Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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Pathos der Distanz, wie es
aus dem eingefleischten Unterschied der Stände, aus dem beständigen
Ausblick und Herabblick der herrschenden Kaste auf Unterthänige und
Werkzeuge und aus ihrer ebenso beständigen Übung im Gehorchen und
Befehlen, Nieder- und Fernhalten erwächst, könnte auch jenes andre
geheimnissvollere Pathos gar nicht erwachsen, jenes Verlangen nach
immer neuer Distanz-Erweiterung innerhalb der Seele selbst, die
Herausbildung immer höherer, seltnerer, fernerer, weitgespannterer,
umfänglicherer Zustände, kurz eben die Erhöhung des Typus "Mensch",
die fortgesetzte "Selbst-Überwindung des Menschen", um eine moralische
Formel in einem übermoralischen Sinne zu nehmen. Freilich: man
darf sich über die Entstehungsgeschichte einer aristokratischen
Gesellschaft (also der Voraussetzung jener Erhöhung des Typus "Mensch"
-) keinen humanitären Täuschungen hingeben: die Wahrheit ist hart.
Sagen wir es uns ohne Schonung, wie bisher jede höhere Cultur auf
Erden angefangen hat! Menschen mit einer noch natürlichen Natur,
Barbaren in jedem furcht baren Verstande des Wortes, Raubmenschen,
noch im Besitz ungebrochner Willenskräfte und Macht-Begierden,
warfen sich auf schwächere, gesittetere, friedlichere, vielleicht
handeltreibende oder viehzüchtende Rassen, oder auf alte mürbe
Culturen, in denen eben die letzte Lebenskraft in glänzenden
Feuerwerken von Geist und Verderbniss verflackerte. Die vornehme Kaste
war im Anfang immer die Barbaren-Kaste: ihr Übergewicht lag nicht
vorerst in der physischen Kraft, sondern in der seelischen, - es waren
die ganzeren Menschen (was auf jeder Stufe auch so viel mit bedeutet
als "die ganzeren Bestien").


258.

Corruption, als der Ausdruck davon, dass innerhalb der Instinkte
Anarchie droht, und dass der Grundbau der Affekte, der "Leben" heisst,
erschüttert ist: Corruption ist, je nach dem Lebensgebilde, an dem
sie sich zeigt, etwas Grundverschiedenes. Wenn zum Beispiel eine
Aristokratie, wie die Frankreichs am Anfange der Revolution, mit
einem sublimen Ekel ihre Privilegien wegwirft und sich selbst einer
Ausschweifung ihres moralischen Gefühls zum Opfer bringt, so ist
dies Corruption: - es war eigentlich nur der Abschlussakt jener
Jahrhunderte dauernden Corruption, vermöge deren sie Schritt für
Schritt ihre herrschaftlichen Befugnisse abgegeben und sich zur
Funktion des Königthums (zuletzt gar zu dessen Putz und Prunkstück)
herabgesetzt hatte. Das Wesentliche an einer guten und gesunden
Aristokratie ist aber, dass sie sich nicht als Funktion (sei es des
Königthums, sei es des Gemeinwesens), sondern als dessen Sinn und
höchste Rechtfertigung fühlt, - dass sie deshalb mit gutem Gewissen
das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu
unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und
vermindert werden müssen. Ihr Grundglaube muss eben sein, dass die
Gesellschaft nicht um der Gesellschaft willen dasein dürfe, sondern
nur als Unterbau und Gerüst, an dem sich eine ausgesuchte Art Wesen zu
ihrer höheren Aufgabe und überhaupt zu einem höheren Sein emporzuheben
vermag: vergleichbar jenen sonnensüchtigen Kletterpflanzen auf Java -
man nennt sie Sipo Matador -, welche mit ihren Armen einen Eichbaum
so lange

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Text Comparison with Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

