Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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sind auch
mir manche seltsame und nicht ungefährliche Geister über den Weg
gelaufen, vor Allem aber der, von dem ich eben sprach, und dieser
immer wieder, kein Geringerer nämlich, als der Gott Dionysos, jener
grosse Zweideutige und Versucher Gott, dem ich einstmals, wie ihr
wisst, in aller Heimlichkeit und Ehrfurcht meine Erstlinge dargebracht
habe - als der Letzte, wie mir scheint, der ihm ein Opfer dargebracht
hat: denn ich fand Keinen, der es verstanden hätte, was ich damals
that. Inzwischen lernte ich Vieles, Allzuvieles über die Philosophie
dieses Gottes hinzu, und, wie gesagt, von Mund zu Mund, - ich, der
letzte jünger und Eingeweihte des Gottes Dionysos: und ich dürfte wohl
endlich einmal damit anfangen, euch, meinen Freunden, ein Wenig, so
weit es mir erlaubt ist, von dieser Philosophie zu kosten zu geben?
Mit halber Stimme, wie billig: denn es handelt sich dabei um
mancherlei Heimliches, Neues, Fremdes, Wunderliches, Unheimliches.
Schon dass Dionysos ein Philosoph ist, und dass also auch Götter
philosophiren, scheint mir eine Neuigkeit, welche nicht unverfänglich
ist und die vielleicht gerade unter Philosophen Misstrauen erregen
möchte, - unter euch, meine Freunde, hat sie schon weniger gegen sich,
es sei denn, dass sie zu spät und nicht zur rechten Stunde kommt:
denn ihr glaubt heute ungern, wie man mir verrathen hat, an Gott
und Götter. Vielleicht auch, dass ich in der Freimüthigkeit meiner
Erzählung weiter gehn muss, als den strengen Gewohnheiten eurer Ohren
immer liebsam ist? Gewisslich gieng der genannte Gott bei dergleichen
Zwiegesprächen weiter, sehr viel weiter, und war immer um viele
Schritt mir voraus.... ja ich würde, falls es erlaubt wäre, ihm nach
Menschenbrauch schöne feierliche Prunk- und Tugendnamen beizulegen,
viel Rühmens von seinem Forscher- und Entdecker-Muthe, von seiner
gewagten Redlichkeit, Wahrhaftigkeit und Liebe zur Weisheit zu machen
haben. Aber mit all diesem ehrwürdigen Plunder und Prunk weiss ein
solcher Gott nichts anzufangen. "Behalte dies, würde er sagen, für
dich und deines Gleichen und wer sonst es nöthig hat! Ich - habe
keinen Grund, meine Blösse zu decken!" - Man erräth: es fehlt dieser
Art von Gottheit und Philosophen vielleicht an Scham? - So sagte er
einmal: "unter Umständen liebe ich den Menschen - und dabei spielte er
auf Ariadne an, die zugegen war -: der Mensch ist mir ein angenehmes
tapferes erfinderisches Thier, das auf Erden nicht seines Gleichen
hat, es findet sich in allen Labyrinthen noch zurecht. Ich bin ihm
gut: ich denke oft darüber nach, wie ich ihn noch vorwärts bringe und
ihn stärker, böser und tiefer mache, als er ist." - "Stärker, böser
und tiefer?" fragte ich erschreckt. "Ja, sagte er noch Ein Mal,
stärker, böser und tiefer; auch schöner" - und dazu

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Text Comparison with Human, All-Too-Human: A Book for Free Spirits, Part 2

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Of the two divisions which constitute the Second Part, "Miscellaneous Maxims and Opinions" appeared in 1879, and "The Wanderer and his Shadow" in 1880, Nietzsche being then in his thirty-sixth year.
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But first I always needed time, convalescence, distance, separation, before I felt the stirrings of a desire to flay, despoil, lay bare, "represent" (or whatever one likes to call it) for the additional knowledge of the world, something that I had lived through and outlived, something done or suffered.
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Just as the cella hides and conceals in a mysterious twilight, yet not completely, the holy of holies, the real _numen_ of the Deity; just as, again, the peripteric temple hides the cella, protecting it from indiscreet eyes as with a screen and a veil, yet not completely--so it is with the image of the Deity, and at the same time the concealment of the Deity.
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Twice he intended to possess something higher than he really possessed--and went astray in the second half of his life, where he seems quite convinced that he is one of the great scientific discoverers and illuminators.
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ENJOYMENT OF NOVELTY.
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300.
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This is in accordance with the tailors' philosophy, "The apparel makes the man.
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DANGER IN ADMIRATION.
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Even to the eye of the most unbiassed astronomer a lifeless world can scarcely appear otherwise than as a shining and swinging star wherein man lies buried.
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Hence arise two different modes of action, which Hesiod designated good and bad Eris.
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In the same way, he will not think of revenge if he despises the offender and the spectator; because as objects of his contempt they cannot give him honour, and accordingly cannot rob him of honour.
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--The proverb, "The Hungarian is far too lazy to feel bored," gives food for thought.
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--Superficial, inexact observation sees contrasts everywhere in nature (for instance, "hot and cold"), where there are no contrasts, only differences of degree.
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(20) 100.
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144.
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The more fully and thoroughly we live, the more ready we are to sacrifice life for a single pleasurable emotion.
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"MAN!"--What is the vanity of the vainest individual as compared with the vanity which the most modest person feels when he thinks of his position in nature and in the world as "Man!" 305.
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In such a mood they criticise the new achievement, and, to the utter astonishment of the author, their criticism becomes a revenge.
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WHEEL AND DRAG.