Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

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Tage, mit seinem rapiden Verbrauch an
Nervenkraft, würde sich mit dem régime Cornaro's zu Grunde richten.
Crede experto. -


2.

Die allgemeinste Formel, die jeder Religion und Moral zu Grunde liegt,
heisst: "Thue das und das, lass das und das - so wirst du glücklich!
Im andern Falle..." Jede Moral, jede Religion ist dieser Imperativ,
- ich nenne ihn die grosse Erbsünde der Vernunft, die unsterbliche
Unvernunft. In meinem Munde verwandelt sich jene Formel in ihre
Umkehrung - erstes Beispiel meiner "Umwerthung aller Werthe": ein
wohlgerathener Mensch, ein "Glücklicher", muss gewisse Handlungen
thun und scheut sich instinktiv vor anderen Handlungen, er trägt die
Ordnung, die er physiologisch darstellt, in seine Beziehungen zu
Menschen und Dingen hinein. In Formel: seine Tugend ist die Folge
seines Glücks... Langes Leben, eine reiche Nachkommenschaft ist nicht
der Lohn der Tugend, die Tugend ist vielmehr selbst jene Verlangsamung
des Stoffwechsels, die, unter Anderem, auch ein langes Leben, eine
reiche Nachkommenschaft, kurz den Cornarismus im Gefolge hat. - Die
Kirche und die Moral sagen: "ein Geschlecht, ein Volk wird durch
Laster und Luxus zu Grunde gerichtet." Meine wiederhergestellte
Vernunft sagt: wenn ein Volk zu Grunde geht, physiologisch degenerirt,
so folgen daraus Laster und Luxus (das heisst das Bedürfniss nach
immer stärkeren und häufigeren Reizen, wie sie jede erschöpfte Natur
kennt). Dieser junge Mann wird frühzeitig blass und welk. Seine
Freunde sagen: daran ist die und die Krankheit schuld. Ich sage: dass
er krank wurde, dass er der Krankheit nicht widerstand, war bereits
die Folge eines verarmten Lebens, einer hereditären Erschöpfung. Der
Zeitungsleser sagt: diese Partei richtet sich mit einem solchen Fehler
zu Grunde. Meine höhere Politik sagt: eine Partei, die solche Fehler
macht, ist am Ende - sie hat ihre Instinkt-Sicherheit nicht mehr.
Jeder Fehler in jedem Sinne ist die Folge von Instinkt-Entartung, von
Disgregation des Willens: man definirt beinahe damit das Schlechte.
Alles Gute ist Instinkt - und, folglich, leicht, nothwendig, frei. Die
Mühsal ist ein Einwand, der Gott ist typisch vom Helden unterschieden
(in meiner Sprache: die leichten Füsse das erste Attribut der
Göttlichkeit).


3.

Irrthum einer falschen Ursächlichkeit. - Man hat zu allen Zeiten
geglaubt, zu wissen, was eine Ursache ist: aber woher nahmen wir unser
Wissen, genauer, unsern Glauben, hier zu wissen? Aus dem Bereich
der berühmten "inneren Thatsachen", von denen bisher keine sich als
thatsächlich erwiesen hat. Wir glaubten uns selbst im Akt des Willens
ursächlich; wir meinten da wenigstens die Ursächlichkeit auf der
That zu ertappen. Man zweifelte insgleichen nicht daran, dass alle
antecedentia einer Handlung, ihre Ursachen, im Bewusstsein zu suchen
seien und darin sich wiederfänden, wenn man sie suche - als "Motive":
man wäre ja sonst zu ihr nicht frei, für sie nicht verantwortlich
gewesen.

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Text Comparison with The Antichrist

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KNOPF COPYRIGHT, 1918, BY ALFRED A.
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It is in Heraclitus that one finds the germ of his primary view of the universe--a view, to wit, that sees it, not as moral phenomenon, but as mere aesthetic representation.
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The thing went to unbelievable lengths.
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Very well, then! of that sort only are my readers, my true readers, my readers foreordained: of what account are the _rest_?--The rest are merely humanity.
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We have had the whole pathetic stupidity of mankind against us--their every notion of what the.
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Formerly he had only his own people, his "chosen" people.
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For the fact that he is able to _compare_ them at all the critic of Christianity is indebted to the scholars of India.
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chief attention are: first, an excessive sensitiveness to sensation, which manifests itself as a refined susceptibility to pain, and _secondly_, an extraordinary spirituality, a too protracted concern with concepts and logical procedures, under the influence of which the instinct of personality has yielded to a notion of the "impersonal.
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--In the same way he lacks argumentative capacity, and has no belief that an article of faith, a "truth," may be established by proofs (--_his_ proofs are inner "lights," subjective sensations of happiness and self-approval, simple "proofs of power"--).
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But it is nevertheless obvious enough what is meant by the symbols "Father" and "Son"--not, of course, to every one--: the word "Son" expresses _entrance_ into the feeling that there is a general transformation of all things (beatitude), and "Father" expresses _that feeling itself_--the sensation of eternity and of perfection.
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The pathological limitations of his vision turn the man of convictions into a fanatic--Savonarola, Luther, Rousseau, Robespierre, Saint-Simon--these types stand in opposition to the strong, _emancipated_ spirit.
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; and on the other hand, _tradition_, which is the assumption that the law has stood unchanged from time immemorial, and that it is impious and a crime against one's forefathers to bring it into question.
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In every healthy society there are three physiological types, gravitating toward differentiation but mutually conditioning one another, and each of these has its own hygiene, its own sphere of work, its own special mastery and feeling of perfection.
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