Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

Page 39

alle Art
Hefen aus dem ausgetrunkenen Becher seines Lebens... Der Mensch, der
als Realität so verehrungswürdig ist, wie kommt es, dass er keine
Achtung verdient, sofern er wünscht? Muss er es büssen, so tüchtig als
Realität zu sein? Muss er sein Thun, die Kopf- und Willensanspannung
in allem Thun, mit einem Gliederstrecken im Imaginären und Absurden
ausgleichen? - Die Geschichte seiner Wünschbarkeiten war bisher die
partie honteuse des Menschen: man soll sich hüten, zu lange in ihr zu
lesen. Was den Menschen rechtfertigt, ist seine Realität, - sie wird
ihn ewig rechtfertigen. Um wie viel mehr werth ist der wirkliche
Mensch, verglichen mit irgend einem bloss gewünschten, erträumten,
erstunkenen und erlogenen Menschen? mit irgend einem idealen
Menschen?... Und nur der ideale Mensch geht dem Philosophen wider den
Geschmack.


33.

Naturwerth des Egoismus. - Die Selbstsucht ist so viel werth, als Der
physiologisch werth ist, der sie hat: sie kann sehr viel werth sein,
sie kann nichtswürdig und verächtlich sein. Jeder Einzelne darf darauf
hin angesehen werden, ob er die aufsteigende oder die absteigende
Linie des Lebens darstellt. Mit einer Entscheidung darüber hat man
auch einen Kanon dafür, was seine Selbstsucht werth ist. Stellt
er das Aufsteigen der Linie dar, so ist in der That sein Werth
ausserordentlich, - und um des Gesammt-Lebens willen, das mit ihm
einen Schritt weiter thut, darf die Sorge um Erhaltung, um Schaffung
seines optimum von Bedingungen selbst extrem sein. Der Einzelne, das
"Individuum", wie Volk und Philosoph das bisher verstand, ist ja ein
Irrthum: er ist nichts für sich, kein Atom, kein "Ring der Kette",
nichts bloss Vererbtes von Ehedem, - er ist die ganze Eine Linie
Mensch bis zu ihm hin selber noch... Stellt er die absteigende
Entwicklung, den Verfall, die chronische Entartung, Erkrankung dar (-
Krankheiten sind, in's Grosse gerechnet, bereits Folgeerscheinungen
des Verfalls, nicht dessen Ursachen), so kommt ihm wenig Werth zu, und
die erste Billigkeit will, dass er den Wohlgerathenen so wenig als
möglich wegnimmt. Er ist bloss noch deren Parasit...


34.

Christ und Anarchist. - Wenn der Anarchist, als Mundstück
niedergehender Schichten der Gesellschaft, mit einer schönen
Entrüstung "Recht", "Gerechtigkeit", "gleiche Rechte" verlangt, so
steht er damit nur unter dem Drucke seiner Unkultur, welche nicht zu
begreifen weiss, warum er eigentlich leidet, - woran er arm ist, an
Leben... Ein Ursachen-Trieb ist in ihm mächtig: Jemand muss schuld
daran sein, dass er sich schlecht befindet... Auch thut ihm die
"schöne Entrüstung" selber schon wohl, es ist ein Vergnügen für alle
armen Teufel, zu schimpfen, - es giebt einen kleinen Rausch von Macht.
Schon die Klage, das Sich-Beklagen, kann dem Leben einen Reiz geben,
um dessentwillen man es aushält: eine feinere Dosis Rache ist in jeder
Klage,

Last Page Next Page

Text Comparison with Beyond Good and Evil

Page 0
Audio formats available: 128kbit MP3 - MP3 subfolder 64kbit Ogg Vorbis (variable bit rate) - OGG subfolder Apple AAC audiobook (16kbit mono) - M4B subfolder Speex - SPX subfolder.