Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

Page 28

und zu misshandeln, um wenigstens
an diesem einzigen Mitwisser seine Rache zu haben: - die Scham ist
erfinderisch. Es sind nicht die schlimmsten Dinge, deren man sich am
schlimmsten schämt: es ist nicht nur Arglist hinter einer Maske, -
es giebt so viel Güte in der List. Ich könnte mir denken, dass ein
Mensch, der etwas Kostbares und Verletzliches zu bergen hätte, grob
und rund wie ein grünes altes schwerbeschlagenes Weinfass durch's
Leben rollte: die Feinheit seiner Scham will es so. Einem Menschen,
der Tiefe in der Scham hat, begegnen auch seine Schicksale und zarten
Entscheidungen auf Wegen, zu denen Wenige je gelangen, und um deren
Vorhandensein seine Nächsten und Vertrautesten nicht wissen dürfen:
seine Lebensgefahr verbirgt sich ihren Augen und ebenso seine wieder
eroberte Lebens-Sicherheit. Ein solcher Verborgener, der aus Instinkt
das Reden zum Schweigen und Verschweigen braucht und unerschöpflich
ist in der Ausflucht vor Mittheilung, will es und fördert es, dass
eine Maske von ihm an seiner Statt in den Herzen und Köpfen seiner
Freunde herum wandelt; und gesetzt, er will es nicht, so werden ihm
eines Tages die Augen darüber aufgehn, dass es trotzdem dort eine
Maske von ihm giebt, - und dass es gut so ist. Jeder tiefe Geist
braucht eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst
fortwährend eine Maske, Dank der beständig falschen, nämlich flachen
Auslegung jedes Wortes, jedes Schrittes, jedes Lebens-Zeichens, das er
giebt. -


41.

Man muss sich selbst seine Proben geben, dafür dass man zur
Unabhängigkeit und zum Befehlen bestimmt ist; und dies zur rechten
Zeit. Man soll seinen Proben nicht aus dem Wege gehn, obgleich sie
vielleicht das gefährlichste Spiel sind, das man spielen kann, und
zuletzt nur Proben, die vor uns selber als Zeugen und vor keinem
anderen Richter abgelegt werden. Nicht an einer Person hängen bleiben:
und sei sie die geliebteste, - jede Person ist ein Gefängniss, auch
ein Winkel. Nicht an einem Vaterlande hängen bleiben: und sei es das
leidendste und hülfbedürftigste, - es ist schon weniger schwer, sein
Herz von einem siegreichen Vaterlande los zu binden. Nicht an einem
Mitleiden hängen bleiben: und gälte es höheren Menschen, in deren
seltne Marter und Hülflosigkeit uns ein Zufall hat blicken lassen.
Nicht an einer Wissenschaft hängen bleiben: und locke sie Einen mit
den kostbarsten, anscheinend gerade uns aufgesparten Funden. Nicht an
seiner eignen Loslösung hängen bleiben, an jener wollüstigen Ferne und
Fremde des Vogels, der immer weiter in die Höhe flieht, um immer mehr
unter sich zu sehn: - die Gefahr des Fliegenden. Nicht an unsern
eignen Tugenden hängen bleiben und als Ganzes das Opfer irgend einer
Einzelheit an uns werden, zum Beispiel unsrer "Gastfreundschaft": wie
es die Gefahr der

