Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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jedes Mittel den Zweck verbirgt -,
verdirbt ihm jeden Umgang: diese Art Mensch kennt die Einsamkeit und
was sie vom Giftigsten an sich hat.


274.

Das Problem der Wartenden. - Es sind Glücksfälle dazu nöthig und
vielerlei Unberechenbares, dass ein höherer Mensch, in dem die Lösung
eines Problems schläft, noch zur rechten Zeit zum Handeln kommt - "zum
Ausbruch", wie man sagen könnte. Es geschieht durchschnittlich nicht,
und in allen Winkeln der Erde sitzen Wartende, die es kaum wissen,
in wiefern sie warten, noch weniger aber, dass sie umsonst warten.
Mitunter auch kommt der Weckruf zu spät, jener Zufall, der die
"Erlaubniss" zum Handeln giebt, - dann, wenn bereits die beste Jugend
und Kraft zum Handeln durch Stillsitzen verbraucht ist; und wie
Mancher fand, eben als er "aufsprang", mit Schrecken seine Glieder
eingeschlafen und seinen Geist schon zu schwer! "Es ist zu spät" -
sagte er sich, ungläubig über sich geworden und nunmehr für immer
unnütz. - Sollte, im Reiche des Genie's, der "Raffael ohne Hände",
das Wort im weitesten Sinn verstanden, vielleicht nicht die Ausnahme,
sondern die Regel sein? - Das Genie ist vielleicht gar nicht so
selten: aber die fünfhundert Hände, die es nöthig hat, um den kairós,
"die rechte Zeit" - zu tyrannisiren, um den Zufall am Schopf zu
fassen!


275.

Wer das Hohe eines Menschen nicht sehen will, blickt um so schärfer
nach dem, was niedrig und Vordergrund an ihm ist - und verräth sich
selbst damit.


276.

Bei aller Art von Verletzung und Verlust ist die niedere und gröbere
Seele besser daran, als die vornehmere: die Gefahren der letzteren
müssen grösser sein, ihre Wahrscheinlichkeit, dass sie verunglückt
und zu Grunde geht, ist sogar, bei der Vielfachheit ihrer
Lebensbedingungen, ungeheuer. - Bei einer Eidechse wächst ein Finger
nach, der ihr verloren gieng: nicht so beim Menschen. -


277.

- Schlimm genug! Wieder die alte Geschichte! Wenn man sich sein Haus
fertig gebaut hat, merkt man, unversehens Etwas dabei gelernt zu
haben, das man schlechterdings hätte wissen müssen, bevor man zu
bauen - anfieng. Das ewige leidige "Zu spät!" - Die Melancholie alles
Fertigen!.....


278.

- Wanderer, wer bist du? Ich sehe dich deines Weges gehn, ohne Hohn,
ohne Liebe, mit unerrathbaren Augen; feucht und traurig wie ein
Senkblei, das ungesättigt aus jeder Tiefe wieder an's Licht gekommen
- was suchte es da unten? -, mit einer Brust, die nicht seufzt, mit
einer Lippe, die ihren Ekel verbirgt, mit einer Hand, die nur noch
langsam greift: wer bist du? was thatest du? Ruhe dich hier aus: diese
Stelle ist gastfreundlich für Jedermann, - erhole dich! Und wer du
auch sein magst: was gefällt dir jetzt? Was dient dir zur Erholung?
Nenne es nur: was ich

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Text Comparison with The Will to Power, Book I and II An Attempted Transvaluation of all Values

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etc.
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the one nor the other has been taught; but rather virtue, disinterestedness, pity, and even the negation of life.
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In short: there are signs showing that the European of the nineteenth century is less ashamed of his instincts; he has gone a long way towards acknowledging his unconditional naturalness and immorality, _without bitterness_: on the contrary, he is strong enough to endure this point of view alone.
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For the _plasticity_ of man has become exceedingly great in democratic Europe: men who learn easily, who readily adapt themselves, are the rule: the gregarious animal of a high order of intelligence is prepared.
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It is the rise of Pessimism (whereas Jesus wished to bring the peace and the happiness of the lambs): and moreover the Pessimism of the weak, of the inferior, of the suffering, and of the oppressed.
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_ 197.
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And this _kind of ideal_ is hanging still, under the name of "God," over men's heads!! 201.
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.
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order to be immoral in this subtle way; let me speak in a parable:-- A physiologist interested in a certain illness, and an invalid who wishes to be cured of that same illness, have not the same interests.
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In this phase religion has generally become saturated with it: as, for instance, in the case of Judaism.
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nothing quite isolated in the world: the smallest thing bears the largest on its back; on thy small injustice the whole nature of the future depends; the whole is condemned by every criticism which is directed at the smallest part of it.
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And that means that one would fain know that man actually _has_ a goal or a destiny.
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_ The _stoical_ type.
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.
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" In this way they resemble an ingenuous plebeian empiric and miracle-worker who, because he had tried a certain poison as a cure, declared it to be no poison.
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The instinct of decadence appears as the will to power.
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He tried to attain to a certain power over Nature and over himself.
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_Theory and practice.
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He actually worried himself all his life because he had shown some warmth or passion either "_pro_" or "con," and he would fein have lied that fact out of his life.
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It is the same struggle which is taken up later on by the _Church_ in the name of piety: the Church inherited the whole arsenal of antiquity for her war with science.