entdeckt und erreicht
hätten (zum Unterschiede von den Mystikern jeden Rangs, die ehrlicher
als sie und tölpelhafter sind - diese reden von "Inspiration" -):
während im Grunde ein vorweggenommener Satz, ein Einfall, eine
"Eingebung", zumeist ein abstrakt gemachter und durchgesiebter
Herzenswunsch von ihnen mit hinterher gesuchten Gründen vertheidigt
wird: - sie sind allesammt Advokaten, welche es nicht heissen wollen,
und zwar zumeist sogar verschmitzte Fürsprecher ihrer Vorurtheile,
die sie "Wahrheiten" taufen - und sehr ferne von der Tapferkeit des
Gewissens, das sich dies, eben dies eingesteht, sehr ferne von dem
guten Geschmack der Tapferkeit, welche dies auch zu verstehen giebt,
sei es um einen Feind oder Freund zu warnen, sei es aus Übermuth und
um ihrer selbst zu spotten. Die ebenso steife als sittsame Tartüfferie
des alten Kant, mit der er uns auf die dialektischen Schleichwege
lockt, welche zu seinem "kategorischen Imperativ" führen, richtiger
verführen - dies Schauspiel macht uns Verwöhnte lächeln, die wir keine
kleine Belustigung darin finden, den feinen Tücken alter Moralisten
und Moralprediger auf die Finger zu sehn. Oder gar jener Hocuspocus
von mathematischer Form, mit der Spinoza seine Philosophie - "die
Liebe zu seiner Weisheit" zuletzt, das Wort richtig und billig
ausgelegt - wie in Erz panzerte und maskirte, um damit von
vornherein den Muth des Angreifenden einzuschüchtern, der auf diese
unüberwindliche Jungfrau und Pallas Athene den Blick zu werfen wagen
würde: - wie viel eigne Schüchternheit und Angreifbarkeit verräth
diese Maskerade eines einsiedlerischen Kranken!


6.

Allmählich hat sich mir herausgestellt, was jede grosse Philosophie
bisher war: nämlich das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine
Art ungewollter und unvermerkter mémoires; insgleichen, dass die
moralischen (oder unmoralischen) Absichten in jeder Philosophie den
eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze
gewachsen ist. In der That, man thut gut (und klug), zur Erklärung
davon, wie eigentlich die entlegensten metaphysischen Behauptungen
eines Philosophen zu Stande gekommen sind, sich immer erst zu fragen:
auf welche Moral will es (will er -) hinaus? Ich glaube demgemäss
nicht, dass ein "Trieb zur Erkenntniss" der Vater der Philosophie ist,
sondern dass sich ein andrer Trieb, hier wie sonst, der Erkenntniss
(und der Verkenntniss!) nur wie eines Werkzeugs bedient hat. Wer aber
die Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade
hier als inspirirende Genien (oder Dämonen und Kobolde -) ihr Spiel
getrieben haben mögen, wird finden, dass sie Alle schon einmal
Philosophie getrieben haben, - und dass jeder Einzelne von ihnen
gerade

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Text Comparison with The Twilight of the Idols - The Antichrist Complete Works, Volume Sixteen

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With regard to the substance of _The Twilight of the Idols,_ Nietzsche says in _Ecce Homo_ (p.
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The cannon shot presents itself in a _causal_ manner, by means of an apparent reversal in the order of time.
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The severe slavery to which every individual nowadays is condemned by the enormous range covered by the sciences, is the.
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In the history of European culture the rise of the Empire signifies, above all, a displacement of the centre of gravity.
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"Higher education" and a vast crowd--these terms contradict each other from the start All superior education can only concern the exception: a man must be privileged in order to have a right to such a great privilege.
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--Of course, in England he is admired precisely on account of his honesty.
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At least he considers himself the equal of those about him, at least he classifies himself with them.
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"--But this, as I have already shown, is a pessimistic standpoint; it is the "evil eye": the artist himself must be appealed to.
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This is psychologically true if, by the word "Tyrants" we mean inexorable and terrible instincts which challenge the _maximum_ amount of authority and discipline to oppose them--the finest example of this is Julius Cæsar; it is also true politically: just examine the course of history.
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It cannot be helped: we must go forward,--that is to say step by step further and further into decadence (--this is my definition of modern "progress").
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He is even sanctified by such a taste, and is already the type of a higher order! What does a priest care about science! He stands too high for that!--And until now the priest has _ruled!_--He it was who determined the concept "true and false.
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The force of illusion reaches its zenith here, as likewise the sweetening and transfiguring power.
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) "Judge not, that ye be not judged.
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The prerequisite for a codification of this kind, is the recognition of the fact that the means which procure authority for a _truth_ to which it has cost both time and great pains to attain, are fundamentally different from those with which that same truth would be proved.
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Let anyone dare to speak to me of its humanitarian blessings! To _abolish_ any sort of distress was opposed to its profoundest interests; its very existence depended on states of distress; it created states of distress in order to make itself immortal.
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Now it is thought that energy remains constant and docs not require to be infinite.
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Even supposing the recurrence of the cycle is only a probability or a possibility, even a thought, even a possibility, can shatter us and transform us.
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A stronger type in which all our powers are synthetically correlated--this constitutes my faith.