Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

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Verkehr, in der Gegenseitigkeit der
Pflichten, viel Arbeitsamkeit, viel Ausdauer - und eine angeerbte
Mässigung, welche eher des Stachels als des Hemmschuhs bedarf. Ich
füge hinzu, dass hier noch gehorcht wird, ohne dass das Gehorchen
demüthigt... Und Niemand verachtet seinen Gegner...

Man sieht, es ist mein Wunsch, den Deutschen gerecht zu sein: ich
möchte mir darin nicht untreu werden, - ich muss ihnen also auch
meinen Einwand machen. Es zahlt sich theuer, zur Macht zu kommen: die
Macht verdummt... Die Deutschen - man hiess sie einst das Volk der
Denker: denken sie heute überhaupt noch? - Die Deutschen langweilen
sich jetzt am Geiste, die Deutschen misstrauen jetzt dem Geiste,
die Politik verschlingt allen Ernst für wirklich geistige Dinge -
"Deutschland, Deutschland über Alles", ich fürchte, das war das Ende
der deutschen Philosophie... "Giebt es deutsche Philosophen? giebt
es deutsche Dichter? giebt es gute deutsche Bücher?" fragt man mich
im Ausland. Ich erröthe, aber mit der Tapferkeit, die mir auch in
verzweifelten Fällen zu eigen ist, antworte ich: "Ja, Bismarck!" -
Dürfte ich auch nur eingestehn, welche Bücher man heute liest?...
Vermaledeiter Instinkt der Mittelmässigkeit! -


2.

- Was der deutsche Geist sein könnte, wer hätte nicht schon darüber
seine schwermüthigen Gedanken gehabt! Aber dies Volk hat sich
willkürlich verdummt, seit einem Jahrtausend beinahe: nirgendswo sind
die zwei grossen europäischen Narcotica, Alkohol und Christenthum,
lasterhafter gemissbraucht worden. Neuerdings kam sogar noch
ein drittes hinzu, mit dem allein schon aller feinen und kühnen
Beweglichkeit des Geistes der Garaus gemacht werden kann, die
Musik, unsre verstopfte verstopfende deutsche Musik. - Wie viel
verdriessliche Schwere, Lahmheit, Feuchtigkeit, Schlafrock, wie viel
Bier ist in der deutschen Intelligenz! Wie ist es eigentlich möglich,
dass junge Männer, die den geistigsten Zielen ihr Dasein weihn, nicht
den ersten Instinkt der Geistigkeit, den Selbsterhaltungs-Instinkt des
Geistes in sich fühlen - und Bier trinken?... Der Alkoholismus der
gelehrten Jugend ist vielleicht noch kein Fragezeichen in Absicht
ihrer Gelehrsamkeit - man kann ohne Geist sogar ein grosser Gelehrter
sein -, aber in jedem andren Betracht bleibt er ein Problem. - Wo
fände man sie nicht, die sanfte Entartung, die das Bier im Geiste
hervorbringt! Ich habe einmal in einem beinahe berühmt gewordnen Fall
den Finger auf eine solche Entartung gelegt - die Entartung unsres
ersten deutschen Freigeistes, des klugen David Strauss, zum Verfasser
eines Bierbank-Evangeliums und "neuen Glaubens"... Nicht umsonst hatte
er der "holden Braunen" sein Gelöbniss in Versen gemacht - Treue bis
zum Tod...


3.

- Ich sprach vom deutschen Geiste: dass er gröber wird, dass er sich
verflacht. Ist das genug? - Im Grunde ist es etwas ganz Anderes, das
mich erschreckt: wie es immer mehr mit dem deutschen Ernste, der
deutschen Tiefe, der deutschen Leidenschaft

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