Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

Page 17

in einer Art von
Resonanz: sie wartet gleichsam, bis der Ursachentrieb ihr erlaubt, in
den Vordergrund zu treten, - nunmehr nicht mehr als Zufall, sondern
als "Sinn". Der Kanonenschuss tritt in einer causalen Weise auf, in
einer anscheinenden Umkehrung der Zeit. Das Spätere, die Motivirung,
wird zuerst erlebt, oft mit hundert Einzelnheiten, die wie im Blitz
vorübergehn, der Schuss folgt... Was ist geschehen? Die Vorstellungen,
welche ein gewisses Befinden erzeugte, wurden als Ursache desselben
missverstanden. - Thatsächlich machen wir es im Wachen ebenso.
Unsre meisten Allgemeingefühle - jede Art Hemmung, Druck, Spannung,
Explosion im Spiel und Gegenspiel der Organe, wie in Sonderheit der
Zustand des nervus sympathicus - erregen unsern Ursachentrieb: wir
wollen einen Grund haben, uns so und so zu befinden, - uns schlecht zu
befinden oder gut zu befinden. Es genügt uns niemals, einfach bloss
die Thatsache, dass wir uns so und so befinden, festzustellen: wir
lassen diese Thatsache erst zu, - werden ihrer bewusst -, wenn wir ihr
eine Art Motivirung gegeben haben. - Die Erinnerung, die in solchem
Falle, ohne unser Wissen, in Thätigkeit tritt, führt frühere Zustände
gleicher Art und die damit verwachsenen Causal-Interpretationen
herauf, - nicht deren Ursächlichkeit. Der Glaube freilich, dass die
Vorstellungen, die begleitenden Bewusstseins-Vorgänge die Ursachen
gewesen seien, wird durch die Erinnerung auch mit heraufgebracht. So
entsteht eine Gewöhnung an eine bestimmte Ursachen-Interpretation,
die in Wahrheit eine Erforschung der Ursache hemmt und selbst
ausschliesst.


5.

Psychologische Erklärung dazu. - Etwas Unbekanntes auf etwas Bekanntes
zurückführen, erleichtert, beruhigt, befriedigt, giebt ausserdem ein
Gefühl von Macht. Mit dem Unbekannten ist die Gefahr, die Unruhe,
die Sorge gegeben, - der erste Instinkt geht dahin, diese peinlichen
Zustände wegzuschaffen. Erster Grundsatz: irgend eine Erklärung ist
besser als keine. Weil es sich im Grunde nur um ein Loswerdenwollen
drückender Vorstellungen handelt, nimmt man es nicht gerade streng mit
den Mitteln, sie loszuwerden: die erste Vorstellung, mit der sich das
Unbekannte als bekannt erklärt, thut so wohl, dass man sie "für wahr
hält". Beweis der Lust ("der Kraft") als Criterium der Wahrheit. - Der
Ursachen-Trieb ist also bedingt und erregt durch das Furchtgefühl.
Das "Warum?" soll, wenn irgend möglich, nicht sowohl die Ursache um
ihrer selber willen geben, als vielmehr eine Art von Ursache - eine
beruhigende, befreiende, erleichternde Ursache. Dass etwas schon
Bekanntes, Erlebtes, in die Erinnerung Eingeschriebenes als Ursache
angesetzt wird, ist die erste Folge dieses Bedürfnisses. Das Neue, das
Unerlebte, das Fremde wird als Ursache ausgeschlossen. - Es wird also
nicht nur eine Art von Erklärungen als Ursache gesucht, sondern eine
ausgesuchte und bevorzugte Art von Erklärungen, die, bei denen am
schnellsten, am häufigsten das Gefühl des Fremden, Neuen, Unerlebten
weggeschafft worden ist, - die gewöhnlichsten Erklärungen. - Folge:
eine Art

Last Page Next Page

Text Comparison with The Will to Power, Book I and II An Attempted Transvaluation of all Values

Page 0
LUDOVICI VOL.
Page 41
).
Page 47
_ 110.
Page 48
_The reversal of the order of.
Page 54
Your equity, ye higher men, drives you to universal suffrage, etc.
Page 58
137.
Page 65
.
Page 70
_ 171.
Page 79
.
Page 97
" We believe that all deeds, of what kind soever, are identically the same at root; just as deeds which turn _against_ us may be useful from an economical point of view, and even _generally desirable.
Page 102
_--Pity and contempt succeed each other at short intervals, and at the sight of them I feel as indignant as if I were in the presence of the most despicable crime.
Page 107
--Thanks to the fact that people _forget_ that all valuing has a purpose, one and the same man may swarm with a host of contradictory valuations, and _therefore with a host of contradictory impulses.
Page 116
" 284.
Page 129
.
Page 142
who desire precisely the same thing with their "humanisation" generally, or with their "Will of God," or with their "Salvation of the Soul.
Page 148
In this case society's duty is to _suppress egoism_ (for the latter may sometimes manifest itself in an absurd, morbid, and seditious manner): whether it be a question of the decline and pining away of single individuals or of whole classes of mankind.
Page 167
_ The Development of Pessimism: intellectual pessimism; _moral_ criticism, the dissolution of the last comfort.
Page 169
The ideal of Pessimism.
Page 181
The proper way of living is not promoted by science: wisdom does not make "wise.
Page 184
This presupposes a tremendous adiaphora in regard to the strong passions: a kind of isolation, an exceptional position, opposition to the normal passions.