Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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Mitleiden und dergestalt zur
Verdoppelung des Wehs verführen und zwingen werde?... Was der höheren
Art von Menschen zur Nahrung oder zur Labsal dient, muss einer sehr
unterschiedlichen und geringeren Art beinahe Gift sein. Die Tugenden
des gemeinen Manns würden vielleicht an einem Philosophen Laster und
Schwächen bedeuten; es wäre möglich, dass ein hochgearteter Mensch,
gesetzt, dass er entartete und zu Grunde gienge, erst dadurch in den
Besitz von Eigenschaften käme, derentwegen man nöthig hätte, ihn in
der niederen Welt, in welche er hinab sank, nunmehr wie einen Heiligen
zu verehren. Es giebt Bücher, welche für Seele und Gesundheit einen
umgekehrten Werth haben, je nachdem die niedere Seele, die niedrigere
Lebenskraft oder aber die höhere und gewaltigere sich ihrer bedienen:
im ersten Falle sind es gefährliche, anbröckelnde, auflösende Bücher,
im anderen Heroldsrufe, welche die Tapfersten zu ihrer Tapferkeit
herausfordern. Allerwelts-Bücher sind immer übelriechende Bücher: der
Kleine-Leute-Geruch klebt daran. Wo das Volk isst und trinkt, selbst
wo es verehrt, da pflegt es zu stinken. Man soll nicht in Kirchen
gehn, wenn man reine Luft athmen will. - -


31.

Man verehrt und verachtet in jungen Jahren noch ohne jene Kunst der
Nuance, welche den besten Gewinn des Lebens ausmacht, und muss es
billigerweise hart büssen, solchergestalt Menschen und Dinge mit Ja
und Nein überfallen zu haben. Es ist Alles darauf eingerichtet, dass
der schlechteste aller Geschmäcker, der Geschmack für das Unbedingte
grausam genarrt und gemissbraucht werde, bis der Mensch lernt, etwas
Kunst in seine Gefühle zu legen und lieber noch mit dem Künstlichen
den Versuch zu wagen: wie es die rechten Artisten des Lebens thun. Das
Zornige und Ehrfürchtige, das der Jugend eignet, scheint sich keine
Ruhe zu geben, bevor es nicht Menschen und Dinge so zurecht gefälscht
hat, dass es sich an ihnen auslassen kann: - Jugend ist an sich schon
etwas Fälschendes und Betrügerisches. Später, wenn die junge Seele,
durch lauter Enttäuschungen gemartert, sich endlich argwöhnisch
gegen sich selbst zurück wendet, immer noch heiss und wild, auch in
ihrem Argwohne und Gewissensbisse: wie zürnt sie sich nunmehr, wie
zerreisst sie sich ungeduldig, wie nimmt sie Rache für ihre lange
Selbst-Verblendung, wie als ob sie eine willkürliche Blindheit gewesen
sei! In diesem Übergange bestraft man sich selber, durch Misstrauen
gegen sein Gefühl; man foltert seine Begeisterung durch den Zweifel,
ja man fühlt schon das gute Gewissen als eine Gefahr, gleichsam als
Selbst-Verschleierung und Ermüdung der feineren Redlichkeit; und vor
Allem, man nimmt Partei, grundsätzlich Partei gegen "die Jugend". -
Ein Jahrzehend später: und man begreift, dass auch dies Alles noch -
Jugend war!


32.

Die längste Zeit der menschlichen Geschichte hindurch - man nennt
sie die prähistorische Zeit - wurde der Werth oder der Unwerth einer
Handlung

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Text Comparison with Ecce homo, Wie man wird, was man ist

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So wie ich mich immer gewöhnt habe - eine extreme Lauterkeit gegen mich ist meine Daseins-Voraussetzung, ich komme um unter unreinen Bedingungen, schwimme und bade und plätschere ich gleichsam beständig im Wasser, in irgend einem vollkommen durchsichtigen und glänzenden Elemente.
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Ich weiss nicht, was Andre mit Wagner erlebt haben: über unsern Himmel ist nie eine Wolke hinweggegangen.
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Wälzt er nicht, so denkt er nicht.
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Man weiss vor mir nicht, was man mit der deutschen Sprache kann, - was man überhaupt mit der Sprache kann.
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Zum Mindesten hat die Stoa, die fast alle ihre grundsätzlichen Vorstellungen von Heraklit geerbt hat, Spuren davon.
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Eine Ungeduld mit mir überfiel mich; ich sah ein, dass es die höchste Zeit war, mich auf mich zurückzubesinnen.
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Klang es nicht, als ob sich Degen kreuzten?.
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Zehn Tage genügten; ich habe in keinem Falle, weder beim ersten, noch beim dritten und letzten mehr gebraucht.
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Dergleichen ist nie gedichtet, nie gefühlt, nie gelitten worden: so leidet ein Gott, ein Dionysos.
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- Und zuletzt, warum sollte ich meinem Verdacht nicht Worte geben? Die Deutschen werden auch in meinem Falle wieder Alles versuchen, um aus einem ungeheuren Schicksal eine Maus zu gebären.
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Denn ich trage das Schicksal der Menschheit auf der Schulter.
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Und was auch für Schaden die Welt-Verleumder thun mögen, der Schaden der Guten ist der schädlichste Schaden.