Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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Stolz des Auserwählten der Erkenntniss, des "Eingeweihten",
des beinahe Geopferten findet alle Formen von Verkleidung nöthig, um
sich vor der Berührung mit zudringlichen und mitleidigen Händen und
überhaupt vor Allem, was nicht Seinesgleichen im Schmerz ist, zu
schützen. Das tiefe Leiden macht vornehm; es trennt. Eine der feinsten
Verkleidungs-Formen ist der Epicureismus und eine gewisse fürderhin
zur Schau getragene Tapferkeit des Geschmacks, welche das Leiden
leichtfertig nimmt und sich gegen alles Traurige und Tiefe zur Wehre
setzt. Es giebt "heitere Menschen", welche sich der Heiterkeit
bedienen, weil sie um ihretwillen missverstanden werden: - sie wollen
missverstanden sein. Es giebt "wissenschaftliche Menschen", welche
sich der Wissenschaft bedienen, weil dieselbe einen heiteren Anschein
giebt, und weil Wissenschaftlichkeit darauf schliessen lässt, dass
der Mensch oberflächlich ist: - sie wollen zu einem falschen Schlusse
verführen. Es giebt freie freche Geister, welche verbergen und
verleugnen möchten, dass sie zerbrochene stolze unheilbare Herzen
sind; und bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein
unseliges allzugewisses Wissen. - Woraus sich ergiebt, dass es zur
feineren Menschlichkeit gehört, Ehrfurcht "vor der Maske" zu haben und
nicht an falscher Stelle Psychologie und Neugierde zu treiben.


271.

Was am tiefsten zwei Menschen trennt, das ist ein verschiedener Sinn
und Grad der Reinlichkeit. Was hilft alle Bravheit und gegenseitige
Nützlichkeit, was hilft aller guter Wille für einander: zuletzt bleibt
es dabei - sie "können sich nicht riechen!" Der höchste Instinkt der
Reinlichkeit stellt den mit ihm Behafteten in die wunderlichste und
gefährlichste Vereinsamung, als einen Heiligen: denn eben das ist
Heiligkeit - die höchste Vergeistigung des genannten Instinktes.
Irgend ein Mitwissen um eine unbeschreibliche Fülle im Glück des
Bades, irgend eine Brunst und Durstigkeit, welche die Seele beständig
aus der Nacht in den Morgen und aus dem Trüben, der "Trübsal", in's
Helle, Glänzende, Tiefe, Feine treibt -: eben so sehr als ein solcher
Hang auszeichnet - es ist ein vornehmer Hang -, trennt er auch. -
Das Mitleiden des Heiligen ist das Mitleiden mit dem Schmutz des
Menschlichen, Allzumenschlichen. Und es giebt Grade und Höhen, wo
das Mitleiden selbst von ihm als Verunreinigung, als Schmutz gefühlt
wird.....


272.

Zeichen der Vornehmheit: nie daran denken, unsre Pflichten zu
Pflichten für Jedermann herabzusetzen; die eigne Verantwortlichkeit
nicht abgeben wollen, nicht theilen wollen; seine Vorrechte und deren
Ausübung unter seine Pflichten rechnen.


273.

Ein Mensch, der nach Grossem strebt, betrachtet Jedermann, dem er auf
seiner Bahn begegnet, entweder als Mittel oder als Verzögerung und
Hemmniss - oder als zeitweiliges Ruhebett. Seine ihm eigenthümliche
hochgeartete Güte gegen Mitmenschen ist erst möglich, wenn er auf
seiner Höhe ist und herrscht. Die Ungeduld und sein Bewusstsein, bis
dahin immer zur Komödie verurtheilt zu sein - denn selbst der Krieg
ist eine Komödie und verbirgt, wie

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Text Comparison with The Will to Power, Book III and IV An Attempted Transvaluation of all Values

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According to this standpoint, then, consciousness is also but a weapon in the service of the will to power, and it extends or contracts according to our needs (Aph.
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The unremitting transientness and volatility of the subject.
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danger of directly questioning the subject _concerning_ the subject, and all spiritual self-reflection, consists in this, that it might be a necessary condition of its activity to interpret itself _erroneously.
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1.
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521.
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What is the difference between true and false belief? What is knowledge? He "knows" it, that is heavenly! Necessary and universal truth cannot be given by experience! It is therefore independent of experience, _of_ all experience! The view which comes quite _a priori,_ and therefore independent of all experience, _merely out of reason,_ is "pure knowledge"! "The principles of logic, the principle of identity and of contradiction, are examples of pure knowledge, because they precede all experience.
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_ But inasmuch as morality itself is a part of this world, morality also is false.
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" _Judgments_ already inhere in pleasure and pain: stimuli become differentiated, according as to whether they increase or reduce the feeling of power.
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697.
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.
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The right to punish (or society's means of defence) has been arrived at only through a misuse of the word "right": a right is acquired only by contract, but self-defence and self-preservation do not stand upon the basis of a contract.
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Is there a single idea behind this bovine nationalism? What possible value can there be in encouraging this arrogant self-conceit when everything to-day points to greater and more common interests?--at a moment when the spiritual dependence and denationalisation, which are obvious to all, are paving the way for the reciprocal _rapprochements_ and fertilisations which make up the real value and sense of present-day culture! .
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When Nero and Caracalla stood at the helm, it was then that the paradox arose: "The lowest man is of more value than that one on the throne!" And thus the path was prepared for an _image of God_ which was as remote as possible from the image of.
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life, in so far as it would overcome vital types.
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The man of faith, the believer, is necessarily an inferior species of man.
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But if one should examine the previous history of his race one would be sure to find the record of an extraordinary storing up and capitalising of power by means of all kinds of abstinence, struggle, industry, and determination.
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) 987.
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Should they, however, thanks to any accident, meet each other on the road, I wager that they would not know each other, or that they would deceive each other in a number of ways.
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The pessimism of the _will that is not free_ (otherwise expressed: the lack of resisting power against stimuli).