Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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vielmehr: ist dies nicht bereits geschehen?
waren wir nicht selbst - diese "edle Nachwelt"? Und ist es nicht
gerade jetzt, insofern wir dies begreifen, - damit vorbei?


39.

Niemand wird so leicht eine Lehre, bloss weil sie glücklich macht,
oder tugendhaft macht, deshalb für wahr halten: die lieblichen
"Idealisten" etwa ausgenommen, welche für das Gute, Wahre, Schöne
schwärmen und in ihrem Teiche alle Arten von bunten plumpen und
gutmüthigen Wünschbarkeiten durcheinander schwimmen lassen. Glück
und Tugend sind keine Argumente. Man vergisst aber gerne, auch auf
Seiten besonnener Geister, dass Unglücklich-machen und Böse-machen
ebensowenig Gegenargumente sind. Etwas dürfte wahr sein: ob es gleich
im höchsten Grade schädlich und gefährlich wäre; ja es könnte selbst
zur Grundbeschaffenheit des Daseins gehören, dass man an seiner
völligen Erkenntniss zu Grunde gienge, - so dass sich die Stärke eines
Geistes darnach bemässe, wie viel er von der "Wahrheit" gerade noch
aushielte, deutlicher, bis zu welchem Grade er sie verdünnt, verhüllt,
versüsst, verdumpft, verfälscht nöthig hätte. Aber keinem Zweifel
unterliegt es, dass für die Entdeckung gewisser Theile der Wahrheit
die Bösen und Unglücklichen begünstigter sind und eine grössere
Wahrscheinlichkeit des Gelingens haben; nicht zu reden von den
Bösen, die glücklich sind, - eine Species, welche von den Moralisten
verschwiegen wird. Vielleicht, dass Härte und List günstigere
Bedingungen zur Entstehung des starken, unabhängigen Geistes und
Philosophen abgeben, als jene sanfte feine nachgebende Gutartigkeit
und Kunst des Leicht-nehmens, welche man an einem Gelehrten schätzt
und mit Recht schätzt. Vorausgesetzt, was voran steht, dass man den
Begriff "Philosoph" nicht auf den Philosophen einengt, der Bücher
schreibt - oder gar seine Philosophie in Bücher bringt! - Einen
letzten Zug zum Bilde des freigeisterischen Philosophen bringt
Stendhal bei, den ich um des deutschen Geschmacks willen nicht
unterlassen will zu unterstreichen: - denn er geht wider den deutschen
Geschmack. "Pour être bon philosophe", sagt dieser letzte grosse
Psycholog, "il faut être sec, clair, sans illusion. Un banquier,
qui a fait fortune, a une partie du caractère requis pour faire des
découvertes en philosophie, c'est-'á-dire pour voir clair dans ce qui
est."


40.

Alles, was tief ist, liebt die Maske; die allertiefsten Dinge haben
sogar einen Hass auf Bild und Gleichniss. Sollte nicht erst der
Gegensatz die rechte Verkleidung sein, in der die Scham eines Gottes
einhergienge? Eine fragwürdige Frage: es wäre wunderlich, wenn nicht
irgend ein Mystiker schon dergleichen bei sich gewagt hätte. Es giebt
Vorgänge so zarter Art, dass man gut thut, sie durch eine Grobheit zu
verschütten und unkenntlich zu machen; es giebt Handlungen der Liebe
und einer ausschweifenden Grossmuth, hinter denen nichts räthlicher
ist, als einen Stock zu nehmen und den Augenzeugen durchzuprügeln:
damit trübt man dessen Gedächtniss. Mancher versteht sich darauf,
das eigne Gedächtniss zu trüben

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Text Comparison with Ecce Homo Complete Works, Volume Seventeen

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Romanticism, idealism, Christianity, are still scorned and despised; another outlook, a nobler, braver, and more earthly outlook, is still upheld and revered; the great yea to life, including all that it contains that is terrible and questionable, is still pronounced in the teeth of pessimists, nihilists, anarchists, Christians, and other decadents; and Germany, "Europe's flatland," is still subjected to the most relentless criticism.
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After all, no one can draw more out of things, books included, than he already knows.
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--We all know, some of us even from experience, what a "long-ears" is.
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Considering that, in those days, my trade was that of a scholar, and perhaps, also, that I understood my trade, the piece of austere scholar psychology which suddenly makes its appearance in this essay is not without importance: it expresses the feeling of distance, and my profound certainty regarding what was my real life-task, and what were merely means, intervals, and accessory work to me.
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" That day I happened to be wandering through the woods alongside of the Lake of Silvaplana, and I halted not far from Surlei, beside a huge rock that towered aloft like a pyramid.
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Do not let us mention the poets in the same breath; nothing perhaps has ever been produced out of such a superabundance of strength.
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"Alas, ye men, within the stone there sleepeth an image for me, the image of all my dreams! Alas, that it should have to sleep in the hardest and ugliest stone! "_Now rageth my hammer ruthlessly against its prison.
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The Germans were given the chance of blundering and immortalising their stupidity once more on my account, and they still have just enough time to do it in.
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2 If you should require a formula for a destiny of this kind that has taken human form, you will find it in my _Zarathustra_.
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In both cases I obey my Dionysian nature, which knows not how to separate the negative deed from the saying of yea.
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_The definition of morality;_ Morality is the idiosyncrasy of decadents, actuated by a desire _to avenge themselves with success upon life.
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2 Morning's past: the sun of noonday Scorches with hot ray our heads.
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To-day, to-day alone, My soul to tears is stirred, At thee, the pictured stone, At thee, the graven word.
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Too lone and tall my crest did soar: I wait: what am I waiting for? The clouds are grown too nigh of late, 'Tis the first lightning I await.
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