Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

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in einem Falle aufgegangen, wo
ihr am stärksten das gelehrte und ungelehrte Vorurtheil entgegensteht:
ich erkannte Sokrates und Plato als Verfalls-Symptome, als Werkzeuge
der griechischen Auflösung, als pseudogriechisch, als antigriechisch
("Geburt der Tragödie" 1872), jener consensus sapientium - das begriff
ich immer besser - beweist am wenigsten, dass sie Recht mit dem
hatten, worüber sie übereinstimmten: er beweist vielmehr, dass sie
selbst, diese Weisesten, irgend worin physiologisch übereinstimmten,
um auf gleiche Weise negativ zum Leben zu stehn, - stehn zu müssen.
Urtheile, Werthurtheile über das Leben, für oder wider, können zuletzt
niemals wahr sein: sie haben nur Werth als Symptome, sie kommen nur
als Symptome in Betracht, - an sich sind solche Urtheile Dummheiten.
Man muss durchaus seine Finger darnach ausstrecken und den Versuch
machen, diese erstaunliche finesse zu fassen, dass der Werth des
Lebens nicht abgeschätzt werden kann. Von einem Lebenden nicht, weil
ein solcher Partei, ja sogar Streitobjekt ist und nicht Richter;
von einem Todten nicht, aus einem andren Grunde. - Von Seiten eines
Philosophen im Werth des Lebens ein Problem sehn bleibt dergestalt
sogar ein Einwurf gegen ihn, ein Fragezeichen an seiner Weisheit, eine
Unweisheit. - Wie? und alle diese grossen Weisen - sie wären nicht nur
décadents, sie wären nicht einmal weise gewesen? - Aber ich komme auf
das Problem des Sokrates zurück.


3.

Sokrates gehörte, seiner Herkunft nach, zum niedersten Volk: Sokrates
war Pöbel. Man weiss, man sieht es selbst noch, wie hässlich er war.
Aber Hässlichkeit, an sich ein Einwand, ist unter Griechen beinahe
eine Widerlegung. War Sokrates überhaupt ein Grieche? Die Hässlichkeit
ist häufig genug der Ausdruck einer gekreuzten, durch Kreuzung
gehemmten Entwicklung. Im andren Falle erscheint sie als niedergehende
Entwicklung.

Die Anthropologen unter den Criminalisten sagen uns, dass der typische
Verbrecher hässlich ist: monstrum in fronte, monstrum in animo.
Aber der Verbrecher ist ein décadent. War Sokrates ein typischer
Verbrecher? - Zum Mindesten widerspräche dem jenes berühmte
Physiognomen-Urtheil nicht, das den Freunden des Sokrates so anstössig
klang. Ein Ausländer, der sich auf Gesichter verstand, sagte, als er
durch Athen kam, dem Sokrates in's Gesicht, er sei ein monstrum, -
er berge alle schlimmen Laster und Begierden in sich. Und Sokrates
antwortete bloss: "Sie kennen mich, mein Herr!" -


4.

Auf décadence bei Sokrates deutet nicht nur die zugestandne
Wüstheit und Anarchie in den Instinkten: eben dahin deutet auch die
Superfötation des Logischen und jene Rhachitiker-Bosheit, die ihn
auszeichnet. Vergessen wir auch jene Gehörs-Hallucinationen nicht,
die, als "Dämonion des Sokrates", in's Religiöse interpretirt worden
sind. Alles ist übertrieben, buffo, Karikatur an ihm, Alles ist
zugleich versteckt, hintergedanklich, unterirdisch. - Ich suche zu
begreifen, aus welcher Idiosynkrasie jene sokratische Gleichsetzung
von Vernunft = Tugend = Glück stammt: jene bizarrste Gleichsetzung,
die es giebt

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