Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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gesagt, still und stolz auf seiner Burg
versteckt, nun, so ist Eins gewiss: er ist zur Erkenntniss nicht
gemacht, nicht vorherbestimmt. Denn als solcher würde er eines Tages
sich sagen müssen "hole der Teufel meinen guten Geschmack! aber die
Regel ist interessanter als die Ausnahme, - als ich, die Ausnahme!"
- und würde sich hinab begeben, vor Allem "hinein". Das Studium des
durchschnittlichen Menschen, lang, ernsthaft, und zu diesem Zwecke
viel Verkleidung, Selbstüberwindung, Vertraulichkeit, schlechter
Umgang - jeder Umgang ist schlechter Umgang ausser dem mit
Seines-Gleichen -: das macht ein nothwendiges Stück der
Lebensgeschichte jedes Philosophen aus, vielleicht das unangenehmste,
übelriechendste, an Enttäuschungen reichste Stück. Hat er aber Glück,
wie es einem Glückskinde der Erkenntniss geziemt, so begegnet er
eigentlichen Abkürzern und Erleichterern seiner Aufgabe, - ich meine
sogenannten Cynikern, also Solchen, welche das Thier, die Gemeinheit,
die "Regel" an sich einfach anerkennen und dabei noch jenen Grad von
Geistigkeit und Kitzel haben, um über sich und ihres Gleichen vor
Zeugen reden zu müssen: - mitunter wälzen sie sich sogar in Büchern
wie auf ihrem eignen Miste. Cynismus ist die einzige Form, in welcher
gemeine Seelen an Das streifen, was Redlichkeit ist; und der höhere
Mensch hat bei jedem gröberen und feineren Cynismus die Ohren
aufzumachen und sich jedes Mal Glück zu wünschen, wenn gerade vor ihm
der Possenreisser ohne Scham oder der wissenschaftliche Satyr laut
werden. Es giebt sogar Fälle, wo zum Ekel sich die Bezauberung mischt:
da nämlich, wo an einen solchen indiskreten Bock und Affen, durch eine
Laune der Natur, das Genie gebunden ist, wie bei dem Abbé Galiani, dem
tiefsten, scharfsichtigsten und vielleicht auch schmutzigsten Menschen
seines Jahrhunderts - er war viel tiefer als Voltaire und folglich
auch ein gut Theil schweigsamer. Häufiger schon geschieht es, dass,
wie angedeutet, der wissenschaftliche Kopf auf einen Affenleib, ein
feiner Ausnahme-Verstand auf eine gemeine Seele gesetzt ist, - unter
Ärzten und Moral-Physiologen namentlich kein seltenes Vorkommniss. Und
wo nur Einer ohne Erbitterung, vielmehr harmlos vom Menschen redet als
von einem Bauche mit zweierlei Bedürfnissen und einem Kopfe mit Einem;
überall wo Jemand immer nur Hunger, Geschlechts-Begierde und Eitelkeit
sieht, sucht und sehn will, als seien es die eigentlichen und einzigen
Triebfedern der menschlichen Handlungen; kurz, wo man "schlecht" vom
Menschen redet - und nicht einmal schlimm -, da soll der Liebhaber
der Erkenntniss fein und fleissig hinhorchen, er soll seine Ohren
überhaupt dort haben, wo ohne Entrüstung geredet wird. Denn der
entrüstete Mensch, und wer immer mit seinen eignen Zähnen sich selbst
(oder, zum Ersatz dafür, die Welt, oder Gott, oder die Gesellschaft)
zerreisst und zerfleischt, mag zwar moralisch gerechnet, höher stehn
als der lachende und selbstzufriedene Satyr, in jedem anderen Sinne
aber

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Text Comparison with We Philologists Complete Works of Friedrich Nietzsche, Volume 8

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It follows from this that old men are well suited to be philologists if they were not such during that portion of their life which was richest in experiences.
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17 One very great value of antiquity consists in the fact that its writings are the only ones which modern men still read carefully.
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The majority of men are as it were suspended in the air like toy balloons; every breath of wind moves them.
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How has it acquired this power? Calculations of the different prejudices in its favour.
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Whence comes his pretension to be a teacher in the higher sense, not only of all scientific men, but more especially of all cultured men? This educational power must be taken by the philologist from antiquity; and in such a case people will ask with astonishment: how does it come that we attach such value to a far-off past that we can only become cultured men with the aid of its knowledge? These questions, however, are not asked as a rule: The sway of philology over our means of instruction remains practically unquestioned; and antiquity _has_ the importance assigned to it.
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" "We know it has done us good.
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46 (THE FINAL DRAFT OF THE FIRST CHAPTER.
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a certain sterility of insight has resulted, for they promote the science, but not the philologist.
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THE PHILOLOGISTS are .
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118 The happy and comfortable constitution of the politico-social position must not be sought among the Greeks .
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Even the poet does not.
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137 The "lighthearted" gods .
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148 The desire to find something certain and fixed in aesthetic led to the worship of Aristotle: I think, however, that we may gradually come to see from his works that he understood nothing about art, and that it is merely the intellectual conversations of the Athenians, echoing in.
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Thus everything becomes ironical.
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Man has now a great deal of freedom: it is his own fault if he does not make more use of it than he does; the fanaticism of opinions has become much milder.
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The stunted man is a retrogression in the human race: he throws a shadow over all succeeding generations The tendencies and natural purpose of the individual science become degenerate, and science itself is finally shipwrecked: it has made progress, but has either no effect at all on life or else an immoral one.
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invariably with an emulative soul.
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189 The denial of life is no longer an easy matter: a man may become a hermit or a monk--and what is thereby.
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Spiritual heights have had their age in history; inherited energy belongs to them.
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intended to deal with the acquisition of knowledge and its valuation, _e.