Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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immer
vieldeutig, immer unergründlich -; es sind auch die "Werke" nicht. Man
findet heute unter Künstlern und Gelehrten genug von Solchen, welche
durch ihre Werke verrathen, wie eine tiefe Begierde nach dem Vornehmen
hin sie treibt: aber gerade dies Bedürfniss nach dem Vornehmen ist von
Grund aus verschieden von den Bedürfnissen der vornehmen Seele selbst,
und geradezu das beredte und gefährliche Merkmal ihres Mangels. Es
sind nicht die Werke, es ist der Glaube, der hier entscheidet, der
hier die Rangordnung feststellt, um eine alte religiöse Formel in
einem neuen und tieferen Verstande wieder aufzunehmen: irgend eine
Grundgewissheit, welche eine vornehme Seele über sich selbst hat,
Etwas, das sich nicht suchen, nicht finden und vielleicht auch nicht
verlieren lässt.- Die vornehme Seele hat Ehrfurcht vor sich.-


288.

Es giebt Menschen, welche auf eine unvermeidliche Weise Geist haben,
sie mögen sich drehen und wenden, wie sie wollen, und die Hände vor
die verrätherischen Augen halten (- als ob die Hand kein Verräther
wäre! -): schliesslich kommt es immer heraus, dass sie Etwas haben,
das sie verbergen, nämlich Geist. Eins der feinsten Mittel, um
wenigstens so lange als möglich zu täuschen und sich mit Erfolg dümmer
zu stellen als man ist - was im gemeinen Leben oft so wünschenswerth
ist wie ein Regenschirm -, heisst Begeisterung: hinzugerechnet, was
hinzu gehört, zum Beispiel Tugend. Denn, wie Galiani sagt, der es
wissen musste -: vertu est enthousiasme.


289.

Man hört den Schriften eines Einsiedlers immer auch Etwas von dem
Wiederhall der Öde, Etwas von dem Flüstertone und dem scheuen
Umsichblicken der Einsamkeit an; aus seinen stärksten Worten, aus
seinem Schrei selbst klingt noch eine neue und gefährlichere Art
des Schweigens, Verschweigens heraus. Wer Jahraus, Jahrein und Tags
und Nachts allein mit seiner Seele im vertraulichen Zwiste und
Zwiegespräche zusammengesessen hat, wer in seiner Höhle - sie kann
ein Labyrinth, aber auch ein Goldschacht sein - zum Höhlenbär oder
Schatzgräber oder Schatzwächter und Drachen wurde: dessen Begriffe
selber erhalten zuletzt eine eigne Zwielicht-Farbe, einen Geruch
ebenso sehr der Tiefe als des Moders, etwas Unmittheilsames und
Widerwilliges, das jeden Vorübergehenden kalt anbläst. Der Einsiedler
glaubt nicht daran, dass jemals ein Philosoph - gesetzt, dass ein
Philosoph immer vorerst ein Einsiedler war - seine eigentlichen und
letzten Meinungen in Büchern ausgedrückt habe: schreibt man nicht
gerade Bücher, um zu verbergen, was man bei sich birgt? - ja er
wird zweifeln, ob ein Philosoph "letzte und eigentliche" Meinungen
überhaupt haben könne, ob bei ihm nicht hinter jeder Höhle noch eine
tiefere Höhle liege, liegen müsse - eine umfänglichere fremdere
reichere Welt über einer Oberfläche, ein Abgrund hinter jedem
Grunde, unter jeder "Begründung". Jede Philosophie ist eine
Vordergrunds-Philosophie - das ist ein Einsiedler-Urtheil: "es ist
etwas Willkürliches

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Text Comparison with Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister

