Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

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heraustreibt. Das Wesentliche bleibt die
Leichtigkeit der Metamorphose, die Unfähigkeit, nicht zu reagiren (-
ähnlich wie bei gewissen Hysterischen, die auch auf jeden Wink hin in
je de Rolle eintreten). Es ist dem dionysischen Menschen unmöglich,
irgend eine Suggestion nicht zu verstehn, er übersieht kein Zeichen
des Affekts, er hat den höchsten Grad des verstehenden und errathenden
Instinkts, wie er den höchsten Grad von Mittheilungs-Kunst besitzt.
Er geht in jede Haut, in jeden Affekt ein: er verwandelt sich
beständig. - Musik, wie wir sie heute verstehn, ist gleichfalls eine
Gesammt-Erregung und -Entladung der Affekte, aber dennoch nur das
Überbleibsel von einer viel volleren Ausdrucks-Welt des Affekts,
ein blosses residuum des dionysischen Histrionismus. Man hat, zur
Ermöglichung der Musik als Sonderkunst, eine Anzahl Sinne, vor Allem
den Muskelsinn still gestellt (relativ wenigstens: denn in einem
gewissen Grade redet noch aller Rhythmus zu unsern Muskeln): so dass
der Mensch nicht mehr Alles, was er fühlt, sofort leibhaft nachahmt
und darstellt. Trotzdem ist Das der eigentlich dionysische
Normalzustand, jedenfalls der Urzustand; die Musik ist die langsam
erreichte Spezifikation desselben auf Unkosten der nächstverwandten
Vermögen.


11.

Der Schauspieler, der Mime, der Tänzer, der Musiker, der Lyriker sind
in ihren Instinkten grundverwandt und an sich Eins, aber allmählich
spezialisirt und von einander abgetrennt - bis selbst zum Widerspruch.
Der Lyriker blieb am längsten mit dem Musiker geeint; der Schauspieler
mit dem Tänzer. - Der Architekt stellt weder einen dionysischen, noch
einen apollinischen Zustand dar: hier ist es der grosse Willensakt,
der Wille, der Berge versetzt, der Rausch des grossen Willens, der zur
Kunst verlangt. Die mächtigsten Menschen haben immer die Architekten
inspirirt; der Architekt war stets unter der Suggestion der Macht. Im
Bauwerk soll sich der Stolz, der Sieg über die Schwere, der Wille zur
Macht versichtbaren; Architektur ist eine Art Macht-Beredsamkeit in
Formen, bald überredend, selbst schmeichelnd, bald bloss befehlend.
Das höchste Gefühl von Macht und Sicherheit kommt in dem zum Ausdruck,
was grossen Stil hat. Die Macht, die keinen Beweis mehr nöthig hat;
die es verschmäht, zu gefallen; die schwer antwortet; die keinen
Zeugen um sich fühlt; die ohne Bewusstsein davon lebt, dass es
Widerspruch gegen sie giebt; die in sich ruht, fatalistisch, ein
Gesetz unter Gesetzen: Das redet als grosser Stil von sich. -


12.

Ich las das Leben Thomas Carlyle's, diese farce wider Wissen und
Willen, diese heroisch-moralische Interpretation dyspeptischer
Zustände. - Carlyle, ein Mann der starken Worte und Attitüden, ein
Rhetor aus Noth, den beständig das Verlangen nach einem starken
Glauben agaçirt und das Gefühl der Unfähigkeit dazu (- darin ein
typischer Romantiker!). Das Verlangen nach einem starken Glauben ist
nicht der Beweis eines starken Glaubens, vielmehr das Gegentheil. Hat
man ihn, so darf man sich den

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Text Comparison with The Antichrist

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The first sketches for "The Will to Power" were made in 1884, soon after the publication of the first three parts of "Thus Spake Zarathustra," and thereafter, for four years, Nietzsche piled up notes.
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It seemed to be generally felt, in fact, that they simply _must_ be saved from the wreck--that the world would vanish into chaos if they went the way of the revelations supporting them.
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It soothes.
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Nor are they the first to borrow from him.
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But he never wrote a word too many.
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A man loses power when he pities.
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A word now against Kant as a moralist.
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Religion, within these limits, is a form of.
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) And in all this he was right, for it is precisely these passions which, in view of his main regiminal purpose, are _unhealthful_.
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Out of the powerful and _wholly free_ heroes of Israel's history they fashioned, according to their changing needs, either wretched bigots and hypocrites or men entirely "godless.
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[5] At that time I was twenty years old: now I am too serious for that sort of thing.
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We all know that there is a morbid sensibility of the tactile nerves which causes those suffering from it to recoil from every touch, and from every effort to grasp a solid object.
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--Our age is proud of its historical sense: how, then, could it delude itself into believing that the _crude fable of the wonder-worker and Saviour_ constituted the beginnings of Christianity--and that everything spiritual and symbolical in it only came later? Quite to the contrary, the whole history of Christianity--from the death on the cross onward--is the history of a progressively clumsier misunderstanding of an _original_ symbolism.
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--It appears, unless I have been incorrectly informed, that there prevails among Christians a sort of criterion of truth that is called "proof by power.
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Only in the maiden is the whole body pure.
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The problem lies exactly here.
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The Renaissance--an event without meaning, a great futility!--Ah, these Germans, what they have not cost us! _Futility_--that has always been the work of the Germans.