Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

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sich lächerlich zu machen. Der Einzelne ist ein Stück fatum, von
Vorne und von Hinten, ein Gesetz mehr, eine Nothwendigkeit mehr für
Alles, was kommt und sein wird. Zu ihm sagen "ändere dich" heisst
verlangen, dass Alles sich ändert, sogar rückwärts noch... Und
wirklich, es gab consequente Moralisten, sie wollten den Menschen
anders, nämlich tugendhaft, sie wollten ihn nach ihrem Bilde, nämlich
als Mucker: dazu verneinten sie die Welt! Keine kleine Tollheit!
Keine bescheidne Art der Unbescheidenheit!... Die Moral, insofern sie
verurtheilt, an sich, nicht aus Hinsichten, Rücksichten, Absichten des
Lebens, ist ein spezifischer Irrthum, mit dem man kein Mitleiden haben
soll, eine Degenerirten-Idiosynkrasie, die unsäglich viel Schaden
gestiftet hat!... Wir Anderen, wir Immoralisten, haben umgekehrt unser
Herz weit gemacht für alle Art Verstehn, Begreifen, Gutheissen. Wir
verneinen nicht leicht, wir suchen unsre Ehre darin, Bejahende zu
sein. Immer mehr ist uns das Auge für jene Ökonomie aufgegangen,
welche alles Das noch braucht und auszunützen weiss, was der heilige
Aberwitz des Priesters, der kranken Vernunft im Priester verwirft, für
jene Ökonomie im Gesetz des Lebens, die selbst aus der widerlichen
species des Muckers, des Priesters, des Tugendhaften ihren Vortheil
zieht, - welchen Vortheil? - Aber wir selbst, wir Immoralisten sind
hier die Antwort... -



Die vier grossen Irrthümer.

1.

Irrthum der Verwechslung von Ursache und Folge. - Es giebt keinen
gefährlicheren Irrthum als die Folge mit der Ursache zu verwechseln:
ich heisse ihn die eigentliche Verderbniss der Vernunft. Trotzdem
gehört dieser Irrthum zu den ältesten und jüngsten Gewohnheiten der
Menschheit: er ist selbst unter uns geheiligt, er trägt den Namen
"Religion", "Moral". Jeder Satz, den die Religion und die Moral
formulirt, enthält ihn; Priester und Moral-Gesetzgeber sind die
Urheber jener Verderbniss der Vernunft. - Ich nehme ein Beispiel:
Jedermann kennt das Buch des berühmten Cornaro, in dem er seine
schmale Diät als Recept zu einem langen und glücklichen Leben - auch
tugendhaften - anräth. Wenige Bücher sind so viel gelesen worden, noch
jetzt wird es in England jährlich in vielen Tausenden von Exemplaren
gedruckt. Ich zweifle nicht daran, dass kaum ein Buch (die Bibel, wie
billig, ausgenommen) so viel Unheil gestiftet, so viele Leben verkürzt
hat wie dies so wohlgemeinte Curiosum. Grund dafür: die Verwechslung
der Folge mit der Ursache. Der biedere Italiäner sah in seiner Diät
die Ursache seines langen Lebens: während die Vorbedingung zum langen
Leben, die ausserordentliche Langsamkeit des Stoffwechsels, der
geringe Verbrauch, die Ursache seiner schmalen Diät war. Es stand
ihm nicht frei, wenig oder viel zu essen, seine Frugalität war nicht
ein "freier Wille": er wurde krank, wenn er mehr ass. Wer aber kein
Karpfen ist, thut nicht nur gut, sondern hat es nöthig, ordentlich
zu essen. Ein Gelehrter unsrer

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Wenn das andre Philosophen-Volk das Zeugniss der Sinne verwarf, weil dieselben Vielheit und Veränderung zeigten, verwarf er deren Zeugniss, weil sie die Dinge zeigten, als ob sie Dauer und Einheit hätten.
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Denn "der Schein" bedeutet hier die Realität noch einmal, nur in einer Auswahl, Verstärkung, Correctur.
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Ich zweifle nicht daran, dass kaum ein Buch (die Bibel, wie billig, ausgenommen) so viel Unheil gestiftet, so viele Leben verkürzt hat wie dies so wohlgemeinte Curiosum.
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Das harte Helotenthum, zu dem der ungeheure Umfang der Wissenschaften heute jeden Einzelnen verurtheilt, ist ein Hauptgrund dafür, dass voller, reicher, tiefer angelegte Naturen keine ihnen gemässe Erziehung und Erzieher mehr vorfinden.
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Dass die Deutschen ihre Philosophen auch nur ausgehalten haben, vor Allen jenen verwachsensten Begriffs-Krüppel, den es je gegeben hat, den grossen Kant, giebt keinen kleinen Begriff von der deutschen Anmuth.
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- Carlyle, ein Mann der starken Worte und Attitüden, ein Rhetor aus Noth, den beständig das Verlangen nach einem starken Glauben agaçirt und das Gefühl der Unfähigkeit dazu (- darin ein typischer Romantiker!).
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Mit einer Entscheidung darüber hat man auch einen Kanon dafür, was seine Selbstsucht werth ist.
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Mit diesem Unvermögen ist aber kein Fortschritt bewiesen, sondern nur eine andre, eine spätere Beschaffenheit, eine schwächere, zärtlichere, verletzlichere, aus der sich nothwendig eine rücksichtenreiche Moral erzeugt.
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Wenn nämlich ein Glaube nützlicher, wirkungsvoller, überzeugender ist, als die bewusste Heuchelei, so wird, aus Instinkt, die Heuchelei alsbald zur Unschuld: erster Satz zum Verständniss grosser Heiliger.
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Ihm fehlt die Wildniss, eine gewisse freiere und gefährlichere Natur und Daseinsform, in der Alles, was Waffe und Wehr im Instinkt des starken Menschen ist, zu Recht besteht.
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Das ist zuletzt kein Grund, sie mehr zu achten.
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In ihm kommt die Sophisten-Cultur, will sagen die Realisten-Cultur, zu ihrem vollendeten Ausdruck: diese unschätzbare Bewegung inmitten des eben allerwärts losbrechenden Moral- und Ideal-Schwindels der sokratischen Schulen.
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Die Philosophen sind ja die décadents des Griechenthums, die Gegenbewegung gegen den alten, den vornehmen Geschmack (- gegen den agonalen Instinkt, gegen die Polis, gegen den Werth der Rasse, gegen die Autorität des Herkommens).
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Was verbürgte sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das ewige Leben, die ewige Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der Vergangenheit verheissen und geweiht; das triumphirende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus; das wahre Leben als das Gesammt-Fortleben durch die Zeugung, durch die Mysterien der Geschlechtlichkeit.