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Vielleicht, dass man mir in diesem Betrachte mancherlei "Kunst", mancherlei feinere Falschmünzerei vorrücken könnte: zum Beispiel, dass ich wissentlich-willentlich die Augen vor Schopenhauer's blindem Willen zur Moral zugemacht hätte, zu einer Zeit, wo ich über Moral schon hellsichtig genug war; insgleichen dass ich mich über Richard Wagner's unheilbare Romantik betrogen hätte, wie als ob sie ein Anfang und nicht ein Ende sei; insgleichen über die Griechen, insgleichen über die Deutschen und ihre Zukunft - und es gäbe vielleicht noch eine ganze lange Liste solcher Insgleichen? - gesetzt aber, dies Alles wäre wahr und mit gutem Grunde mir vorgerückt, was wisst ihr davon, was könntet ihr davon wissen, wie viel List der Selbst-Erhaltung, wie viel Vernunft und höhere Obhut in solchem Selbst-Betruge enthalten ist, - und wie viel Falschheit mir noch noth hut, damit ich mir immer wieder den Luxus meiner Wahrhaftigkeit gestatten darf?.
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- wie kann Etwas aus seinem Gegensatz entstehen, zum Beispiel Vernünftiges aus Vernunftlosem, Empfindendes aus Todtem, Logik aus Unlogik, interesseloses Anschauen aus begehrlichem Wollen, Leben für Andere aus Egoismus, Wahrheit aus Irrthümern? Die metaphysische Philosophie half sich bisher über diese Schwierigkeit hinweg, insofern sie die Entstehung des Einen aus dem Andern leugnete und für die höher gewertheten Dinge einen Wunder-Ursprung annahm,.
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hierzu, wie gesagt, ein gutes Temperament, eine gefestete, milde und im Grunde frohsinnige Seele, eine Stimmung, welche nicht vor Tücken und plötzlichen Ausbrüchen auf der Hut zu sein brauchte und in ihren Aeusserungen Nichts von dem knurrenden Tone und der Verbissenheit an sich trüge, - jenen bekannten lästigen Eigenschaften alter Hunde und Menschen, die lange an der Kette gelegen haben.
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- Man muss sich also eingestehen, dass die eitelen Menschen nicht sowohl Anderen gefallen wollen, als sich selbst, und dass sie so weit gehen, ihren Vortheil dabei zu vernachlässigen; denn es liegt ihnen oft daran, ihre Mitmenschen ungünstig, feindlich, neidisch, also schädlich gegen sich stimmen, nur um die Freude an sich selber, den Selbstgenuss, zu haben.
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- Man hat bisher als das eigentliche Kennzeichen der moralischen Handlung das Unpersönliche angesehen; und es ist nachgewiesen, dass.
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Auch jetzt wollen wir für unsere Mitmenschen arbeiten, aber nur so weit, als wir unsern eigenen höchsten Vortheil in dieser Arbeit finden, nicht mehr, nicht weniger.
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- Die völlige Unverantwortlichkeit des Menschen für sein Handeln und sein Wesen ist der bitterste Tropfen, welchen der Erkennende schlucken muss, wenn er gewohnt war, in der Verantwortlichkeit und der Pflicht den Adelsbrief seines Menschenthums zu sehen.
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Der Schüler und Apostel, welcher für die Schwäche der Lehre, der Religion und so weiter, kein Auge hat, geblendet durch das Ansehen des Meisters und durch seine Pietät gegen ihn, hat desshalb gewöhnlich mehr Macht, als der Meister.
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haben; so dass eine tiefe Verstimmung entsteht, mit dem Ausblicke nach einem Arzte, der diese, und alle ihre Ursachen, zu heben vermöchte.
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Sodann setzt es voraus, dass der Andere Egoist genug ist, um jene Opfer, jenes Leben für ihn, immer und immer wieder anzunehmen: so dass die Menschen der Liebe und Aufopferung ein Interesse an dem Fortbestehen der liebelosen und aufopferungsunfähigen Egoisten haben, und die höchste Moralität, um bestehen zu können, förmlich die Existenz der Unmoralität erzwingen müsste (wodurch sie sich freilich selber aufheben würde).
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- Unsere Ohren sind, vermöge der ausserordentlichen Uebung des Intellects durch die Kunstentwickelung der neuen Musik, immer intellectualer geworden.
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- Was ist von alledem die Consequenz? je gedankenfähiger Auge und Ohr werden, um so mehr kommen sie an die Gränze, wo sie unsinnlich werden: die Freude wird in's Gehirn verlegt, die Sinnesorgane selbst werden stumpf und schwach, das Symbolische tritt immer mehr an Stelle des Seienden, - und so gelangen wir auf diesem Wege so sicher zur Barbarei, wie auf irgend einem anderen.
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Die Revolution in der Poesie.
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227.
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Die grosse Aufgabe der Renaissance konnte nicht zu Ende gebracht werden, der Protest des inzwischen zurückgebliebenen deutschen Wesens (welches im Mittelalter Vernunft genug gehabt hatte, um immer und immer wieder zu seinem Heile über die Alpen zu steigen) verhinderte diess.
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Zur Kriegsgeschichte des Individuums.
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Liebe.
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- Wenn man der Bestie blutige Fleischstücke aus der Nähe zeigt und wieder wegzieht, bis sie endlich brüllt: meint ihr, dass diess Gebrüll Gerechtigkeit bedeute? 452.
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Warum bewundert man Den, welcher seiner Ueberzeugung treu bleibt, und verachtet Den, welcher sie wechselt? Ich fürchte, die Antwort muss sein: weil Jedermann voraussetzt, dass nur Motive gemeineren Vortheils oder persönlicher Angst einen solchen Wechsel veranlassen.