Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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welche die Kraft in's Ungeheure aufgehäuft, die den Bogen auf
so bedrohliche Weise gespannt hat - - jetzt ist, jetzt wird sie
"überlebt". Der gefährliche und unheimliche Punkt ist erreicht, wo
das grössere, vielfachere, umfänglichere Leben über die alte Moral
hinweg lebt; das "Individuum" steht da, genöthigt zu einer eigenen
Gesetzgebung, zu eigenen Künsten und Listen der Selbst-Erhaltung,
Selbst-Erhöhung, Selbst-Erlösung. Lauter neue Wozu's, lauter neue
Womit's, keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverständniss und
Missachtung mit einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die
höchsten Begierden schauerlich verknotet, das Genie der Rasse
aus allen Füllhörnern des Guten und Schlimmen überquellend, ein
verhängnissvolles Zugleich von Frühling und Herbst, voll neuer Reize
und Schleier, die, der jungen, noch unausgeschöpften, noch unermüdeten
Verderbniss zu eigen sind. Wieder ist die Gefahr da, die Mutter der
Moral, die grosse Gefahr, dies Mal in's Individuum verlegt, in den
Nächsten und Freund, auf die Gasse, in's eigne Kind, in's eigne Herz,
in alles Eigenste und Geheimste von Wunsch und Wille: was werden
jetzt die Moral-Philosophen zu predigen haben, die um diese
Zeit heraufkommen? Sie entdecken, diese scharfen Beobachter und
Eckensteher, dass es schnell zum Ende geht, dass Alles um sie verdirbt
und verderben macht, dass Nichts bis übermorgen steht, Eine Art Mensch
ausgenommen, die unheilbar Mittelmässigen. Die Mittelmässigen allein
haben Aussicht, sich fortzusetzen, sich fortzupflanzen, - sie sind die
Menschen der Zukunft, die einzig überlebenden; "seid wie sie! werdet
mittelmässig!" heisst nunmehr die alleinige Moral, die noch Sinn hat,
die noch Ohren findet. - Aber sie ist schwer zu predigen, diese Moral
der Mittelmässigkeit! - sie darf es ja niemals eingestehn, was sie
ist und was sie will! sie muss von Maass und Würde und Pflicht und
Nächstenliebe reden, - sie wird noth haben, die Ironie zu verbergen! -


263.

Es giebt einen Instinkt für den Rang, welcher, mehr als Alles, schon
das Anzeichen eines hohen Ranges ist; es giebt eine Lust an den
Nuancen der Ehrfurcht, die auf vornehme Abkunft und Gewohnheiten
rathen lässt. Die Feinheit, Güte und Höhe einer Seele wird gefährlich
auf die Probe gestellt, wenn Etwas an ihr vorüber geht, das ersten
Ranges ist, aber noch nicht von den Schaudern der Autorität vor
zudringlichen Griffen und Plumpheiten gehütet wird: Etwas, das,
unabgezeichnet, unentdeckt, versuchend, vielleicht willkürlich
verhüllt und verkleidet, wie ein lebendiger Prüfstein seines Weges
geht. Zu wessen Aufgabe und Übung es gehört, Seelen auszuforschen, der
wird sich in mancherlei Formen gerade dieser Kunst bedienen, um den
letzten Werth einer Seele, die unverrückbare eingeborne Rangordnung,
zu der sie gehört, festzustellen: er wird sie auf ihren Instinkt der
Ehrfurcht hin auf die Probe stellen. Différence engendre haine: die
Gemeinheit mancher Natur sprützt plötzlich wie schmutziges Wasser
hervor, wenn irgend ein heiliges

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Text Comparison with The Will to Power, Book III and IV An Attempted Transvaluation of all Values

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done this with each newly acquired characteristic, sight itself, which is a relatively recent development, would also have required to have been deified.
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All human knowledge is either experience or mathematics.
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It believes rather that it actually perceives such a case; it works on the hypothesis that there are such things as identical cases.
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An artist cannot endure reality; he turns away or back from it: his earnest opinion is that the worth of a thing consists in that nebulous residue of it which one derives from colour, form, sound, and thought; he believes that the more subtle, attenuated, and volatile, a thing or a man becomes, _the more valuable he becomes: the less real,_ the greater the worth.
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Natural science and psychology were (1) condemned in their objects, (2) deprived of their artlessness.
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597.
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634.
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There is nothing whatever to prove that the higher organisms have developed from the lower.
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We do not know how to account for any change which is not a _trespassing_ of one power on another.
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Is there a single idea behind this bovine nationalism? What possible value can there be in encouraging this arrogant self-conceit when everything to-day points to greater and more common interests?--at a moment when the spiritual dependence and denationalisation, which are obvious to all, are paving the way for the reciprocal _rapprochements_ and fertilisations which make up the real value and sense of present-day culture! .
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The classical style essentially represents repose, simplification, foreshortening, and concentration--the.
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Artists should not see things as they are; they should see them fuller, simpler, stronger: to this end, however, a kind of youthfulness, of vernality, a sort of perpetual elation, must be peculiar to their lives.
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This kind of artistic pessimism is precisely the reverse of that religio-moral pessimism which suffers from the corruption of man and the enigmatic character of existence: the latter insists upon deliverance, or at least upon the hope of deliverance.
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Dealings with them make one torpid.
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.
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--In short, _man submits to in_ all religious and moral interpretations are but forms of submission to evil.
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1032.
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So many strange things have passed before me in those timeless moments, which fall into a man's life as if they came from the moon, and in which he absolutely no longer knows how old he is or how young he still may be! .