Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

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man wirft sein Schlechtbefinden, unter Umständen selbst seine
Schlechtigkeit Denen, die anders sind, wie ein Unrecht, wie ein
unerlaubtes Vorrecht vor. "Bin ich eine canaille, so solltest du
es auch sein": auf diese Logik hin macht man Revolution. - Das
Sich-Beklagen taugt in keinem Falle etwas: es stammt aus der Schwäche.
Ob man sein Schlecht-Befinden Andern oder sich selber zu misst -.
Ersteres thut der Socialist, Letzteres zum Beispiel der Christ -,
macht keinen eigentlichen Unterschied. Das Gemeinsame, sagen wir auch
das Unwürdige daran ist, dass jemand schuld daran sein soll, dass man
leidet - kurz, dass der Leidende sich gegen sein Leiden den Honig
der Rache verordnet. Die Objekte dieses Rach-Bedürfnisses als eines
Lust-Bedürfnisses sind Gelegenheits-Ursachen: der Leidende findet
überall Ursachen, seine kleine Rache zu kühlen, - ist er Christ,
nochmals gesagt, so findet er sie in sich... Der Christ und der
Anarchist - Beide sind décadents. - Aber auch wenn der Christ die
"Welt" verurtheilt, verleumdet, beschmutzt, so thut er es aus
dem gleichen Instinkte, aus dem der socialistische Arbeiter die
Gesellschaft verurtheilt, verleumdet, beschmutzt: das "jüngste
Gericht" selbst ist noch der süsse Trost der Rache - die Revolution,
wie sie auch der socialistische Arbeiter erwartet, nur etwas ferner
gedacht... Das "Jenseits" selbst - wozu ein Jenseits, wenn es nicht
ein Mittel wäre, das Diesseits zu beschmutzen?...


35.

Kritik der Décadence-Moral. Eine "altruistische" Moral, eine Moral,
bei der die Selbstsucht verkümmert -, bleibt unter allen Umständen ein
schlechtes Anzeichen. Dies gilt vom Einzelnen, dies gilt namentlich
von Völkern. Es fehlt am Besten, wenn es an der Selbstsucht zu fehlen
beginnt. Instinktiv das Sich-Schädliche wählen, Gelockt-werden durch
"uninteressirte" Motive giebt beinahe die Formel ab für décadence.
"Nicht seinen Nutzen suchen" - das ist bloss das moralische
Feigenblatt für eine ganz andere, nämlich physiologische
Thatsächlichkeit: "ich weiss meinen Nutzen nicht mehr zu finden"
Disgregation der Instinkte! - Es ist zu Ende mit ihm, wenn der Mensch
altruistisch wird. - Statt naiv zu sagen, "ich bin nichts mehr werth",
sagt die Moral Lüge im Munde des décadent: "Nichts ist etwas werth, -
das Leben ist nichts werth"... Ein solches Urtheil bleibt zuletzt eine
grosse Gefahr, es wirkt ansteckend, - auf dem ganzen morbiden Boden
der Gesellschaft wuchert es bald zu tropischer Begriffs-Vegetation
empor, bald als Religion (Christenthum), bald als Philosophie
(Schopenhauerei). Unter Umständen vergiftet eine solche aus Fäulniss
gewachsene Giftbaum-Vegetation mit ihrem Dunste weithin, auf
Jahrtausende hin das Leben...


36.

Moral für Ärzte. - Der Kranke ist ein Parasit der Gesellschaft. In
einem gewissen Zustande ist es unanständig, noch länger zu leben. Das
Fortvegetiren in feiger Abhängigkeit von Ärzten und Praktiken, nachdem
der Sinn vom Leben, das Recht zum Leben verloren gegangen ist, sollte
bei der Gesellschaft eine

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Text Comparison with Ecce Homo Complete Works, Volume Seventeen

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G.
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We happen to know from another artist and profound thinker, Benjamin Disraeli, who himself had experienced a dangerous breakdown, what the consequences precisely are of indulging in excessive activity in the sphere of the spirit, more particularly when that spirit is highly organised.
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PREFACE 1 As it is my intention within a very short time to confront my fellow-men with the very greatest demand that has ever yet been made upon them, it seems to me _above_ all necessary to declare here who and what I am.
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is called a virtue.
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It may be very harmful, and indispose you for the whole day, if it be taken the least bit too weak.
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.
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Came a distant song: In golden drops it.
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Whoever could have seen me during the seventy days of this autumn, when, without interruption, I did a host of things of the highest rank--things that no man can do nowadays--with a sense of responsibility for all the ages yet to come, would have noticed no sign of tension in my condition, but rather a state of overflowing freshness and good cheer.
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"Reason" at any cost, as a dangerous, life-undermining force.
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--TR.
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.
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Did it not sound as if two swords had crossed? At all events we both felt this was so, for each of us remained silent.
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") This is my experience of inspiration.
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Refinement in form, in aspiration, and in the art of keeping silent, are its more or less obvious qualities; psychology is handled with deliberate hardness and cruelty,--the whole book does not contain one single good-natured word.
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The _downward path_--hitherto this had been called the road to "Truth.
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Strangeness is to me too dear-- Genoa has sunk and passed-- Heart, be cool! Hand, firmly steer! Sea before me: land--at last? Firmly let us plant our feet, Ne'er can we give up this game-- From the distance what doth greet? One death, one happiness, one fame.
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But ever, like the cork, It swims to the surface again, And floats like oil upon brown seas: Because of this soul men call me fortunate.
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A star went out in the desolate void, And lone was the void.
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Be hard, ye sages! Ye must compel her, That shamefaced Truth.