Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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auch an der Entstehung
des letzten grossen Sklaven-Aufstandes betheiligt, welcher mit der
französischen Revolution begonnen hat.


47.

Wo nur auf Erden bisher die religiöse Neurose aufgetreten ist, finden
wir sie verknüpft mit drei gefährlichen Diät-Verordnungen: Einsamkeit,
Fasten und geschlechtlicher Enthaltsamkeit, - doch ohne dass hier mit
Sicherheit zu entscheiden wäre, was da Ursache, was Wirkung sei, und
ob hier überhaupt ein Verhältniss von Ursache und Wirkung vorliege.
Zum letzten Zweifel berechtigt, dass gerade zu ihren regelmässigsten
Symptomen, bei wilden wie bei zahmen Völkern, auch die plötzlichste
ausschweifendste Wollüstigkeit gehört, welche dann, ebenso plötzlich,
in Busskrampf und Welt- und Willens-Verneinung umschlägt: beides
vielleicht als maskirte Epilepsie deutbar? Aber nirgendswo sollte man
sich der Deutungen mehr entschlagen: um keinen Typus herum ist bisher
eine solche Fülle von Unsinn und Aberglauben aufgewachsen, keiner
scheint bisher die Menschen, selbst die Philosophen, mehr interessirt
zu haben, - es wäre an der Zeit, hier gerade ein Wenig kalt zu werden,
Vorsicht zu lernen, besser noch: wegzusehn, wegzugehn. - Noch im
Hintergrunde der letztgekommenen Philosophie, der Schopenhauerischen,
steht, beinahe als das Problem an sich, dieses schauerliche
Fragezeichen der religiösen Krisis und Erweckung. Wie ist
Willensverneinung möglich? wie ist der Heilige möglich? - das
scheint wirklich die Frage gewesen zu sein, bei der Schopenhauer
zum Philosophen wurde und anfieng. Und so war es eine ächt
Schopenhauerische Consequenz, dass sein überzeugtester Anhänger
(vielleicht auch sein letzter, was Deutschland betrifft -), nämlich
Richard Wagner, das eigne Lebenswerk gerade hier zu Ende brachte und
zuletzt noch jenen furchtbaren und ewigen Typus als Kundry auf der
Bühne vorführte, type vécu, und wie er leibt und lebt; zu gleicher
Zeit, wo die Irrenärzte fast aller Länder Europa's einen Anlass
hatten, ihn aus der Nähe zu studiren, überall, wo die religiöse
Neurose - oder, wie ich es nenne, "das religiöse Wesen" - als
"Heilsarmee" ihren letzten epidemischen Ausbruch und Aufzug gemacht
hat. - Fragt man sich aber, was eigentlich am ganzen Phänomen des
Heiligen den Menschen aller Art und Zeit, auch den Philosophen, so
unbändig interessant gewesen ist: so ist es ohne allen Zweifel der
ihm, anhaftende Anschein des Wunders, nämlich der unmittelbaren
Aufeinanderfolge von Gegensätzen, von moralisch entgegengesetzt
gewertheten Zuständen der Seele: man glaubte hier mit Händen zu
greifen, dass aus einem "schlechten Menschen" mit Einem Male ein
"Heiliger", ein guter Mensch werde. Die bisherige Psychologie litt an
dieser Stelle Schiffbruch: sollte es nicht vornehmlich darum geschehen
sein, weil sie sich unter die Herrschaft der Moral gestellt hatte,
weil sie an die moralischen Werth-Gegensätze selbst glaubte, und diese
Gegensätze in den Text und Thatbestand hineinsah, hineinlas, hinein
deutete? - Wie? Das "Wunder" nur ein Fehler der Interpretation? Ein
Mangel an Philologie? -


48.

Es scheint, dass den lateinischen Rassen ihr Katholicismus viel
innerlicher

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Text Comparison with Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik

