Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

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und die in Sonderheit alle Instinkte des älteren Hellenen
gegen sich hat.


5.

Mit Sokrates schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der
Dialektik um: was geschieht da eigentlich? Vor Allem wird damit
ein vornehmer Geschmack besiegt; der Pöbel kommt mit der Dialektik
obenauf. Vor Sokrates lehnte man in der guten Gesellschaft die
dialektischen Manieren ab: sie galten als schlechte Manieren, sie
stellten bloss. Man warnte die Jugend vor ihnen. Auch misstraute man
allein solchen Präsentiren seiner Gründe. Honnette Dinge tragen,
wie honnette Menschen, ihre Gründe nicht so in der Hand. Es ist
unanständig, alle fünf Finger zeigen. Was sich erst beweisen lassen
muss, ist wenig werth. Überall, wo noch die Autorität zur guten
Sitte gehört, wo man nicht "begründet", sondern befiehlt, ist der
Dialektiker eine Art Hanswurst: man lacht über ihn, man nimmt ihn
nicht ernst. - Sokrates war der Hanswurst, der sich ernst nehmen
machte: was geschah da eigentlich? -


6.

Man wählt die Dialektik nur, wenn man kein andres Mittel hat. Man
weiss, dass man Misstrauen mit ihr erregt, dass sie wenig überredet.
Nichts ist leichter wegzuwischen als ein Dialektiker-Effekt: die
Erfahrung jeder Versammlung, wo geredet wird, beweist das. Sie kann
nur Nothwehr sein, in den Händen Solcher, die keine andren Waffen mehr
haben. Man muss sein Recht zu erzwingen haben: eher macht man keinen
Gebrauch von ihr. Die Juden waren deshalb Dialektiker; Reinecke Fuchs
war es: wie? und Sokrates war es auch? -


7.

- Ist die Ironie des Sokrates ein Ausdruck von Revolte? von
Pöbel-Ressentiment? geniesst er als Unterdrückter seine eigne
Ferocität in den Messerstichen des Syllogismus? Rächt er sich an
den Vornehmen, die er fascinirt? - Man hat, als Dialektiker, ein
schonungsloses Werkzeug in der Hand; man kann mit ihm den Tyrannen
machen; man stellt bloss, indem man siegt. Der Dialektiker überlässt
seinem Gegner den Nachweis, kein Idiot zu sein: er macht wüthend, er
macht zugleich hülflos. Der Dialektiker depotenzirt den Intellekt
seines Gegners. - Wie? ist Dialektik nur eine Form der Rache bei
Sokrates?


8.

Ich habe zu verstehn gegeben, womit Sokrates abstossen konnte: es
bleibt um so mehr zu erklären, dass er fascinirte. - Dass er eine
neue Art Agon entdeckte, dass er der erste Fechtmeister davon für die
vornehmen Kreise Athen's war, ist das Eine. Er fascinirte, indem er an
den agonalen Trieb der Hellenen rührte, - er brachte eine Variante in
den Ringkampf zwischen jungen Männern und Jünglingen. Sokrates war
auch ein grosser Erotiker.


9.

Aber Sokrates errieth noch mehr. Er sah hinter seine vornehmen
Athener; er begriff, dass sein Fall, seine Idiosynkrasie von Fall
bereits kein Ausnahmefall war. Die gleiche Art von Degenerescenz
bereitete sich überall im Stillen vor: das alte Athen gieng zu Ende. -
Und Sokrates verstand, dass

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Text Comparison with The Case of Wagner Complete Works, Volume 8

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78 _et seq.
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It was this that caused him to suffer.
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] [Footnote 5: Constable & Co.
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If in this essay I support the proposition that Wagner is _harmful,_ I none the less wish to point out unto whom, in spite of all, he is indispensable--to the philosopher.
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Not the saga, but Wagner himself is the inventor of this radical feature; in this matter he _corrected_ the saga.
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.
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He is the master of hypnotic trickery, and he fells the strongest like bullocks.
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His manner in this respect reminds one of two people who even in other ways are not unlike him in style--the brothers Goncourt; one almost feels compassion for so much impotence.
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Nothing is more entertaining, nothing more worthy of being recommended to a picnic-party, than to discuss Wagner dressed in a more modern garb: for instance Parsifal, as a candidate in divinity, with a public-school education (--the latter, quite indispensable _for pure_ foolishness).
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Wagner acts like chronic recourse to the bottle.
Page 37
_ A philosopher feels that he wants to wash his hands after he has concerned himself so long with the "Case of Wagner.
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_ How would a _diagnosis of the modern soul_ begin? With a determined incision into this agglomeration of contradictory instincts, with the total suppression of its antagonistic values, with vivisection applied to its most _instructive_ case.
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The _North-German Gazette,_ for instance, or who-ever expresses his sentiments in that paper, thinks that the French are "barbarians,"--as for me, if I had to find the _blackest_ spot on earth, where slaves still required to be liberated, I should turn in the direction of Northern Germany.
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The Jews do the same: one _aim,_ therefore one Saviour.
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The river which can thus flow over mountains is Catholicism, towards which Nietzsche thought Wagner's art to be tending.
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They were more sincere, open-hearted, and passionate, as artists are; they exhibited a kind of child-like _naïveté.
Page 90
120 Wanton, mutual annihilation inevitable: so long as a single _polis_ wished to exist--its envy for everything superior to itself, its cupidity, the disorder of its customs, the enslavement of the women, lack of conscience in the keeping of oaths, in murder, and in cases of violent death.
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131 The pan-Hellenic Homer finds his delight in the frivolity of the gods; but it is astounding how he can also give them dignity again.
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Alexandrian culture is an amalgamation of Hellenic and Egyptian: and when our world again founds its culture upon the Alexandrian culture, then .
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153 Antiquity has been treated by all kinds of historians and their methods.