Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

Page 111

und
gegenseitige Missverstehen, ja bisweilen ihr hartes Nebeneinander
- sogar im selben Menschen, innerhalb Einer Seele. Die moralischen
Werthunterscheidungen sind entweder unter einer herrschenden Art
entstanden, welche sich ihres Unterschieds gegen die beherrschte mit
Wohlgefühl bewusst wurde, - oder unter den Beherrschten, den Sklaven
und Abhängigen jeden Grades. Im ersten Falle, wenn die Herrschenden es
sind, die den Begriff gut- bestimmen, sind es die erhobenen stolzen
Zustände der Seele, welche als das Auszeichnende und die Rangordnung
Bestimmende empfunden werden. Der vornehme Mensch trennt die Wesen von
sich ab, an denen das Gegentheil solcher gehobener stolzer Zustände
zum Ausdruck kommt: er verachtet sie. Man bemerke sofort, dass in
dieser ersten Art Moral der Gegensatz "gut" und "schlecht" so viel
bedeutet wie "vornehm" und "verächtlich": - der Gegensatz "gut" und
"böse" ist anderer Herkunft. Verachtet wird der Feige, der Ängstliche,
der Kleinliche, der an die enge Nützlichkeit Denkende; ebenso der
Misstrauische mit seinem unfreien Blicke, der Sich-Erniedrigende, die
Hunde-Art von Mensch, welche sich misshandeln lässt, der bettelnde
Schmeichler, vor Allem der Lügner: - es ist ein Grundglaube aller
Aristokraten, dass das gemeine Volk lügnerisch ist. "Wir Wahrhaftigen"
- so nannten sich im alten Griechenland die Adeligen. Es liegt auf
der Hand, dass die moralischen Werthbezeichnungen überall zuerst auf
Menschen und erst abgeleitet und spät auf Handlungen gelegt worden
sind: weshalb es ein arger Fehlgriff ist, wenn Moral-Historiker
von Fragen den Ausgang nehmen wie "warum ist die mitleidige
Handlung gelobt worden?" Die vornehme Art Mensch fühlt sich als
werthbestimmend, sie hat nicht nöthig, sich gutheissen zu lassen, sie
urtheilt "was mir schädlich ist, das ist an sich schädlich", sie weiss
sich als Das, was überhaupt erst Ehre den Dingen verleiht, sie ist
wertheschaffend. Alles, was sie an sich kennt, ehrt sie: eine solche
Moral ist Selbstverherrlichung. Im Vordergrunde steht das Gefühl der
Fülle, der Macht, die überströmen will, das Glück der hohen Spannung,
das Bewusstsein eines Reichthums, der schenken und abgeben möchte: -
auch der vornehme Mensch hilft dem Unglücklichen, aber nicht oder fast
nicht aus Mitleid, sondern mehr aus einem Drang, den der Überfluss
von Macht erzeugt. Der vornehme Mensch ehrt in sich den Mächtigen,
auch Den, welcher Macht über sich selbst hat, der zu reden und zu
schweigen versteht, der mit Lust Strenge und Härte gegen sich übt und
Ehrerbietung vor allem Strengen und Härten hat. "Ein hartes Herz legte
Wotan mir in die Brust" heisst es in einer alten skandinavischen Saga:
so ist es aus der Seele eines stolzen Wikingers heraus mit Recht
gedichtet. Eine solche Art Mensch ist eben stolz darauf, nicht zum
Mitleiden gemacht zu sein: weshalb der Held der Saga warnend hinzufügt
"wer jung schon kein hartes Herz hat, dem

Last Page Next Page

Text Comparison with Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister

Page 4
Um jene Zeit mag es endlich geschehn, unter den plötzlichen Lichtern einer noch ungestümen, noch wechselnden Gesundheit, dass dem freien, immer freieren Geiste sich das Räthsel jener grossen Loslösung zu entschleiern beginnt, welches bis.
Page 16
- Die erste Stufe des Logischen ist das Urtheil; dessen Wesen besteht, nach der Feststellung der besten Logiker, im Glauben.
Page 21
Wir haben aus der Reaction einen Fortschritt gemacht.
Page 37
Das liebende Mädchen wünscht, dass sie die hingebende Treue ihrer Liebe an der Untreue des Geliebten bewähren könne.
Page 41
73.
Page 42
- Wenn der Reiche dem Armen ein Besitzthum nimmt (zum Beispiel ein Fürst dem Plebejer die Geliebte), so entsteht in dem Armen ein Irrthum; er meint, jener müsse ganz verrucht sein, um ihm das Wenige, was er habe, zu nehmen.
Page 43
- Es giebt ein Recht, wonach wir einem Menschen das Leben nehmen, aber keines, wonach wir ihm das Sterben nehmen: diess ist nur Grausamkeit.
Page 67
Sollte aber ein Mensch wünschen, ganz wie jener Gott, Liebe zu sein, Alles für Andere, Nichts für sich zu thun, zu wollen, so ist letzteres schon desshalb unmöglich, weil er sehr viel für sich thun muss, um überhaupt Anderen Etwas zu Liebe thun zu können.
Page 76
Sie sind eigentlich immer und nothwendig Epigonen.
Page 77
Wie in den bildenden Künsten, so auch giebt es in der Musik und Dichtung eine Kunst der hässlichen Seele, neben der Kunst der schönen Seele; und die mächtigsten Wirkungen der Kunst, das Seelenbrechen, Steinebewegen und Thierevermenschlichen ist vielleicht gerade jener Kunst am meisten gelungen.
Page 88
Vielleicht hat der grösste Clavierspieler nur wenig über die technischen Bedingungen und die specielle Tugend, Untugend, Nutzbarkeit und Erziehbarkeit jedes Fingers (daktylische Ethik) nachgedacht, und macht grobe Fehler, wenn er von solchen Dingen redet.
Page 102
Bei der Erkenntniss der Wahrheit kommt es darauf an, dass man sie hat, nicht darauf, aus welchem Antrieb man sie gesucht, auf welchem Wege man sie gefunden hat.
Page 113
- Die Wissenschaft giebt Dem, welcher in ihr arbeitet und sucht, viel Vergnügen, Dem, welcher ihre Ergebnisse lernt, sehr wenig.
Page 132
326.
Page 138
Entladung des Unmuthes.
Page 159
Unschuldige Corruption.
Page 164
474.
Page 182
- Gewöhnlich strebt man darnach, für alle Lebenslagen und Ereignisse eine Haltung des Gemüthes, eine Gattung von Ansichten zu erwerben, - das nennt man vornehmlich philosophisch gesinnt sein.
Page 184
626.
Page 188
Jetzt aber giebt man Niemandem so leicht mehr zu, dass er die Wahrheit habe: die strengen Methoden der Forschung haben genug Misstrauen und Vorsicht verbreitet, so dass Jeder, welcher gewaltthätig in Wort und Werk Meinungen vertritt, als ein Feind unserer jetzigen Cultur, mindestens als ein zurückgebliebener empfunden wird.