Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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Ein Mensch, der will -, befiehlt
einem Etwas in sich, das gehorcht oder von dem er glaubt, dass es
gehorcht. Nun aber beachte man, was das Wunderlichste am Willen ist,
- an diesem so vielfachen Dinge, für welches das Volk nur Ein Wort
hat: insofern wir im gegebenen Falle zugleich die Befehlenden und
Gehorchenden sind, und als Gehorchende die Gefühle des Zwingens,
Drängens, Drückens, Widerstehens, Bewegens kennen, welche sofort nach
dem Akte des Willens zu beginnen pflegen; insofern wir andererseits
die Gewohnheit haben, uns über diese Zweiheit vermöge des
synthetischen Begriffs "ich" hinwegzusetzen, hinwegzutäuschen, hat
sich an das Wollen noch eine ganze Kette von irrthümlichen Schlüssen
und folglich von falschen Werthschätzungen des Willens selbst
angehängt, - dergestalt, dass der Wollende mit gutem Glauben glaubt,
Wollen genüge zur Aktion. Weil in den allermeisten Fällen nur gewollt
worden ist, wo auch die Wirkung des Befehls, also der Gehorsam, also
die Aktion erwartet werden durfte, so hat sich der Anschein in das
Gefühl übersetzt, als ob es da eine Nothwendigkeit von Wirkung gäbe;
genug, der Wollende glaubt, mit einem ziemlichen Grad von Sicherheit,
dass Wille und Aktion irgendwie Eins seien -, er rechnet das Gelingen,
die Ausführung des Wollens noch dem Willen selbst zu und geniesst
dabei einen Zuwachs jenes Machtgefühls, welches alles Gelingen mit
sich bringt. "Freiheit des Willens" - das ist das Wort für jenen
vielfachen Lust-Zustand des Wollenden, der befiehlt und sich zugleich
mit dem Ausführenden als Eins setzt, - der als solcher den Triumph
über Widerstände mit geniesst, aber bei sich urtheilt, sein Wille
selbst sei es, der eigentlich die Widerstände überwinde. Der Wollende
nimmt dergestalt die Lustgefühle der ausführenden, erfolgreichen
Werkzeuge, der dienstbaren "Unterwillen" oder Unter-Seelen - unser
Leib ist ja nur ein Gesellschaftsbau vieler Seelen - zu seinem
Lustgefühle als Befehlender hinzu. L'effet c'est moi: es begiebt sich
hier, was sich in jedem gut gebauten und glücklichen Gemeinwesen
begiebt, dass die regierende Klasse sich mit den Erfolgen des
Gemeinwesens identificirt. Bei allem Wollen handelt es sich
schlechterdings um Befehlen und Gehorchen, auf der Grundlage, wie
gesagt, eines Gesellschaftsbaus vieler "Seelen": weshalb ein Philosoph
sich das Recht nehmen sollte, Wollen an sich schon unter den
Gesichtskreis der Moral zu fassen: Moral nämlich als Lehre von den
Herrschafts-Verhältnissen verstanden, unter denen das Phänomen "Leben"
entsteht. -


20.

Dass die einzelnen philosophischen Begriffe nichts Beliebiges, nichts
Für-sich-Wachsendes sind, sondern in Beziehung und Verwandtschaft zu
einander emporwachsen, dass sie, so plötzlich und willkürlich sie auch
in der Geschichte des Denkens anscheinend heraustreten, doch eben so
gut einem Systeme angehören als die sämmtlichen Glieder der Fauna
eines Erdtheils: das verräth sich zuletzt noch darin, wie sicher die
verschiedensten Philosophen ein gewisses Grundschema von möglichen
Philosophien immer wieder ausfüllen. Unter

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Text Comparison with Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

