Götzen-Dämmerung

By Friedrich Nietzsche

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"wahren Sein" der Dinge
gegeben hat, sind die Kennzeichen des Nicht Seins, des Nichts, -
man hat die "wahre Welt" aus dem Widerspruch zur wirklichen Welt
aufgebaut: eine scheinbare Welt in der That, insofern sie bloss eine
moralisch-optische Täuschung ist.

Dritter Satz. Von einer "andren" Welt als dieser zu fabeln hat gar
keinen Sinn, vorausgesetzt, dass nicht ein Instinkt der Verleumdung,
Verkleinerung, Verdächtigung des Lebens in uns mächtig ist: im
letzteren Falle rächen wir uns am Leben mit der Phantasmagorie eines
"anderen", eines "besseren" Lebens.

Vierter Satz. Die Welt scheiden in eine "wahre" und eine "scheinbare",
sei es in der Art des Christenthums, sei es in der Art Kant's (eines
hinterlistigen Christen zu guterletzt) ist nur eine Suggestion der
décadence, - ein Symptom niedergehenden Lebens... Dass der Künstler
den Schein höher schätzt als die Realität, ist kein Einwand gegen
diesen Satz. Denn "der Schein" bedeutet hier die Realität noch einmal,
nur in einer Auswahl, Verstärkung, Correctur... Der tragische Künstler
ist kein Pessimist, - er sagt gerade Ja zu allem Fragwürdigen und
Furchtbaren selbst, er ist dionysisch...



Wie die "wahre Welt" endlich zur Fabel wurde.

Geschichte eines Irrthums.

1. Die wahre Welt erreichbar für den Weisen, den Frommen, den
Tugendhaften, - er lebt in ihr, er ist sie.

(Älteste Form der Idee, relativ klug, simpel, überzeugend.
Umschreibung des Satzes "ich, Plato, bin die Wahrheit".)

2. Die wahre Welt, unerreichbar für jetzt, aber versprochen für den
Weisen, den Frommen, den Tugendhaften ("für den Sünder, der Busse
thut").

(Fortschritt der Idee: sie wird feiner, verfänglicher, unfasslicher, -
sie wird Weib, sie wird christlich... )

3. Die wahre Welt, unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar, aber
schon als gedacht ein Trost, eine Verpflichtung, ein Imperativ.

(Die alte Sonne im Grunde, aber durch Nebel und Skepsis hindurch; die
Idee sublim geworden, bleich, nordisch, königsbergisch.)

4. Die wahre Welt - unerreichbar? jedenfalls unerreicht. Und als
unerreicht auch unbekannt. Folglich auch nicht tröstend, erlösend,
verpflichtend: wozu könnte uns etwas Unbekanntes verpflichten?...

(Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei des
Positivismus.)

5. Die "wahre Welt" - eine Idee, die zu Nichts mehr nütz ist, nicht
einmal mehr verpflichtend, - eine unnütz, eine überflüssig gewordene
Idee, folglich eine widerlegte Idee: schaffen wir sie ab!

(Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens und der Heiterkeit;
Schamröthe Plato's; Teufelslärm aller freien Geister.)

6. Die wahre Welt haben wir abgeschafft: welche Welt blieb übrig? die
scheinbare vielleicht?... Aber nein! mit der wahren Welt haben wir
auch die scheinbare abgeschafft!

(Mittag; Augenblick des kürzesten Schattens; Ende des längsten
Irrthums; Höhepunkt der Menschheit; INCIPIT ZARATHUSTRA.)



Moral als Widernatur.

1.

Alle Passionen haben eine Zeit, wo sie bloss verhängnissvoll sind, wo
sie mit der Schwere der Dummheit ihr Opfer hinunterziehen - und eine
spätere, sehr viel spätere, wo sie sich mit

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Text Comparison with Beyond Good and Evil

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