Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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verehrten Dinge
ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar
entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft,
verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. Vielleicht! - Aber wer
ist Willens, sich um solche gefährliche Vielleichts zu kümmern! Man
muss dazu schon die Ankunft einer neuen Gattung von Philosophen
abwarten, solcher, die irgend welchen anderen umgekehrten Geschmack
und Hang haben als die bisherigen, - Philosophen des gefährlichen
Vielleicht in jedem Verstande. - Und allen Ernstes gesprochen: ich
sehe solche neue Philosophen heraufkommen.


3.

Nachdem ich lange genug den Philosophen zwischen die Zeilen und auf
die Finger gesehn habe, sage ich mir: man muss noch den grössten Theil
des bewussten Denkens unter die Instinkt-Thätigkeiten rechnen, und
sogar im Falle des philosophischen Denkens; man muss hier umlernen,
wie man in Betreff der Vererbung und des "Angeborenen" umgelernt hat.
So wenig der Akt der Geburt in dem ganzen Vor- und Fortgange der
Vererbung in Betracht kommt: ebenso wenig ist "Bewusstsein" in irgend
einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven entgegengesetzt, - das
meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte
heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen. Auch hinter aller
Logik und ihrer anscheinenden Selbstherrlichkeit der Bewegung stehen
Werthschätzungen, deutlicher gesprochen, physiologische Forderungen
zur Erhaltung einer bestimmten Art von Leben. Zum Beispiel, dass das
Bestimmte mehr werth sei als das Unbestimmte, der Schein weniger werth
als die "Wahrheit": dergleichen Schätzungen könnten, bei aller ihrer
regulativen Wichtigkeit für uns, doch nur Vordergrunds-Schätzungen
sein, eine bestimmte Art von niaiserie, wie sie gerade zur Erhaltung
von Wesen, wie wir sind, noth thun mag. Gesetzt nämlich, dass nicht
gerade der Mensch das "Maass der Dinge" ist.....


4.

Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein
Urtheil; darin klingt unsre neue Sprache vielleicht am fremdesten. Die
Frage ist, wie weit es lebenfördernd, lebenerhaltend, Arterhaltend,
vielleicht gar Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt zu
behaupten, dass die falschesten Urtheile (zu denen die synthetischen
Urtheile a priori gehören) uns die unentbehrlichsten sind, dass
ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktionen, ohne ein Messen
der Wirklichkeit an der rein erfundenen Welt des Unbedingten,
Sich-selbst-Gleichen, ohne eine beständige Fälschung der Welt durch
die Zahl der Mensch nicht leben könnte, - dass Verzichtleisten auf
falsche Urtheile ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung des
Lebens wäre. Die Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehn: das heisst
freilich auf eine gefährliche Weise den gewohnten Werthgefühlen
Widerstand leisten; und eine Philosophie, die das wagt, stellt sich
damit allein schon jenseits von Gut und Böse.


5.

Was dazu reizt, auf alle Philosophen halb misstrauisch, halb spöttisch
zu blicken, ist nicht, dass man wieder und wieder dahinter kommt, wie
unschuldig sie sind - wie oft und wie leicht sie sich vergreifen und
verirren, kurz ihre Kinderei und Kindlichkeit - sondern dass

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Text Comparison with We Philologists Complete Works of Friedrich Nietzsche, Volume 8

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(_c_) His intention of earning a living.
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What cannot be exhausted, however, is the ever-new adaptation of one's age to antiquity; the comparison of the two.
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In what respect is one most fitted for this valuing? --Not, at all events, when one is trained for philology as one is now.
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Most philologists begin from the beginning, and even then they learn from books, and not through travels, &c.
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The case of wisdom is the exact contrary: it appears to be dependent while in reality it is independent.
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If the world in general came to know what an unseasonable thing for us antiquity really is, philologists would no longer be called in as the educators of our youth.
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There is no attempt at polemics .
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The brutal and self-conscious man will be humbled when he sees things and values changing to such an extent.
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We may learn something from it, certainly; but not culture as the word is now understood.
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"In the end, only those few ought to attain really complete knowledge who are born with artistic talent and furnished with scholarship, and who make use of the best opportunities of securing, both theoretically and practically, the necessary technical knowledge" True! 63 Instead of forming our students on the Latin models I recommend the Greek, especially Demosthenes .
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Why our young students are not suited to the Greeks.
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103 Selected points from antiquity: the power, fire, and swing of the feeling the ancients had for music (through the first Pythian Ode), purity in their historical sense, gratitude for the blessings of culture, the fire and corn feasts.
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114 Genius makes tributaries of all partly-talented people: hence the Persians themselves sent their ambassadors to the Greek oracles.
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g.
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flippancy of images and imagination was necessary to lighten the weight of its passionate disposition and to set it free.
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.
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" It was common to hear the saying, "Antiquity has been conquered by Christianity.
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165 The connection between humanism and religious rationalism was emphasised as a Saxonian trait by Kochly: the type of this philologist is Gottfried Hermann.
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The highest form: the conquest of the ideal by a backward movement from tendencies to institutions, and from institutions to men.
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[11] Friedrich Gottlieb Welcker (1784-1868), noted for his ultra-profound comments on Greek poetry--TR.