Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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schändet,
- nämlich Seele und Leib gemein macht? Und dass folglich die
moderne, lärmende, Zeit-auskaufende, auf sich stolze, dumm-stolze
Arbeitsamkeit, mehr als alles Übrige, gerade zum "Unglauben" erzieht
und vorbereitet? Unter Denen, welche zum Beispiel jetzt in Deutschland
abseits von der Religion leben, finde ich Menschen von vielerlei Art
und Abkunft der "Freidenkerei", vor Allem aber eine Mehrzahl solcher,
denen Arbeitsamkeit, von Geschlecht zu Geschlecht, die religiösen
Instinkte aufgelöst hat: so dass sie gar nicht mehr wissen, wozu
Religionen nütze sind, und nur mit einer Art stumpfen Erstaunens ihr
Vorhandensein in der Welt gleichsam registriren. Sie fühlen sich schon
reichlich in Anspruch genommen, diese braven Leute, sei es von ihren
Geschäften, sei es von ihren Vergnügungen, gar nicht zu reden vom
"Vaterlande" und den Zeitungen und den "Pflichten der Familie": es
scheint, dass sie gar keine Zeit für die Religion übrig haben, zumal
es ihnen unklar bleibt, ob es sich dabei um ein neues Geschäft oder
ein neues Vergnügen handelt, - denn unmöglich, sagen sie sich, geht
man in die Kirche, rein um sich die gute Laune zu verderben. Sie
sind keine Feinde der religiösen Gebräuche; verlangt man in gewissen
Fällen, etwa von Seiten des Staates, die Betheiligung an solchen
Gebräuchen, so thun sie, was man verlangt, wie man so Vieles thut -,
mit einem geduldigen und bescheidenen Ernste und ohne viel Neugierde
und Unbehagen: - sie leben eben zu sehr abseits und ausserhalb, um
selbst nur ein Für und Wider in solchen Dingen bei sich nöthig zu
finden. Zu diesen Gleichgültigen gehört heute die Überzahl der
deutschen Protestanten in den mittleren Ständen, sonderlich in den
arbeitsamen grossen Handels- und Verkehrscentren; ebenfalls die
Überzahl der arbeitsamen Gelehrten und der ganze Universitäts-Zubehör
(die Theologen ausgenommen, deren Dasein und Möglichkeit daselbst dem
Psychologen immer mehr und immer feinere Räthsel zu rathen giebt).
Man macht sich selten von Seiten frommer oder auch nur kirchlicher
Menschen eine Vorstellung davon, wieviel guter Wille, man könnte
sagen, willkürlicher Wille jetzt dazu gehört, dass ein deutscher
Gelehrter das Problem der Religion ernst nimmt; von seinem ganzen
Handwerk her (und, wie gesagt, von der handwerkerhaften Arbeitsamkeit
her, zu welcher ihn sein modernes Gewissen verpflichtet) neigt er zu
einer überlegenen, beinahe gütigen Heiterkeit gegen die Religion, zu
der sich bisweilen eine leichte Geringschätzung mischt, gerichtet
gegen die "Unsauberkeit" des Geistes, welche er überall dort
voraussetzt, wo man sich, noch zur Kirche bekennt. Es gelingt dem
Gelehrten erst mit Hülfe der Geschichte (also nicht von seiner
persönlichen Erfahrung aus), es gegenüber den Religionen zu einem
ehrfurchtsvollen Ernste und zu einer gewissen scheuen Rücksicht zu
bringen; aber wenn er sein Gefühl sogar bis zur Dankbarkeit gegen sie
gehoben hat, so ist er mit seiner Person

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Text Comparison with Thus Spake Zarathustra: A Book for All and None

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In regard to his first conception of this idea, his autobiographical sketch, "Ecce Homo", written in the autumn of 1888, contains the following passage:-- "The fundamental idea of my work--namely, the Eternal Recurrence of all things--this highest of all possible formulae of a Yea-saying philosophy,.
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His species is ineradicable like that of the ground-flea; the last man liveth longest.
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They want to know whether Zarathustra still liveth.
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" But that "other world" is well concealed from man, that dehumanised, inhuman world, which is a celestial naught; and the bowels of existence do not speak unto man, except as man.
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It ruleth, and is also the ego's ruler.
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False is everything in it; with stolen teeth it biteth, the biting one.
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Badly smelleth their idol to me, the cold monster: badly they all smell to me, these idolaters.
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Perhaps he loveth in thee the unmoved eye, and the look of eternity.
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One day had Zarathustra fallen asleep under a fig-tree, owing to the heat, with his arms over his face.
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With a hundred-faced mirror did I catch its glance when its mouth was shut, so that its eye might speak unto me.
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Freedom do I love, and the air over fresh soil; rather would I sleep on ox-skins than on their honours and dignities.
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No one telleth me anything new, so I tell myself mine own story.
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"Thou shalt not rob! Thou shalt not slay!"--such precepts were once called holy; before them did one bow the knee and the head, and take off one's shoes.
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I form circles around me and holy boundaries; ever fewer ascend with me ever higher mountains: I build a mountain-range out of ever holier mountains.
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The old soothsayer, however, danced with delight; and though he was then, as some narrators suppose, full of sweet wine, he was certainly still fuller of sweet life, and had renounced all weariness.
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" The in ability to say this, and the resentment which results therefrom, he regards as the source of all our feelings of revenge, and all our desires to punish--punishment meaning to him merely a euphemism for the word revenge, invented in order to still our consciences.
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This requires scarcely any comment.
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Chapter LXIV.
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Years after his break with Wagner, he wrote "The Case of Wagner", and "Nietzsche contra Wagner", and these works are with us to prove the sincerity and depth of his views on the man who was the greatest event of his life.
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The above I know to be open to much criticism.