Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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Gefäss, irgend eine Kostbarkeit aus
verschlossenen Schreinen, irgend ein Buch mit den Zeichen des grossen
Schicksals vorübergetragen wird; und andrerseits giebt es ein
unwillkürliches Verstummen, ein Zögern des Auges, ein Stillewerden
aller Gebärden, woran sich ausspricht, dass eine Seele die Nähe des
Verehrungswürdigsten fühlt. Die Art, mit der im Ganzen bisher die
Ehrfurcht vor der Bibel in Europa aufrecht erhalten wird, ist
vielleicht das beste Stück Zucht und Verfeinerung der Sitte, das
Europa dem Christenthume verdankt: solche Bücher der Tiefe und der
letzten Bedeutsamkeit brauchen zu ihrem Schutz eine von Aussen
kommende Tyrannei von Autorität, um jene Jahrtausende von Dauer zu
gewinnen, welche nöthig sind, sie auszuschöpfen und auszurathen.
Es ist Viel erreicht, wenn der grossen Menge (den Flachen und
Geschwind-Därmen aller Art) jenes Gefühl endlich angezüchtet ist, dass
sie nicht an Alles rühren dürfe; dass es heilige Erlebnisse giebt, vor
denen sie die Schuhe auszuziehn und die unsaubere Hand fern zu halten
hat, - es ist beinahe ihre höchste Steigerung zur Menschlichkeit.
Umgekehrt wirkt an den sogenannten Gebildeten, den Gläubigen der
"modernen Ideen", vielleicht Nichts so ekelerregend, als ihr Mangel
an Scham, ihre bequeme Frechheit des Auges und der Hand, mit der von
ihnen an Alles gerührt, geleckt, getastet wird; und es ist möglich,
dass sich heut im Volke, im niedern Volke, namentlich unter Bauern,
immer noch mehr relative Vornehmheit des Geschmacks und Takt der
Ehrfurcht vorfindet, als bei der zeitunglesenden Halbwelt des Geistes,
den Gebildeten.


264.

Es ist aus der Seele eines Menschen nicht wegzuwischen, was seine
Vorfahren am liebsten und beständigsten gethan haben: ob sie etwa
emsige Sparer waren und Zubehör eines Schreibtisches und Geldkastens,
bescheiden und bürgerlich in ihren Begierden, bescheiden auch in ihren
Tugenden; oder ob sie an's Befehlen von früh bis spät gewöhnt lebten,
rauhen Vergnügungen hold und daneben vielleicht noch rauheren
Pflichten und Verantwortungen; oder ob sie endlich alte Vorrechte der
Geburt und des Besitzes irgendwann einmal geopfert haben, um ganz
ihrem Glauben - ihrem "Gotte" - zu leben, als die Menschen eines
unerbittlichen und zarten Gewissens, welches vor jeder Vermittlung
erröthet. Es ist gar nicht möglich, dass ein Mensch nicht die
Eigenschaften und Vorlieben seiner Eltern und Altvordern im Leibe
habe: was auch der Augenschein dagegen sagen mag. Dies ist das Problem
der Rasse. Gesetzt, man kennt Einiges von den Eltern, so ist ein
Schluss auf das Kind erlaubt: irgend eine widrige Unenthaltsamkeit,
irgend ein Winkel-Neid, eine plumpe Sich-Rechtgeberei - wie diese Drei
zusammen zu allen Zeiten den eigentlichen Pöbel-Typus ausgemacht haben
- dergleichen muss auf das Kind so sicher übergehn, wie verderbtes
Blut; und mit Hülfe der besten Erziehung und Bildung wird man eben
nur erreichen, über eine solche Vererbung zu täuschen. - Und was will
heute

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Text Comparison with We Philologists Complete Works of Friedrich Nietzsche, Volume 8

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KENNEDY AUTHOR OF "THE QUINTESSENCE OF NIETZSCHE," "RELIGIONS AND PHILOSOPHIES OF THE EAST," &C.
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period of his life Nietzsche was convinced that Christianity was the real danger to culture; and not merely modern Christianity, but also the Alexandrian culture, the last gasp of Greek antiquity, which had helped to bring Christianity about.
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The case of wisdom is the exact contrary: it appears to be dependent while in reality it is independent.
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This glorification, then, is spurious; gold-paper.
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In the first place there is the prejudice expressed in the synonymous concept, "The study of the humanities": antiquity is classic because it is the school of the humane.
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33 If the gymnasium is to train young men for science, people now say there can be no more preliminary preparation for any particular science, so comprehensive have all the sciences become.
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But at the same time also we condemn our own attitude towards antiquity, and likewise our philology.
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45 I deplore a system of education which does not enable people to understand Wagner, and as the result of which Schopenhauer sounds harsh and discordant in our ears .
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47 It is not true to say that we can attain culture through antiquity alone.
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Markland, towards the end of his life--as was the case with so many others like him--became imbued with a repugnance for all scholarly reputation, to such an extent, indeed, that he partly tore up and partly burnt several works which he had long had in hand.
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simplicity! This may be seen by a reference to Leopardi, who is perhaps the greatest stylist of the century.
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should rather turn aside from it .
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There are still hopes .
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There are many contrasts to be found here.
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The raising of the present into the colossal and eternal, _e.
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On this account an imitation of antiquity is a false tendency .
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168 When we look from the character and culture of the Catholic Middle Ages back to the Greeks, we see them resplendent indeed in the rays of higher humanity; for, if we have anything to reproach these Greeks with, we must reproach the Middle Ages with it also to a much greater extent.
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Until now no single individuality, or only the very rarest, have been free: they were influenced by these conceptions, but likewise by the bad and contradictory organisation of the individual purposes.
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191 The man who to-day wishes to be good and saintly has a more difficult task than formerly .
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[14] A type in Schopenhauer's Essay "On Religion.