Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

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-: unter Menschen,
die das Leben noch anders kannten, voller, verschwenderischer,
überströmender, hätte man's anders genannt, "Feigheit" vielleicht,
"Erbärmlichkeit", "Altweiber-Moral"... Unsre Milderung der Sitten -
das ist mein Satz, das ist, wenn man will, meine Neuerung - ist eine
Folge des Niedergangs; die Härte und Schrecklichkeit der Sitte kann
umgekehrt eine Folge des Überschusses von Leben sein: dann nämlich
darf auch Viel gewagt, Viel herausgefordert, Viel auch vergeudet
werden. Was Würze ehedem des Lebens war, für uns wäre es Gift...
Indifferent zu sein - auch das ist eine Form der Stärke - dazu sind
wir gleichfalls zu alt, zu spät: unsre Mitgefühls-Moral, vor der
ich als der Erste gewarnt habe, Das, was man l'impressionisme
morale nennen könnte, ist ein Ausdruck mehr der physiologischen
Überreizbarkeit, die Allem, was décadent ist, eignet. Jene Bewegung,
die mit der Mitleids-Moral Schopenhauer's versucht hat, sich
wissenschaftlich vorzuführen - ein sehr unglücklicher Versuch! - ist
die eigentliche décadence-Bewegung in der Moral, sie ist als solche
tief verwandt mit der christlichen Moral. Die starken Zeiten, die
vornehmen Culturen sehen im Mitleiden, in der "Nächstenliebe", im
Mangel an Selbst und Selbstgefühl etwas Verächtliches. - Die Zeiten
sind zu messen nach ihren positiven Kräften - und dabei ergiebt sich
jene so verschwenderische und verhängnissreiche Zeit der Renaissance
als die letzte grosse Zeit, und wir, wir Modernen mit unsrer
ängstlichen Selbst-Fürsorge und Nächstenliebe, mit unsren Tugenden
der Arbeit, der Anspruchslosigkeit, der Rechtlichkeit, der
Wissenschaftlichkeit - sammelnd, ökonomisch, machinal - als eine
schwache Zeit... Unsre Tugenden sind bedingt, sind herausgefordert
durch unsre Schwäche... Die "Gleichheit", eine gewisse thatsächliche
Anähnlichung, die sich in der Theorie von "gleichen Rechten" nur zum
Ausdruck bringt, gehört wesentlich zum Niedergang: die Kluft zwischen
Mensch und Mensch, Stand und Stand, die Vielheit der Typen, der Wille,
selbst zu sein, sich abzuheben, Das, was ich Pathos der Distanz nenne,
ist jeder starken Zeit zu eigen. Die Spannkraft, die Spannweite
zwischen den Extremen wird heute immer kleiner, - die Extreme selbst
verwischen sich endlich bis zur Ähnlichkeit... Alle unsre politischen
Theorien und Staats-Verfassungen, das "deutsche Reich" durchaus nicht
ausgenommen, sind Folgerungen, Folge-Nothwendigkeiten des Niedergangs;
die unbewusste Wirkung der décadence ist bis in die Ideale einzelner
Wissenschaften hinein Herr geworden. Mein Einwand gegen die ganze
Sociologie in England und Frankreich bleibt, dass sie nur die
Verfalls-Gebilde der Societät aus Erfahrung kennt und vollkommen
unschuldig die eigenen Verfalls-Instinkte als Norm des sociologischen
Werthurteils nimmt. Das niedergehende Leben, die Abnahme aller
organisirenden, das heisst trennenden, Klüfte aufreissenden, unter-
und überordnenden Kraft formulirt sich in der Sociologie von heute
zum Ideal... Unsre Socialisten sind décadents, aber auch Herr Herbert
Spencer ist ein décadent, - er sieht im Sieg des Altruismus etwas
Wünschenswerthes!...


38.

Mein Begriff von Freiheit. - Der Werth einer Sache

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Text Comparison with Menschliches, Allzumenschliches: Ein Buch Fuer Freie Geister

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In der That, ich selbst glaube nicht, dass jemals jemand mit einem gleich tiefen Verdachte in die Welt gesehn hat, und nicht.
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Des Glaubens wegen die Moral verdächtigen.
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Er wird gut genannt, weil er "wozu" gut ist; da aber Wohlwollen, Mitleiden und dergleichen in dem Wechsel der Sitten immer als "gut wozu", als nützlich empfunden wurde, so nennt man jetzt vornehmlich den Wohlwollenden, Hülfreichen "gut".
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Die Sonne eines neuen Evangeliums wirft ihren ersten Strahl auf die höchsten Gipfel in der Seele jener Einzelnen: da ballen sich die Nebel dichter, als je, und neben einander lagert der hellste Schein und die trübste Dämmerung.
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Als die Besiegung des schwerst zu besiegenden Feindes, die plötzliche Bemeisterung eines Affectes, - als Diess erscheint diese Verleugnung; und insofern gilt sie als der Gipfel des Moralischen.
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Der langsame Pfeil der Schönheit.
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- Wenn man erwägt, dass der Mensch manche hunderttausend Jahre lang ein im höchsten Grade der Furcht zugängliches Thier war und dass alles Plötzliche, Unerwartete ihn kampfbereit, vielleicht todesbereit sein hiess, ja dass selbst später, in socialen Verhältnissen, alle Sicherheit auf dem Erwarteten, auf dem Herkommen in Meinung und Thätigkeit beruhte, so darf man sich nicht wundern, dass bei allem Plötzlichen, Unerwarteten in Wort und That, wenn es ohne Gefahr.
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Hier soll der späterkommende Künstler das Leben der Grossen nachträglich zu corrigiren suchen: was zum Beispiel Der thun würde, welcher, als ein Meister aller Orchesterwirkungen, uns jene, dem Clavier-Scheintode verfallene Symphonie zum Leben erweckte.
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- Die Socialisten begehren für möglichst Viele ein Wohlleben herzustellen.
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In ihnen gehen sowohl die Gespenster der Vergangenheit, als die Gespenster der Zukunft um: was Wunder, wenn sie dabei nicht die beste Miene machen, nicht die gefälligste Haltung haben? 251.
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Denn er begehrt eine Fülle der Staatsgewalt, wie sie nur je der Despotismus gehabt hat, ja er überbietet alles Vergangene dadurch, dass er die förmliche Vernichtung des Individuums anstrebt: als.
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Sie wollte keine Geschichte, kein Werden in der Bildung gelten lassen; die in dem Staatsgesetz festgestellte Erziehung sollte alle Generationen verpflichten und auf Einer Stufe festhalten.
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Schlecht sehen und schlecht hören.
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- Es giebt wahre Bescheidenheit (das heisst die Erkenntniss, dass wir nicht unsere eigenen Werke sind); und recht wohl geziemt sie dem grossen Geiste, weil gerade er den Gedanken der völligen Unverantwortlichkeit (auch für das Gute, was er schafft) fassen kann.
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Was ist diese? Es ist die Gewöhnung an Arbeit überhaupt, welche sich jetzt als neues, hinzukommendes Bedürfniss geltend macht; sie wird um so stärker sein, je stärker Jemand gewöhnt ist zu arbeiten, vielleicht sogar je stärker Jemand an Bedürfnissen gelitten hat.
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- Es ist ein neuer Schritt zum Selbständigwerden, wenn man erst Ansichten zu äussern wagt, die als schmählich für Den gelten, welcher sie hegt; da pflegen auch die Freunde und Bekannten ängstlich zu werden.