Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

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ist... Meine
Furcht ist gross, dass der moderne Mensch für einige Laster einfach
zu bequem ist: so dass diese geradezu aussterben. Alles Böse, das vom
starken Willen bedingt ist - und vielleicht giebt es nichts Böses ohne
Willensstärke - entartet, in unsrer lauen Luft, zur Tugend... Die
wenigen Heuchler, die ich kennen lernte, machten die Heuchelei nach:
sie waren, wie heutzutage fast jeder zehnte Mensch, Schauspieler. -


19.

Schön und hässlich. - Nichts ist bedingter, sagen wir beschränkter,
als unser Gefühl des Schönen. Wer es losgelöst von der Lust des
Menschen am Menschen denken wollte, verlöre sofort Grund und Boden
unter den Füssen. Das "Schöne an sich" ist bloss ein Wort, nicht
einmal ein Begriff. Im Schönen setzt sich der Mensch als Maass der
Vollkommenheit; in. ausgesuchten Fällen betet er sich darin an. Eine
Gattung kann gar nicht anders als dergestalt zu sich allein ja sagen.
Ihr unterster Instinkt, der der Selbsterhaltung und Selbsterweiterung,
strahlt noch in solchen Sublimitäten aus. Der Mensch glaubt die Welt
selbst mit Schönheit überhäuft, - er vergisst sich als deren Ursache.
Er allein hat sie mit Schönheit beschenkt, ach! nur mit einer sehr
menschlich-allzumenschlichen Schönheit.... Im Grunde spiegelt sich
der Mensch in den Dingen, er hält Alles für schön, was ihm sein Bild
zurückwirft: das Urtheil "schön" ist seine Gattungs-Eitelkeit....
Dem Skeptiker nämlich darf ein kleiner Argwohn die Frage in's Ohr
flüstern: ist wirklich damit die Welt verschönt, dass gerade der
Mensch sie für schön nimmt? Er hat sie vermenschlicht: das ist Alles.
Aber Nichts, gar Nichts verbürgt uns, dass gerade der Mensch das
Modell des Schönen abgäbe. Wer weiss, wie er sich in den Augen eines
höheren Geschmacksrichters ausnimmt? Vielleicht gewagt? vielleicht
selbst erheiternd? vielleicht ein wenig arbiträr?... "Oh Dionysos,
Göttlicher, warum ziehst du mich an den Ohren?" fragte Ariadne
einmal bei einem jener berühmten Zwiegespräche auf Naxos ihren
philosophischen Liebhaber. "Ich finde eine Art Humor in deinen Ohren,
Ariadne: warum sind sie nicht noch länger?"


20.

Nichts ist schön, nur der Mensch ist schön: auf dieser Naivetät ruht
alle Ästhetik, sie ist deren erste Wahrheit. Fügen wir sofort noch
deren zweite hinzu: Nichts ist hässlich als der entartende Mensch,
- damit ist das Reich des ästhetischen Urtheils umgrenzt. -
Physiologisch nachgerechnet, schwächt und betrübt alles Hässliche
den Menschen. Es erinnert ihn an Verfall, Gefahr, Ohnmacht; er büsst
thatsächlich dabei Kraft ein. Man kann die Wirkung des Hässlichen mit
dem Dynamometer messen. Wo der Mensch überhaupt niedergedrückt wird,
da wittert er die Nähe von etwas "Hässlichem". Sein Gefühl der Macht,
sein Wille zur Macht, sein Muth, sein Stolz - das fällt mit dem
Hässlichen, das steigt mit dem Schönen... Im einen wie im andern Falle
machen wir einen Schluss:

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Text Comparison with Homer and Classical Philology

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, J.
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Where do we not meet with them, these mockers, always ready to aim a blow at the philological "moles," the animals that practise dust-eating _ex professo_, and that grub up and eat for the eleventh time what they have already eaten ten times before.
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Think it not crime in any way: Youth's fervent adoration Leads us to know the verity, And feel the poet's unity.
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where individual scientific investigation comes into contact with the whole life of science and culture--if any one, in other words, indicates a historico-cultural valuation as the central point of the question, he must also, in the province.
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The zenith of the historico-literary studies of the Greeks, and hence also of their point of greatest importance--the Homeric question--was reached in the age of the Alexandrian grammarians.
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e.
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In this backward examination, we instinctively feel that away beyond Herodotus there lies a period in which an immense flood of great epics has been identified with the name of Homer.
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But as soon as we examine this thought at close quarters, we involuntarily put a poetic _mass of people_ in the place of the poetising _soul of the people_: a long row of popular poets in whom individuality has no meaning, and in whom the tumultuous movement of a people's soul, the intuitive strength of a people's eye, and the unabated profusion of a people's fantasy, were once powerful: a row of original geniuses, attached to a time, to a poetic genus, to a subject-matter.
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But the newly-lighted flame also cast its shadow: and this shadow was none other than that superstition already referred to, which popular poetry set up in opposition to individual poetry, and thus enlarged the comprehension of the people's soul to that of the people's mind.
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With the superstition which presupposes poetising masses is connected another: that popular poetry is limited to one particular period of a people's history and afterwards dies out--which indeed follows as a consequence of the first superstition I have mentioned.
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The infinite profusion of images and incidents in the Homeric epic must force us to admit that such a wide range of vision is next to impossible.
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On the contrary, this design is a later product, far later than Homer's celebrity.
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" This period regards Homer as belonging to the ranks of artists like Orpheus, Eumolpus, Daedalus, and Olympus, the mythical discoverers of a new branch of art, to whom, therefore, all the later fruits which grew from the new branch were thankfully dedicated.
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It is but right that a philologist should describe his end and the means to it in the short formula of a confession of faith; and let this be done in the saying of Seneca which I thus reverse-- "Philosophia facta est quae philologia fuit.
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Now, therefore, that I have enunciated my philological creed, I trust you will give me cause to hope that I shall no longer be a stranger among you: give me the assurance that in working with you towards this end I am worthily fulfilling the confidence with which the highest authorities of this community have honoured me.