Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

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unter Moralisten und
Heiligen als Rechtschaffenheit; vielleicht sagen sie das Gegentheil,
vielleicht glauben sie es selbst. Wenn nämlich ein Glaube nützlicher,
wirkungsvoller, überzeugender ist, als die bewusste Heuchelei, so
wird, aus Instinkt, die Heuchelei alsbald zur Unschuld: erster Satz
zum Verständniss grosser Heiliger. Auch bei den Philosophen, einer
andren Art von Heiligen, bringt es das ganze Handwerk mit sich, dass
sie nur gewisse Wahrheiten zulassen: nämlich solche, auf die hin ihr
Handwerk die öffentliche Sanktion hat, - Kantisch geredet, Wahrheiten
der praktischen Vernunft. Sie wissen, was sie beweisen müssen, darin
sind sie praktisch, - sie erkennen sich unter einander daran, dass sie
über "die Wahrheiten" übereinstimmen. - "Du sollst nicht lügen" - auf
deutsch: hüten Sie sich, mein Herr Philosoph, die Wahrheit zu sagen...


43.

Den Conservativen in's Ohr gesagt. - Was man früher nicht wusste, was
man heute weiss, wissen könnte -, eine Rückbildung, eine Umkehr in
irgend welchem Sinn und Grade ist gar nicht möglich. Wir Physiologen
wenigstens wissen das. Aber alle Priester und Moralisten haben
daran geglaubt, - sie wollten die Menschheit auf ein früheres
Maass von Tugend zurückbringen, zurückschrauben. Moral war immer
ein Prokrustes-Bett. Selbst die Politiker haben es darin den
Tugendpredigern nachgemacht: es giebt auch heute noch Parteien, die
als Ziel den Krebsgang aller Dinge träumen. Aber es steht Niemandem
frei, Krebs zu sein. Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen
Schritt für Schritt weiter in der décadence (- dies meine Definition
des modernen "Fortschritts"... ). Man kann diese Entwicklung hemmen
und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen, aufsammeln,
vehementer und plötzlicher machen: mehr kann man nicht. -


44.

Mein Begriff vom Genie. - Grosse Männer sind wie grosse Zeiten
Explosiv-Stoffe, in denen eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist; ihre
Voraussetzung ist immer, historisch und physiologisch, dass lange auf
sie hin gesammelt, gehäuft, gespart und bewahrt worden ist, - dass
lange keine Explosion stattfand. Ist die Spannung in der Masse zu
gross geworden, so genügt der zufälligste Reiz, das "Genie", die
"That", das grosse Schicksal in die Welt zu rufen. Was liegt dann an
Umgebung, an Zeitalter, an "Zeitgeist", an "öffentlicher Meinung"!
- Man nehme den Fall Napoleon's. Das Frankreich der Revolution, und
noch mehr das der Vorrevolution, würde aus sich den entgegengesetzten
Typus, als der Napoleon's ist, hervorgebracht haben: es hat ihn auch
hervorgebracht. Und weil Napoleon anders war, Erbe einer stärkeren,
längeren, älteren Civilisation als die, welche in Frankreich in Dampf
und Stücke gieng, wurde er hier Herr, war er allein hier Herr. Die
grossen Menschen sind nothwendig, die Zeit, in der sie erscheinen, ist
zufällig; dass sie fast immer über dieselbe Herr werden, liegt nur
darin, dass sie stärker, dass sie älter sind, dass länger auf sie

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Text Comparison with Ecce homo, Wie man wird, was man ist

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Jede Errungenschaft, jeder Schritt vorwärts in der Erkenntniss folgt aus dem Muth, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich.
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Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein! So will ich es.
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Abgerechnet nämlich, dass ich ein décadent bin, bin ich auch dessen Gegensatz.
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Weil man zu schnell sich verbrauchen würde, wenn man überhaupt reagirte, reagirt man gar nicht mehr: dies ist die Logik.
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Moralisch ausgedrückt: Nächstenliebe, Leben für Andere und Anderes kann die Schutzmassregel zur Erhaltung der härtesten Selbstigkeit sein.
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Es giebt weder egoistische, noch unegoistische Handlungen: beide Begriffe sind psychologischer Widersinn.
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Der Lärm, den es hervorrief, war in jedem Sinne prachtvoll.
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Ein Irrthum nach dem andern wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht widerlegt - es erfriert.
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- Um diese Zeit erschienen die ersten.
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Ich wandle unter Menschen als unter Bruchstücken der Zukunft: jener Zukunft, die ich schaue.
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- - 3.
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Aber hier soll mich Nichts hindern, grob zu werden und den Deutschen ein paar harte Wahrheiten zu sagen: wer thut es sonst? - Ich rede von ihrer Unzucht in historicis.
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Es giebt eine reichsdeutsche Geschichtsschreibung, es giebt, fürchte ich, selbst eine antisemitische, - es giebt eine Hof-Geschichtsschreibung und Herr von Treitschke schämt sich nicht.
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Wenn die Verlogenheit um jeden Preis das Wort "Wahrheit" für ihre Optik in Anspruch nimmt, so muss der eigentlich Wahrhaftige unter den schlimmsten Namen wiederzufinden sein.
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- Hier bliebe die Möglichkeit offen, dass nicht die Menschheit in Entartung sei, sondern nur jene parasitische Art Mensch, die des Priesters, die mit der Moral sich zu ihren Werth-Bestimmern emporgelogen hat, - die in der christlichen Moral ihr Mittel zur Macht errieth.
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was bisher am Höchsten stand: wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehn, ob er überhaupt noch Etwas in den Händen hat.