Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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Betrachte, mit dem alten Testament zu Einem Buche
zusammengeleimt zu haben, als "Bibel", als "das Buch an sich": das
ist vielleicht die grösste Verwegenheit und "Sünde wider den Geist",
welche das litterarische Europa auf dem Gewissen hat.


53.

Warum heute Atheismus? - "Der Vater" in Gott ist gründlich widerlegt;
ebenso "der Richter", "der Belohner". Insgleichen sein "freier Wille":
er hört nicht, - und wenn er hörte, wüsste er trotzdem nicht zu
helfen. Das Schlimmste ist: er scheint unfähig, sich deutlich
mitzutheilen: ist er unklar? - Dies ist es, was ich, als Ursachen für
den Niedergang des europäischen Theismus, aus vielerlei Gesprächen,
fragend, hinhorchend, ausfindig gemacht habe; es scheint mir, dass
zwar der religiöse Instinkt mächtig im Wachsen ist, - dass er aber
gerade die theistische Befriedigung mit tiefem Misstrauen ablehnt.


54.

Was thut denn im Grunde die ganze neuere Philosophie? Seit Descartes
- und zwar mehr aus Trotz gegen ihn, als auf Grund seines Vorgangs
- macht man seitens aller Philosophen ein Attentat auf den alten
Seelen-Begriff, unter dem Anschein einer Kritik des Subjekt-
und Prädikat-Begriffs - das heisst: ein Attentat auf die
Grundvoraussetzung der christlichen Lehre. Die neuere Philosophie,
als eine erkenntnisstheoretische Skepsis, ist, versteckt oder offen,
antichristlich: obschon, für feinere Ohren gesagt, keineswegs
antireligiös. Ehemals nämlich glaubte man an "die Seele", wie man an
die Grammatik und das grammatische Subjekt glaubte: man sagte, "Ich"
ist Bedingung, "denke" ist Prädikat und bedingt - Denken ist eine
Thätigkeit, zu der ein Subjekt als Ursache gedacht werden muss. Nun
versuchte man, mit einer bewunderungswürdigen Zähigkeit und List, ob
man nicht aus diesem Netze heraus könne, - ob nicht vielleicht das
Umgekehrte wahr sei: "denke" Bedingung, "Ich" bedingt; "Ich" also
erst eine Synthese, welche durch das Denken selbst gemacht wird. Kant
wollte im Grunde beweisen, dass vom Subjekt aus das Subjekt nicht
bewiesen werden könne, - das Objekt auch nicht: die Möglichkeit einer
Scheinexistenz des Subjekts, also "der Seele", mag ihm nicht immer
fremd gewesen sein, jener Gedanke, welcher als Vedanta-Philosophie
schon einmal und in ungeheurer Macht auf Erden dagewesen ist.


55.

Es giebt eine grosse Leiter der religiösen Grausamkeit, mit vielen
Sprossen; aber drei davon sind die wichtigsten. Einst opferte man
seinem Gotte Menschen, vielleicht gerade solche, welche man am besten
liebte, - dahin gehören die Erstlings-Opfer aller Vorzeit-Religionen,
dahin auch das Opfer des Kaisers Tiberius in der Mithrasgrotte der
Insel Capri, jener schauerlichste aller römischen Anachronismen. Dann,
in der moralischen Epoche der Menschheit, opferte man seinem Gotte
die stärksten Instinkte, die man besass, seine "Natur"; diese
Festfreude glänzt im grausamen Blicke des Asketen, des begeisterten
"Wider-Natürlichen". Endlich: was blieb noch übrig zu opfern? Musste
man nicht endlich einmal alles Tröstliche, Heilige, Heilende, alle
Hoffnung, allen Glauben an verborgene

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Text Comparison with Thus Spake Zarathustra: A Book for All and None

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Even virtues may succumb by jealousy.
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Many die too late, and some die too early.
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At such time will the down-goer bless himself, that he should be an over-goer; and the sun of his knowledge will be at noontide.
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Bad enemies are they: nothing is more revengeful than their meekness.
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"Behold!" said the old helmsman, "there goeth Zarathustra to hell!" About the same time that these sailors landed on the fire-isle, there was a rumour that Zarathustra had disappeared; and when his friends were asked about it, they said that he had gone on board a ship by night, without saying whither he was going.
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And believe me, friend Hullabaloo! The greatest events--are not our noisiest, but our stillest hours.
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And when one giveth the blind man eyes, then doth he see too many bad things on the earth: so that he curseth him who healed him.
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Is not wounded vanity the mother of all tragedies? Where, however, pride is wounded, there there groweth up something better than pride.
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Away--my happiness!-- Thus spake Zarathustra.
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with old people! So it is with us also!"-- --Thus spake to each other the two old night-watchmen and light-scarers, and tooted thereupon sorrowfully on their horns: so did it happen yester-night at the garden-wall.
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itself this dowry.
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If THEY had--bread for nothing, alas! for what would THEY cry! Their maintainment--that is their true entertainment; and they shall have it hard! Beasts of prey, are they: in their "working"--there is even plundering, in their "earning"--there is even overreaching! Therefore shall they have it hard! Better beasts of prey shall they thus become, subtler, cleverer, MORE MAN-LIKE: for man is the best beast of prey.
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Your marriage-arranging: see that it be not a bad ARRANGING! Ye have arranged too hastily: so there FOLLOWETH therefrom--marriage-breaking! And better marriage-breaking than marriage-bending, marriage-lying!--Thus spake a woman unto me: "Indeed, I broke the marriage, but first did the marriage break--me! The badly paired found I ever the most revengeful: they make every one suffer for it that they no longer run singly.
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) 1.
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I call myself Zarathustra.
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1.
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The.
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Chapter XXX.
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I shall be grateful to all those who will be kind enough to show me where and how I have gone wrong; but I should like to point out that, as they stand, I have not given to these Notes by any means their final form.