Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

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welche mich warten
und warten, aber bis jetzt noch nicht hoffen lehrt -). Auch jetzt noch
giebt es in Frankreich ein Vorverständniss und ein Entgegenkommen für
jene seltneren und selten befriedigten Menschen, welche zu umfänglich
sind, um in irgend einer Vaterländerei ihr Genüge zu finden und im
Norden den Süden, im Süden den Norden zu lieben wissen, - für die
geborenen Mittelländler, die "guten Europäer". - Für sie hat Bizet
Musik gemacht, dieses letzte Genie, welches eine neue Schönheit und
Verführung gesehn, - der ein Stück Süden der Musik entdeckt hat.


255.

Gegen die deutsche Musik halte ich mancherlei Vorsicht für geboten.
Gesetzt, dass Einer den Süden liebt, wie ich ihn liebe, als eine
grosse Schule der Genesung, im Geistigsten und Sinnlichsten, als eine
unbändige Sonnenfülle und Sonnen-Verklärung, welche sich über ein
selbstherrliches, an sich glaubendes Dasein breitet: nun, ein Solcher
wird sich etwas vor der deutschen Musik in Acht nehmen lernen, weil
sie, indem sie seinen Geschmack zurück verdirbt, ihm die Gesundheit
mit zurück verdirbt. Ein solcher Südländer, nicht der Abkunft, sondern
dem Glauben nach, muss, falls er von der Zukunft der Musik träumt,
auch von einer Erlösung der Musik vom Norden träumen und das Vorspiel
einer tieferen, mächtigeren, vielleicht böseren und geheimnissvolleren
Musik in seinen Ohren haben, einer überdeutschen Musik, welche vor
dem Anblick des blauen wollüstigen Meers und der mittelländischen
Himmels-Helle nicht verklingt, vergilbt, verblasst, wie es alle
deutsche Musik thut, einer übereuropäischen Musik, die noch vor den
braunen Sonnen-Untergängen der Wüste Recht behält, deren Seele mit
der Palme verwandt ist und unter grossen schönen einsamen Raubthieren
heimisch zu sein und zu schweifen versteht..... Ich könnte mir eine
Musik denken, deren seltenster Zauber darin bestünde, dass sie von
Gut und Böse nichts mehr wüsste, nur dass vielleicht irgend ein
Schiffer-Heimweh, irgend welche goldne Schatten und zärtliche
Schwächen hier und da über sie hinwegliefen: eine Kunst, welche von
grosser Ferne her die Farben einer untergehenden, fast unverständlich
gewordenen moralischen Welt zu sich flüchten sähe, und die
gastfreundlich und tief genug zum Empfang solcher späten Flüchtlinge
wäre. -


256.

Dank der krankhaften Entfremdung, welche der Nationalitäts-Wahnsinn
zwischen die Völker Europa's gelegt hat und noch legt, Dank ebenfalls
den Politikern des kurzen Blicks und der raschen Hand, die heute
mit seiner Hülfe obenauf sind und gar nicht ahnen, wie sehr die
auseinanderlösende Politik, welche sie treiben, nothwendig nur
Zwischenakts-Politik sein kann, - Dank Alledem und manchem heute ganz
Unaussprechbaren werden jetzt die unzweideutigsten Anzeichen übersehn
oder willkürlich und lügenhaft umgedeutet, in denen sich ausspricht,
dass Europa Eins werden will. Bei allen tieferen und umfänglicheren
Menschen dieses Jahrhunderts war es die eigentliche Gesammt-Richtung
in der geheimnissvollen Arbeit ihrer Seele, den Weg zu jener neuen
Synthesis vorzubereiten und versuchsweise den

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Text Comparison with Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen