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Einige Wochen darauf: und er befand sich selbst unter den Mauern von Metz, immer noch nicht losgekommen von den Fragezeichen, die er zur vorgeblichen "Heiterkeit" der Griechen und der griechischen Kunst gesetzt hatte; bis er endlich in jenem Monat tiefster Spannung, als man in Versailles über den Frieden berieth, auch mit sich zum Frieden kam und, langsam von einer aus dem Felde heimgebrachten Krankheit genesend, die "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" letztgültig bei sich feststellte.
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Wie sie nennen? Als Philologe und Mensch der Worte taufte ich sie, nicht ohne einige Freiheit - denn wer wüsste den rechten Namen des Antichrist? - auf den Namen eines griechischen Gottes: ich hiess sie die dionysische.
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sein! Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass es so endet, dass ihr so endet, nämlich "getröstet", wie geschrieben steht, trotz aller Selbsterziehung zum Ernst und zum Schrecken, "metaphysisch getröstet", kurz, wie Romantiker enden, christlich Nein! Ihr solltet vorerst die Kunst des diesseitigen Trostes lernen, - ihr solltet lachen lernen, meine jungen Freunde, wenn anders ihr durchaus Pessimisten bleiben wollt; vielleicht dass ihr darauf hin, als Lachende, irgendwann einmal alle metaphysische Trösterei zum Teufel schickt - und die Metaphysik voran! Oder, um es in der Sprache jenes dionysischen Unholds zu sagen, der Zarathustra heisst: "Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch, höher! Und vergesst mir auch die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser noch: ihr steht auch auf dem Kopf!" "Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter.
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" Wie verhält sich zu dieser Volksweisheit die olympische Götterwelt? Wie die entzückungsreiche Vision des gefolterten Märtyrers zu seinen Peinigungen.
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Rousseau's sich auch als Künstler zu denken suchte und in Homer einen solchen am Herzen der Natur erzogenen Künstler Emil gefunden zu haben wähnte.
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der unaesthetische und der aesthetische Zustand wundersam durch einander gemischt seien? Wir behaupten vielmehr, dass der ganze Gegensatz, nach dem wie nach einem Werthmesser auch noch Schopenhauer die Künste eintheilt, der des Subjectiven und des Objectiven, überhaupt in der Aesthetik ungehörig ist, da das Subject, das wollende und seine egoistischen Zwecke fördernde Individuum nur als Gegner, nicht als Ursprung der Kunst gedacht werden kann.
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Diesen Prozess einer Entladung der Musik in Bildern haben wir uns nun auf eine jugendfrische, sprachlich schöpferische Volksmenge zu übertragen, um zur Ahnung zu kommen, wie das strophische Volkslied entsteht, und wie das ganze Sprachvermögen durch das neue Princip der Nachahmung der Musik aufgeregt wird.
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Aber jene so ausdrückliche Ueberlieferung redet hier gegen Schlegel: der Chor an sich, ohne Bühne, also die primitive Gestalt der Tragödie und jener Chor idealischer Zuschauer vertragen sich nicht mit einander.
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B.
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Wo aber unbesiegbare Anlagen gegen die sokratischen Maximen ankämpften, war die Kraft derselben, sammt der Wucht jenes ungeheuren Charakters, immer noch gross genug, um die Poesie selbst in neue und bis dahin unbekannte Stellungen zu drängen.
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die transscendentale Gerechtigkeitslösung des Aeschylus zu dem flachen und frechen Princip der "poetischen Gerechtigkeit" mit seinem üblichen deus ex machina erniedrigt.
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Schauen wir jetzt, mit der Fackel dieses Gedankens, auf Sokrates hin: so erscheint er uns als der Erste, der an der Hand jenes Instinctes der Wissenschaft nicht nur leben, sondern - was bei weitem mehr ist - auch sterben konnte: und deshalb ist das Bild des sterbenden Sokrates als des durch Wissen und Gründe der Todesfurcht enthobenen Menschen das Wappenschild, das über dem Eingangsthor der Wissenschaft einen Jeden an deren Bestimmung erinnert, nämlich das Dasein als begreiflich und damit als gerechtfertigt erscheinen zu machen: wozu freilich wenn die Gründe nicht reichen, schliesslich auch der Mythus dienen muss, den ich sogar als nothwendige Consequenz, ja als Absicht der Wissenschaft soeben bezeichnete.
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Der ungeheuren Tapferkeit und Weisheit Kant's und Schopenhauer's ist der schwerste Sieg gelungen, der Sieg über den im Wesen der Logik verborgen liegenden Optimismus, der wiederum der Untergrund unserer Cultur ist.
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Es war die Forderung recht eigentlich unmusikalischer Zuhörer, dass man vor allem das Wort verstehen müsse: so dass eine Wiedergeburt der Tonkunst nur zu erwarten sei, wenn man irgend eine Gesangesweise entdecken werde, bei welcher das Textwort über den Contrapunkt wie der Herr über den Diener herrsche.
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Einer strengen Betrachtung fällt dieser verhängnissvolle Einfluss der Oper auf die Musik geradezu mit der gesammten modernen Musikentwicklung zusammen; dem in der Genesis der Oper und im Wesen der durch sie repräsentirten Cultur lauernden Optimismus ist es in beängstigender Schnelligkeit gelungen, die Musik ihrer dionysischen Weltbestimmung zu entkleiden und ihr einen formenspielerischen, vergnüglichen Charakter aufzuprägen: mit welcher Veränderung nur etwa die Metamorphose des aeschyleischen Menschen in den alexandrinischen Heiterkeitsmenschen verglichen werden dürfte.
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Was vermag die erkenntnisslüsterne Sokratik unserer Tage günstigsten Falls mit diesem aus unerschöpflichen Tiefen emporsteigenden Dämon zu beginnen? Weder von dem Zacken- und Arabeskenwerk der Opernmelodie aus, noch mit Hülfe des arithmetischen Rechenbretts der Fuge und der contrapunktischen Dialektik will sich die Formel finden lassen, in deren dreimal gewaltigem Licht man jenen Dämon sich unterwürfig zu machen und zum Reden zu zwingen vermöchte.
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Als Gleichniss würde nun aber der Mythus, wenn wir als rein dionysische Wesen empfänden, gänzlich wirkungslos und unbeachtet neben uns stehen bleiben, und uns keinen Augenblick abwendig davon machen, unser Ohr dem Wiederklang der universalia ante rem zu bieten.
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Mit dem populären und gänzlich falschen Gegensatz von Seele und Körper ist freilich für das schwierige Verhältniss von Musik und Drama nichts zu erklären und alles zu verwirren; aber die unphilosophische Rohheit jenes Gegensatzes scheint gerade bei unseren Aesthetikern, wer weiss aus welchen Gründen, zu einem gern bekannten Glaubensartikel geworden zu sein, während sie über einen Gegensatz der Erscheinung und des Dinges an sich nichts gelernt haben oder, aus ebenfalls unbekannten Gründen, nichts lernen mochten.
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In seiner bisherigen Sphäre war Alles künstlich und nur mit einem Scheine des Lebens übertüncht.