Jenseits von Gut und Böse

By Friedrich Nietzsche

Page 104

nur zu erkennen
- nämlich etwas Neues zu sein, etwas Neues zu bedeuten, neue Werthe
darzustellen! Die Kluft zwischen Wissen und Können ist vielleicht
grösser, auch unheimlicher als man denkt: der Könnende im grossen
Stil, der Schaffende wird möglicherweise ein Unwissender sein müssen,
- während andererseits zu wissenschaftlichen Entdeckungen nach der Art
Darwin's eine gewisse Enge, Dürre und fleissige Sorglichkeit, kurz,
etwas Englisches nicht übel disponiren mag. - Vergesse man es zuletzt
den Engländern nicht, dass sie schon Ein Mal mit ihrer tiefen
Durchschnittlichkeit eine Gesammt-Depression des europäischen Geistes
verursacht haben: Das, was man "die modernen Ideen" oder "die Ideen
des achtzehnten Jahrhunderts" oder auch "die französischen Ideen"
nennt - Das also, wogegen sich der deutsche Geist mit tiefem Ekel
erhoben hat -, war englischen Ursprungs, daran ist nicht zu zweifeln.
Die Franzosen sind nur die Affen und Schauspieler dieser Ideen
gewesen, auch ihre besten Soldaten, insgleichen leider ihre ersten
und gründlichsten Opfer: denn an der verdammlichen Anglomanie der
"modernen Ideen" ist zuletzt die âme française so dünn geworden
und abgemagert, dass man sich ihres sechszehnten und siebzehnten
Jahrhunderts, ihrer tiefen leidenschaftlichen Kraft, ihrer
erfinderischen Vornehmheit heute fast mit Unglauben erinnert. Man muss
aber diesen Satz historischer Billigkeit mit den Zähnen festhalten und
gegen den Augenblick und Augenschein vertheidigen: die europäische
noblesse - des Gefühls, des Geschmacks, der Sitte, kurz, das Wort in
jedem hohen Sinne genommen - ist Frankreich's Werk und Erfindung, die
europäische Gemeinheit, der Plebejismus der modernen Ideen -Englands.-


254.

Auch jetzt noch ist Frankreich der Sitz der geistigsten und
raffinirtesten Cultur Europa's und die hohe Schule des Geschmacks:
aber man muss dies "Frankreich des Geschmacks" zu finden wissen. Wer
zu ihm gehört, hält sich gut verborgen: - es mag eine kleine Zahl
sein, in denen es leibt und lebt, dazu vielleicht Menschen, welche
nicht auf den kräftigsten Beinen stehn, zum Theil Fatalisten,
Verdüsterte, Kranke, zum Theil Verzärtelte und Verkünstelte, solche,
welche den Ehrgeiz haben, sich zu verbergen. Etwas ist Allen gemein:
sie halten sich die Ohren zu vor der rasenden Dummheit und dem
lärmenden Maulwerk des demokratischen bourgeois. In der That wälzt
sich heut im Vordergrunde ein verdummtes und vergröbertes Frankreich,
- es hat neuerdings, bei dem Leichenbegängniss Victor Hugo's, eine
wahre Orgie des Ungeschmacks und zugleich der Selbstbewunderung
gefeiert. Auch etwas Anderes ist ihnen gemeinsam: ein guter Wille,
sich der geistigen Germanisirung zu erwehren - und ein noch besseres
Unvermögen dazu! Vielleicht ist jetzt schon Schopenhauer in diesem
Frankreich des Geistes, welches auch ein Frankreich des Pessimismus
ist, mehr zu Hause und heimischer geworden, als er es je in
Deutschland war; nicht zu reden von Heinrich Heine, der den feineren
und anspruchsvolleren Lyrikern von Paris lange schon in Fleisch und
Blut übergegangen

Last Page Next Page

Text Comparison with The Case of Wagner Complete Works, Volume 8

Page 1
from cover to cover and line for line is sincerity itself--we learn what Wagner actually meant to Nietzsche.
Page 13
Even Wagner misunderstood it.
Page 14
Or that corrupted old females prefer to be saved by chaste young men? (the case of Kundry).
Page 25
9.
Page 29
The two words "infinity" and "meaning" were sufficient for this: at their sound the youthlet immediately began to feel exceptionally happy.
Page 36
.
Page 40
.
Page 47
WHERE WAGNER IS AT HOME.
Page 57
Both carry on their chase at the same speed, each is as blind and as unjust as the other.
Page 69
We take up our positions again in the ranks, work in our own little corner, and hope that what we do may be of some small profit to our successors.
Page 72
The desire for classical antiquity as it is now felt should be tested, and, as it were, taken to pieces and analysed with a view to seeing how much of this desire is due to habit, and how much to mere love of adventure--I refer to that inward.
Page 83
The utility of classical education is completely used up, whilst, for example, the history of Christianity still shows its power.
Page 89
No happy course of life is open to the genius; he stands in contradiction to his age and must perforce struggle with it.
Page 91
The breeding of the complete Spartan--but what was there great about him that his breeding should have required such a brutal state! 123 The political defeat of Greece is the greatest failure of culture; for it has given rise to the atrocious theory that culture cannot be pursued unless one is at the same time armed to the teeth.
Page 95
The question: "What would have been the consequence if so and so had not happened?" is almost unanimously thrust aside, and yet it is the cardinal question.
Page 96
Let us advance our knowledge of mankind! The good and rational in man is accidental or apparent, or the contrary of something very irrational.
Page 98
If once the opposite views gain the.
Page 99
Our knowledge is much greater, and our judgments are more moderate and just.
Page 104
2.
Page 105
There is no help to be found either in prayer or asceticism or in "vision.