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" Der Alte gieng fort, kam aber gleich zurück.
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Zu meinem Ziele will ich, ich gehe meinen Gang; über die Zögernden und Saumseligen werde ich hinwegspringen.
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Dieser Plötzlichen halber gehe zurück in deine Sicherheit: nur auf dem Markt wird man mit Ja? oder Nein? überfallen.
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Also spricht der Narr: "der Umgang mit Menschen verdirbt den Charakter, sonderlich wenn man keinen hat.
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Und hüte dich auch vor den Anfällen deiner Liebe! Zu schnell streckt der Einsame Dem die Hand entgegen, der ihm begegnet.
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Aber dem Kämpfenden gleich verhasst wie dem Sieger ist euer grinsender Tod, der heranschleicht wie ein Dieb - und doch als Herr kommt.
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Hinweg von Gott und Göttem lockte mich dieser Wille; was wäre denn zu schaffen, wenn Götter - da wären! Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.
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ihnen da liegen darf wie ein Spiegel mit hundert Augen.
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" Als diess der Feuerhund vernahm, hielt er's nicht mehr aus, mir zuzuhören.
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Aus gläsernen Särgen blickte mich überwundenes Leben an.
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lasse und zu ihnen zurückkehre.
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Und wie ertrüge ich es, Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch Dichter und Räthselrather.
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Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten? Alles bei ihnen redet, Alles wird zerredet.
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Es giebt einen alten Wahn, der heisst Gut und Böse.
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Eines Morgens, nicht lange nach seiner Rückkehr zur Höhle, sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebärdete sich, als ob noch Einer auf dem Lager läge, der nicht davon aufstehn wolle; und also tönte Zarathustra's Stimme, dass seine Thiere erschreckt hinzukamen, und dass aus allen Höhlen und Schlupfwinkeln, die Zarathustra's Höhle benachbart waren, alles Gethier davon huschte, - fliegend, flatternd, kriechend, springend, wie ihm nur die Art von Fuss und Flügel gegeben war.
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"Sprich nicht weiter, du Genesender! - so antworteten ihm seine Thiere, sondern geh hinaus, wo die Welt auf dich wartet gleich einem Garten.
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" - Da giengen die Thiere wieder nachdenklich um ihn herum und stellten sich dann abermals vor ihn hin.
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"Halt ein! schrie er ihm zu, mit ingrimmigem Lachen, halt ein, du Schauspieler! Du Falschmünzer! Du Lügner aus dem Grunde! Ich erkenne dich wohl! Ich will dir schon warme Beine machen, du schlimmer Zauberer, ich verstehe mich gut darauf, Solchen wie du bist - einzuheizen!" - "Lass ab, sagte der alte Mann und sprang vom Boden auf, schlage nicht mehr, oh Zarathustra! Ich trieb's also nur zum Spiele! Solcherlei gehört zu meiner Kunst; dich selber wollte ich auf die Probe stellen, als ich dir diese Probe gab! Und, wahrlich, du hast mich gut durchschaut! Aber auch du - gabst mir von dir keine kleine Probe: du bist _hart_, du weiser Zarathustra! Hart schlägst du zu mit deinen `Wahrheiten`, dein Knüttel erzwingt von mir - _diese_ Wahrheit!" - "Schmeichle nicht, antwortete Zarathustra, immer noch erregt und finsterblickend, du Schauspieler aus dem Grunde! Du bist falsch: was redest du - von Wahrheit! Du Pfau der Pfauen, du Meer der Eitelkeit, _was_ spieltest du vor mir, du schlimmer Zauberer, an _wen_ sollte ich glauben, als du in solcher Gestalt jammertest?" "Den Büsser des Geistes, sagte der alte Mann, _den_ - spielte ich: du selber erfandest einst diess Wort - - den Dichter und Zauberer, der gegen sich selber endlich seinen Geist wendet, den Verwandelten, der an seinem bösen Wissen und Gewissen erfriert.
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Aber wohlan! So oder so, so und so - er ist dahin! Er gieng meinen Ohren und Augen wider den Geschmack, Schlimmeres möchte ich ihm nicht nachsagen.
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"Oh reine Gerüche um mich, rief er aus, oh selige Stille um mich! Aber wo sind meine Thiere? Heran, heran, mein Adler und meine Schlange! Sagt mir doch, meine Thiere: diese höheren Menschen insgesammt - _riechen_ sie vielleicht nicht gut? Oh reine Gerüche um mich! Jetzo weiss und fühle ich erst, wie ich euch, meine Thiere, liebe.