Last Page Next Page

Text Comparison with Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

Page 11
Und siehe! Ein Adler zog in weiten Kreisen durch die Luft, und an ihm hieng eine Schlange, nicht einer Beute gleich, sondern einer Freundin: denn sie hielt sich um seinen Hals geringelt.
Page 15
Trunkne Lust Und Selbst-sich-Verlieren dünkte mich einst die Welt.
Page 54
Und derart glauben fast Alle daran, Antheil zu haben an der Tugend; und zum Mindesten will ein jeder Kenner sein über "gut" und "böse".
Page 58
"Denn die Wahrheit ist da: ist das Volk doch da! Wehe, wehe den Suchenden!" - also scholl es von jeher.
Page 59
In Allem aber thut ihr mir zu vertraulich mit dem Geiste; und aus der Weisheit machtet ihr oft ein Armen- und Krankenhaus für schlechte Dichter.
Page 62
Vergebt mir meine Traurigkeit! Abend ward es: vergebt mir, dass es Abend ward!" Also sprach Zarathustra.
Page 90
Der Muth schlägt auch den Schwindel todt an Abgründen: und wo stünde der Mensch nicht an Abgründen! Ist Sehen nicht selber - Abgründe sehen? Muth ist der beste Todtschläger: der Muth schlägt auch das Mitleiden todt.
Page 97
Ich bin höflich gegen sie wie gegen alles kleine Ärgerniss; gegen das Kleine stachlicht zu sein.
Page 116
Ich lehrte sie all _mein_ Dichten und Trachten: in Eins zu dichten und zusammen zu tragen, was Bruchstück ist am Menschen und Räthsel und grauser Zufall, - - als Dichter, Räthselrather und Erlöser des Zufalls lehrte ich sie an der Zukunft schaffen, und Alles, das _war_ -, schaffend zu erlösen.
Page 134
Eins! Oh Mensch! Gieb Acht! Zwei! Was spricht die tiefe Mitternacht? Drei! "Ich schlief, ich schlief -," Vier! "Auf tiefen Traum bin ich erwacht:-" Fünf! "Die Welt ist tief," Sechs! "Und tiefer als der Tag gedacht.
Page 135
Wenn je ein Hauch zu mir kam vom schöpferischen Hauche und von jener himmlischen Noth, die noch Zufälle zwingt, Sternen-Reigen zu tanzen: Wenn ich je mit dem Lachen des schöpferischen Blitzes lachte, dem der lange Donner der That grollend, aber gehorsam nachfolgt: Wenn ich je am Göttertisch der Erde mit Göttern Würfel spielte, dass die Erde bebte und brach und Feuerflüsse heraufschnob: - - denn ein Göttertisch ist die Erde, und zitternd von schöpferischen neuen Worten und Götter-Würfen: - Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft! Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit! Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit! 4.
Page 136
dass alle Dinge im Mischkruge gut sich mischen: - - denn es giebt ein Salz, das Gutes mit Bösem bindet; und auch das Böseste ist zum Würzen würdig und zum letzten Überschäumen: - Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft! Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit! Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit! 5.
Page 137
Wie mir geschieht, so geht es allen Früchten, die reif werden.
Page 138
" Mein Schicksal nämlich lässt mir Zeit: es vergass mich wohl? Oder sitzt es hinter einem grossen Steine im Schatten und fängt Fliegen? Und wahrlich, ich bin ihm gut darob, meinem ewigen Schicksale, dass es mich nicht hetzt und drängt und mir Zeit zu Possen lässt und Bosheiten: also dass ich heute zu einem Fischfange auf diesen hohen Berg stieg.
Page 142
"Was wollen diese Könige in meinem Reiche?" sprach Zarathustra erstaunt zu seinem Herzen und versteckte Sich geschwind hinter einem Busche.
Page 150
eben vor mir deine Lüge, als du sprachst: `ich trieb's also _nur_ zum Spiele!` Es war auch _Ernst_ darin, du _bist_ Etwas von einem Büsser des Geistes! Ich errathe dich wohl: du wurdest der Bezauberer Aller, aber gegen dich hast du keine Lüge und List mehr übrig, - du selber bist dir entzaubert! Du erntetest den Ekel ein, als deine Eine Wahrheit.
Page 152
auch keine Stunde mehr lustig, es sei denn in Erinnerungen.
Page 155
"Ich erkenne dich wohl, sprach er mit einer erzenen Stimme: du bist der Mörder Gottes! Lass mich gehn.
Page 156
Du schämst dich an der Scham des grossen Leidenden; und wahrlich, wenn du sprichst `von dem Mitleiden her kommt eine grosse Wolke, habt Acht, ihr Menschen!` - wenn du lehrst `alle Schaffenden sind hart, alle grosse Liebe ist über ihrem Mitleiden`: oh Zarathustra, wie gut dünkst du mich eingelernt auf Wetter-Zeichen! Du selber aber - warne dich selber auch vor _deinem_ Mitleiden! Denn Viele sind zu dir unterwegs, viele Leidende, Zweifelnde, Verzweifelnde, Ertrinkende, Frierende - Ich warne dich auch vor mir.
Page 160
"Wie! sprach er, geschahen nicht von je die lächerlichsten Dinge bei uns alten Einsiedlern und Heiligen? Wahrlich, meine Thorheit wuchs hoch in den Bergen! Nun höre ich sechs alte Narren-Beine hinter einander her klappern! Darf aber Zarathustra sich wohl vor einem Schatten fürchten? Auch dünkt mich zu guterletzt, dass er längere Beine hat als ich.