Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

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muss uns doch bleiben"...).
Ich verstehe unter Geist, wie man sieht, die Vorsicht, die Geduld, die
List, die Verstellung, die grosse Selbstbeherrschung und Alles, was
mimicry ist (zu letzterem gehört ein grosser Theil der sogenannten
Tugend).


15.

Psychologen-Casuistik. - Das ist ein Menschenkenner: wozu studirt
er eigentlich die Menschen? Er will kleine Vortheile über sie
erschnappen, oder auch grosse, - er ist ein Politikus!... Jener da
ist auch ein Menschenkenner: und ihr sagt, der wolle Nichts damit
für sich, das sei ein grosser "Unpersönlicher". Seht schärfer zu!
Vielleicht will er sogar noch einen schlimmeren Vortheil: sich den
Menschen überlegen fühlen, auf sie herabsehn dürfen, sich nicht
mehr mit ihnen verwechseln. Dieser "Unpersönliche" ist ein
Menschen-Verächter: und jener Erstere ist die humanere Species, was
auch der Augenschein sagen mag. Er stellt sich wenigstens gleich, er
stellt sich hinein...


16.

Der psychologische Takt der Deutschen scheint mir durch eine ganze
Reihe von Fällen in Frage gestellt, deren Verzeichniss vorzulegen mich
meine Bescheidenheit hindert. In Einem Falle wird es mir nicht an
einem grossen Anlasse fehlen, meine These zu begründen: ich trage
es den Deutschen nach, sich über Kant und seine "Philosophie der
Hinterthüren", wie ich sie nenne, vergriffen zu haben, - das war nicht
der Typus der intellektuellen Rechtschaffenheit. - Das Andre, was ich
nicht hören mag, ist ein berüchtigtes "und": die Deutschen sagen,
"Goethe und Schiller", - ich fürchte, sie sagen "Schiller und
Goethe"... Kennt man noch nicht diesen Schiller? - Es giebt noch
schlimmere "und"; ich habe mit meinen eigenen Ohren, allerdings nur
unter Universitäts-Professoren, gehört "Schopenhauer und Hartmann"


17.

Die geistigsten Menschen, vorausgesetzt, dass sie die muthigsten sind,
erleben auch bei weitem die schmerzhaftesten Tragödien: aber eben
deshalb ehren sie das Leben, weil es ihnen seine grösste Gegnerschaft
entgegenstellt.


18.

Zum "intellektuellen Gewissen". - Nichts scheint mir heute seltner als
die echte Heuchelei. Mein Verdacht ist gross, dass diesem Gewächs die
sanfte Luft unsrer Cultur nicht zuträglich ist. Die Heuchelei gehört
in die Zeitalter des starken Glaubens: wo man selbst nicht bei der
Nöthigung, einen andern Glauben zur Schau zu tragen, von dem Glauben
losliess, den man hatte. Heute lässt man ihn los; oder, was noch
gewöhnlicher, man legt sich noch einen zweiten Glauben zu, - ehrlich
bleibt man in jedem Falle. Ohne Zweifel ist heute eine sehr viel
grössere Anzahl von Überzeugungen möglich als ehemals: möglich, das
heisst erlaubt, das heisst unschädlich. Daraus entsteht die Toleranz
gegen sich selbst. - Die Toleranz gegen sich selbst gestattet mehrere
Überzeugungen: diese selbst leben verträglich beisammen, - sie hüten
sich, wie alle Welt heute, sich zu compromittiren. Womit compromittirt
man sich heute? Wenn man Consequenz hat. Wenn man in gerader Linie
geht. Wenn man weniger als fünfdeutig ist. Wenn man echt

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