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Ich wollte, ihr hieltet es nicht aus mit allerlei Nächsten und deren Nachbarn; so müsstet ihr aus euch selber euren Freund und sein überwallendes Herz schaffen.
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Sterbender nicht der Lebenden Schwüre weihte! Also zu sterben ist das Beste; das Zweite aber ist: im Kampfe zu sterben und eine grosse Seele zu verschwenden.
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früh; er selber hätte seine Lehre widerrufen, wäre er bis zu meinem Alter gekommen! Edel genug war er zum Widerrufen! Aber ungereift war er noch.
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Gefährlich ist es, Erbe zu sein.
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Gott ist eine Muthmaassung; aber ich will, dass euer Muthmaassen nicht weiter reiche, als euer schaffender Wille.
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Und auch du, Erkennender, bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille zur Macht wandelt auch auf den Füssen deines Willens zur Wahrheit! Der traf freilich die Wahrheit nicht, der das Wort nach ihr schoss vom `Willen zum Dasein`: diesen Willen - giebt es nicht! Denn: was nicht ist, das kann nicht wollen; was aber im Dasein ist, wie könnte das noch zum Dasein wollen! Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern - so lehre ich's dich - Wille zur Macht! Vieles ist dem Lebenden höher geschätzt, als Leben selber; doch aus dem Schätzen selber heraus redet - der Wille zur Macht!" - Also lehrte mich einst das Leben: und daraus löse ich euch, ihr Weisesten, noch das Räthsel eures Herzens.
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Also entstand eine Unruhe; nach drei Tagen aber kam zu dieser Unruhe die Geschichte der Schiffsleute hinzu - und nun sagte alles Volk, dass der Teufel Zarathustra geholt habe.
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Ich liebe die Tapferen: aber es ist nicht genug, Hau-Degen sein, - man muss auch wissen Hau-schau-_Wen_! Und oft ist mehr Tapferkeit darin, dass Einer an sich hält und vorübergeht: _damit_ er sich dem würdigeren Feinde aufspare! Ich sollt nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten: ihr müsst stolz auf euren Feind sein: also lehrte ich schon Ein Mal.
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Oh meine Seele, deinem Erdreich gab ich alle Weisheit zu trinken, alle neuen Weine und auch alle unvordenklich alten starken Weine der Weisheit.
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Wenn meine Tugend eines Tänzers Tugend ist, und ich oft mit beiden Füssen in gold-smaragdenes Entzücken sprang: Wenn meine Bosheit eine lachende Bosheit ist, heimisch unter Rosenhängen und Lilien-Hecken: - im Lachen nämlich ist alles Böse bei einander, aber heilig- und losgesprochen durch seine eigne Seligkeit: - Und wenn Das mein A und O ist, dass alles Schwere leicht, aller Leib Tänzer, aller Geist Vogel werde: und wahrlich, Das ist mein A und O! - Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft! Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit! Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit! 7.
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sein willst, wittere ich einen heimlichen Weih- und Wohlgeruch von langen Segnungen: mir wird wohl und wehe dabei.
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Zum Danke dafür lobe ich dir den meinen.
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Hierzu bin ich reich, hierzu ward ich arm: was gab ich nicht hin, - was gäbe ich nicht hin, dass ich Eins hätte: _diese_ Kinder, _diese_ lebendige Pflanzung, _diese_ Lebensbäume meines Willens und meiner höchsten Hoffnung!" Also sprach Zarathustra und hielt plötzlich inne in seiner Rede: denn ihn überfiel seine Sehnsucht, und er schloss Augen und Mund vor der Bewegung seines Herzens.
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"Der _Wahrheit_ Freier? Du? - so höhnten sie - Nein! Nur ein Dichter! Ein Thier, ein listiges, raubendes, schleichendes, Das lügen muss, Das wissentlich, willentlich lügen muss: Nach Beute lüstern, Bunt verlarvt, Sich selber Larve, Sich selbst zur Beute - _Das_ - der Wahrheit Freier? Nein! Nur Narr! Nur Dichter! Nur Buntes redend, Aus Narren-Larven bunt herausschreiend, Herumsteigend auf lügnerischen Wort-Brücken, Auf bunten Regenbogen, Zwischen falschen Himmeln Und falschen Erden, Herumschweifend, herumschwebend, - _Nur_ Narr! _Nur_ Dichter! _Das_ - der Wahrheit Freier? Nicht still, starr, glatt, kalt, Zum Bilde worden, Zur Gottes-Säule, Nicht aufgestellt vor Tempeln, Eines Gottes Thürwart: Nein! Feindselig solchen Wahrheits-Standbildern, In jeder Wildniss heimischer als vor Tempeln, Voll Katzen-Muthwillens, Durch jedes Fenster springend Husch! in jeden Zufall, Jedem Urwalde zuschnüffelnd, Süchtig-sehnsüchtig zuschnüffelnd, Dass du in Urwäldern Unter buntgefleckten Raubthieren Sündlich-gesund und bunt und schön liefest, Mit lüsternen Lefzen, Selig-höhnisch, selig-höllisch, selig-blutgierig, Raubend, schleichend, lügend liefest: - Oder, dem Adler gleich, der lange, Lange starr in Abgründe blickt, In _seine_ Abgründe: - - Oh wie sie sich hier hinab, Hinunter, hinein, In immer tiefere Tiefen ringeln! - Dann, Plötzlich, geraden Zugs, Gezückten Flugs, Auf Lämmer stossen, Jach hinab, heisshungrig, Nach Lämmern lüstern, Gram allen Lamms-Seelen,.
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Auch der Zauberer lachte und sprach mit Klugheit: "Wohlan! Er ist davon, mein böser Geist! Und habe ich euch nicht selber vor ihm gewarnt, als ich sagte, dass er ein Betrüger sei, ein Lug- und Truggeist? Sonderlich nämlich, wenn er sich nackend zeigt.
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ja, wenn ihr mir, ihr schönen Freundinnen, Ganz glauben wollt: Sie hat es verloren! Es ist dahin! Auf ewig dahin! .
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Lieber Gott also anbeten, in dieser Gestalt, als in gar keiner Gestalt! Denke über diesen Spruch nach, mein hoher Freund: du erräthst geschwind, in solchem Spruch steckt Weisheit.
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Und noch einmal hob Zarathustra an zu reden.
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Oh Tag, du tappst nach mir? Du tastest nach meinem Glücke? Ich bin dir reich, einsam, eine Schatzgrube, eine Goldkammer? Oh Welt, du willst.
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herauf, du grosser Mittag!" - - Also sprach Zarathustra und verliess seine Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.