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Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was weiss Der von Liebe, der nicht gerade verachten musste, was er liebte! Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen, mein Bruder; und spät erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.
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Grosse Verbindlichkeiten machen nicht dankbar, sondern rachsüchtig; und wenn die kleine Wohlthat nicht vergessen wird, so wird noch ein Nage-Wurm daraus.
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"Von wem redest du doch? sagte sie, wohl von mir? Und wenn du Recht hättest, - sagt man _das_ mir so in's Gesicht! Aber nun sprich doch auch von deiner Weisheit!" Ach, und nun machtest du wieder dein Auge auf, oh geliebtes Leben! Und in's Unergründliche schien ich mir wieder zu sinken.
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Noch hat seine Erkenntniss nicht lächeln gelernt und ohne Eifersucht sein; noch ist seine strömende Leidenschaft nicht stille geworden in der Schönheit.
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Und er sprach: "es hat wohl da ein Gott, als ich schlief, mir heimlich Etwas entwendet? Wahrlich, genug, sich ein Weibchen daraus zu bilden! Wundersam ist die Armuth meiner Rippen!" also sprach schon mancher Gegenwärtige.
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ihnen da liegen darf wie ein Spiegel mit hundert Augen.
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So gab dem Hungrigen das Meer einen Stein.
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Ihr hörtet wohl schon Einiges vom Wanderer und seinem Schatten? Sicher aber ist das: ich muss ihn kürzer halten, - er verdirbt mir sonst noch den Ruf.
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Grässlich erschrak ich darob: es warf mich nieder.
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Ich! Oder du! Ich aber bin der Stärkere von uns Beiden -: du kennst meinen abgründlichen Gedanken nicht! _Den_ - könntest du nicht tragen!" - Da geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von der Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor mich hin.
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Und wanderte ich allein: _wes_ hungerte meine Seele in Nächten und Irr-Pfaden? Und stieg ich Berge, _wen_ suchte ich je, wenn nicht dich, auf Bergen? Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen: - _fliegen_ allein will mein ganzer Wille, in _dich_ hinein fliegen! Und wen hasste ich mehr, als ziehende Wolken und Alles, was dich befleckt? Und meinen eignen Hass hasste ich noch, weil er dich befleckte! Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden.
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Soviel Gerechtigkeit und Mitleiden, soviel Schwäche.
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An diese Gläubigen soll Der nicht sein Herz binden, wer meiner Art unter Menschen ist; an diese Lenze und bunte Wiesen soll Der nicht glauben, wer die flüchtig-feige Menschenart kennt! _Könnten_ sie anders, so würden sie auch anders _wollen_.
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Ob Einer vor Göttern und göttlichen Fusstritten knechtisch ist, ob vor Menschen und blöden Menschen-Meinungen: _alle_ Knechts-Art speit sie an, diese selige Selbstsucht! Schlecht: so beisst sie Alles, was geknickt und knickerisch-knechtisch ist, unfreie Zwinker-Augen, gedruckte Herzen, und jene falsche nachgebende Art, welche mit breiten feigen Lippen küsst.
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Die Schlange aber und der Adler, als sie ihn solchermaassen schweigsam fanden, ehrten die grosse Stille um ihn und machten sich behutsam davon.
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" - "Ja, meine Thiere, antwortete er, ihr rathet trefflich und mir nach dem Herzen: ich will heute auf einen hohen Berg steigen! Aber sorgt, dass dort Honig mir zur Hand sei, gelber, weisser, guter, eisfrischer Waben-Goldhonig.
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Als er ihn nämlich mit Augen prüfte, erschrak er wie vor einem plötzlichen Gespenste: so dünn, schwärzlich, hohl und überlebt sah dieser Nachfolger aus.
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Das sind feine ferne Dinge: nach denen sollen nicht Schafs-Klauen greifen! 6.
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Schon kommt der Abend: über das Meer her reitet er, der gute Reiter! Wie er sich wiegt, der Selige, Heimkehrende, in seinen purpurnen Sätteln! Der Himmel blickt klar dazu, die Welt liegt tief: oh all ihr Wunderlichen, die ihr zu mir kamt, es lohnt sich schon, bei mir zu leben!" Also sprach Zarathustra.
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ich nicht in tiefe Brunnen? Die Welt schläft - Ach! Ach! Der Hund heult, der Mond scheint.