Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

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über das Christenthum. Ein andrer Triumph ist unsre
Vergeistigung der Feindschaft. Sie besteht darin, dass man tief den
Werth begreift, den es hat, Feinde zu haben: kurz, dass man umgekehrt
thut und schliesst als man ehedem that und schloss. Die Kirche wollte
zu allen Zeiten die Vernichtung ihrer Feinde: wir, wir Immoralisten
und Antichristen, sehen unsern Vortheil darin, dass die Kirche
besteht... Auch im Politischen ist die Feindschaft jetzt geistiger
geworden, - viel klüger, viel nachdenklicher, viel schonender. Fast
jede Partei begreift ihr Selbsterhaltungs-Interesse darin, dass die
Gegenpartei nicht von Kräften kommt; dasselbe gilt von der grossen
Politik. Eine neue Schöpfung zumal, etwa das neue Reich, hat Feinde
nöthiger als Freunde: im Gegensatz erst fühlt es sich nothwendig,
im Gegensatz wird es erst nothwendig... Nicht anders verhalten wir
uns gegen den "inneren Feind": auch da haben wir die Feindschaft
vergeistigt, auch da haben wir ihren Werth begriffen. Man ist nur
fruchtbar um den Preis, an Gegensätzen reich zu sein; man bleibt nur
jung unter der Voraussetzung, dass die Seele nicht sich streckt, nicht
nach Frieden begehrt... Nichts ist uns fremder geworden als jene
Wünschbarkeit von Ehedem, die vom "Frieden der Seele", die christliche
Wünschbarkeit; Nichts macht uns weniger Neid als die Moral-Kuh und
das fette Glück des guten Gewissens. Man hat auf das grosse Leben
verzichtet, wenn man auf den Krieg verzichtet... In vielen Fällen
freilich ist der "Frieden der Seele" bloss ein Missverständniss, -
etwas Anderes, das sich nur nicht ehrlicher zu benennen weiss. Ohne
Umschweif und Vorurtheil ein paar Fälle. "Frieden der Seele" kann
zum Beispiel die sanfte Ausstrahlung einer reichen Animalität in's
Moralische (oder Religiöse) sein. Oder der Anfang der Müdigkeit,
der erste Schatten, den der Abend, jede Art Abend wirft. Oder ein
Zeichen davon, dass die Luft feucht ist, dass Südwinde herankommen.
Oder die Dankbarkeit wider Wissen für eine glückliche Verdauung
("Menschenliebe" mitunter genannt). Oder das Stille-werden des
Genesenden, dem alle Dinge neu schmecken und der wartet... Oder
der Zustand, der einer starken Befriedigung unsrer herrschenden
Leidenschaft folgt, das Wohlgefühl einer seltnen Sattheit. Oder die
Altersschwäche unsres Willens, unsrer Begehrungen, unsrer Laster. Oder
die Faulheit, von der Eitelkeit überredet, sich moralisch aufzuputzen.
Oder der Eintritt einer Gewissheit, selbst furchtbaren Gewissheit,
nach einer langen Spannung und Marterung durch die Ungewissheit. Oder
der Ausdruck der Reife und Meisterschaft mitten im Thun, Schaffen,
Wirken, Wollen, das ruhige Athmen, die erreichte "Freiheit des
Willens"... Götzen-Dämmerung: wer weiss? vielleicht auch nur eine Art
"Frieden der Seele"...


4.

- Ich bringe ein Princip in Formel. Jeder Naturalismus in der Moral,
das heisst jede gesunde Moral ist von einem Instinkte des Lebens
beherrscht, - irgend ein Gebot des Lebens wird mit einem bestimmten
Kanon von "Soll" und "Soll nicht"

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Text Comparison with The Case of Wagner Complete Works, Volume 8

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LUDOVICI.
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In a truly great man, life-theory and life-practice, if seen from a sufficiently lofty point of view, must and do always agree; in an actor, in a romanticist, in an idealist, and in a Christian, there is always a yawning chasm between the two, which, whatever well-meaning critics may do, cannot be bridged posthumously by acrobatic feats _in psychologicis.
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"Good and evil" form only a playful subdivision of this problem.
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" In short: _Parsifal.
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Even in his general sketch of the action, Wagner is above all an actor.
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Concerning the "actual requirements of the stage" Wagner would have about the same opinion as any other actor of to-day: a series of powerful scenes, each stronger than the one that preceded it,--and, in between, all kinds of _clever_ nonsense.
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.
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[5] But he who understood Wagner best, was the German youthlet.
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_ The definition of a German: an obedient man with long legs.
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With all this I do not wish to imply that I regard this music as healthy, and least of all in those places where it speaks of Wagner himself.
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There is no necessary contrast between sensuality and chastity; every good marriage, every genuine love affair is above this contrast; but in those cases where the contrast exists, it is very far from being necessarily a tragic one.
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.
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It is a question either of no longer _requiring_ Wagner's art, or of still requiring it Gigantic forces lie concealed in it: _it drives one beyond its own domain.
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It is such a strong trait in him, that on two occasions I doubted whether he were a musician at all.
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35.
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Nietzsche clearly saw that the "philologists" (using the word chiefly in reference to the teachers of the classics in German colleges and universities) were absolutely unfitted for their high task, since they were one and all incapable of entering into the spirit of antiquity.
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then is to secure for philology the universally educative results which it should bring about.
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They work at this and that; their talents are average.
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120 Wanton, mutual annihilation inevitable: so long as a single _polis_ wished to exist--its envy for everything superior to itself, its cupidity, the disorder of its customs, the enslavement of the women, lack of conscience in the keeping of oaths, in murder, and in cases of violent death.
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This amazing ability to raise one's self again, however, is Greek.